Lasst Tränen fließen

Detmold – Fulminantes Debüt für Regisseurin Katharina Thoma in Detmold. Das Landestheater Detmold startet mit Puccinis La Bohème in einen kolossalen Opern-Herbst.

La Boheme

Das Landestheater in Detmold zeigt in diesem Herbst eine rundum gelungene La- Bohème-Inszenierung – Foto Landestheater Detmold/Jochen Quast

Für seine Oper La Bohème hat Puccini keine Ouvertüre komponiert. Auch kein kleines Vorspiel. Nicht mal einen Akkord oder Paukenschlag. Regisseurin Katharina Thoma hat an ihrer Stelle Atemgeräusche gesetzt. Ruhiges Ein- und Ausatmen. Man denkt an einen Überwachungsmonitor im Krankenhaus.

Klang des Lebens

Mit diesem Klang des Lebens holt Regisseurin Thoma das Publikum im restlos ausverkauften großen Saal des Detmolder Landestheaters mitten ins Gefühlszentrum der Oper. Besser kann man es nicht machen, eine kleine Metapher, die alles beschreibt, was es zu erzählen gibt. La Bohème ist eine Oper des Atems. Drei Jahre haben Komponist Giacomo Puccini und die Librettisten Luigi Illica und Giuseppe Giacosa um den Stoff gerungen, bevor die Oper vor 130 Jahren in Turin uraufgeführt wurde. Der Erfolg kam jedoch erst einige Jahre später. Zu sehr war Puccini seiner Zeit voraus.

Einstand als Gastregisseurin in Detmold

Es sind die beiden Frauenfiguren “Mimi” und “Musetta”, die die Oper tragen. Da ist die tuberkulosekranke “Mimi”, die ihr Leben über die vier Akte langsam aushaucht und da ist die lebenshungrige “Musetta”, die das Leben in sich einsaugt. Einatmung und Ausatmung auf zwei Figuren verteilt, die aber gleichzeitig auch einen symbiotischen Organismus bilden.

Mit La Bohème gibt Regisseurin Katharina Thoma (51) ihren Einstand als Gastregisseurin in Detmold. Thoma wechselte nach einem Klavierstudium in die Opernregie und erlangte nach Assistenzen in Frankfurt schnell internationale Anerkennung. Als freischaffende Regisseurin inszenierte sie an Spitzenhäusern wie dem Glyndebourne Festival und dem Royal Opera House London, parallel dazu lehrt sie seit 2019 als Professorin in Würzburg. Mit rund zehnminütigen stehenden Ovationen wurde die Premiere in Detmold gefeiert.

Fegt wie ein Wirbelsturm über die Bühne

Der Erfolg ist vor allem aber auch das Verdienst eines kolossalen Ensembles. Sopranistin Lubov Karetnikova gab der Mimi wunderbar lyrische Züge. Koloratursopranistin Karola Sophia Schmid fegt im zweiten Akt wie ein Wirbelsturm über die Bühne. Sie saugt das Leben, die Aufmerksamkeit und die Luft im Raum vollständig in sich auf. Es wäre zu einfach, die beiden Figuren auf den Dualismus einer Femme Fragile und eine Femme Fatale zu reduzieren. Vor allem auch musikalisch greift die Oper viel tiefer. Puccini war ein Meister des musikalischen Atems. Der Detmolder Generalmusikdirektor Per-Otto Johansson ist ein Meister der atemtechnischen Synchronisation. Das Symphonische Orchester des Landestheaters und die Gesangssolisten agieren als synkopisch verbundener Organismus. Gerade in Bezug auf Mimi lässt Per-Otto Johansson das Orchester im einen stetigen Rhythmus auf den Hauptzählzeiten spielen, während Lubov Karetnikova synkopisch verschoben einsetzt und es wirkt, als hätte Mimì nicht genug Kraft, um auf den Punkt mit dem Orchester zu singen. Da gehört viel Feingefühl dazu, das immer richtig präzise hinzukriegen. Vor allem, weil man das ja nicht wirklich hört, sondern eigentlich nur gefühlsmäßig wahrnimmt. Aber es gibt ein eindeutiges Indiz: Wenn beim Publikum die Tränen fließen, war alles richtig.

Landestheater bietet alles auf

Die Detmolder Inszenierung hat aber weitaus mehr zu bieten als ein Warten auf die grandiose Sterbeszene. Vor allem im zweiten Akt, wenn das große Weihnachtsfest gefeiert wird, bietet das Landestheater alles auf, was es zu bieten hat. Chor und Extrachor und ein Kinderchor des Grabbe-Gymnasiums lassen das Fest mit leicht 50 Mitwirkenden erklingen.

Bis zum 28. Januar ist die Oper im Großen Haus des  Detmolder Landestheaters zu sehen. Gastspiele in Westfalen gibt es am 2. Oktober in Lippstadt, am 21. Dezember in Coesfeld, am 6. Februar in Herford sowie am 18. und 19. März in Gütersloh und Paderborn.

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