Detmold – Dem Landestheater Detmold gelingt mit dem Sinalco-Musical der Spagat, mit einer lokalen Geschichte einen Beitrag zu einem gesamtgesellschaftlichen Diskurs zu leisten.

Sopranistin Brigitte Bauma ist er Publikumsliebling im Sinalco-Musical – Foto Landestheater Detmold/Jochen Quast
Da hat der ehemalige Intendant des Detmolder Landestheaters Georg Heckel (58) der neuen Chefin Kirsten Uttendorf (56) aber ein schönes Abschiedsgeschenk gemacht. Georg Heckel hat das Werk in Auftrag gegeben, mit dem Uttendorf jetzt eine riesen Uraufführung feiern konnte. Das Musical “Das Glück ist eine Orange” über die Sinalco-Geschichte wird als ein Meilenstein in die 200-jährige Geschichte des Detmolder Landestheaters eingehen.
Weiß außerhalb von Detmold kein Mensch
Außerhalb von Detmold weiß kein Mensch, dass 1905 in der kleinen ostwestfälischen Residenzstadt am Teutoburger Wald die Sinalco-Brause erfunden wurde und damit gleichzeitig die erste globale Getränkemarke ihren Siegeszug um die Welt antritt. Eine schöne Geschichte für die Detmolder, aber keine Geschichte, für ein Landestheater, auch wenn es in Detmold seinen Sitz hat. Es sei denn, man heißt Peter Lund. Als Autor und Regisseur des Sinalco-Musicals hat der 59-jährige gebürtige Flensburger mit “Das Glück ist eine Orange” ein konzeptionelles Meisterwerk geschaffen. Das Musical ist keine Hommage auf eine Kinderbrause, sondern eine sehr aktuelle Auseinandersetzung mit dem Wiedererstarken faschistischer Politik.
Nationalsozialistischer Musterbetrieb
Sinalco war nämlich auch ein nationalsozialistischer Musterbetrieb. Der jüdische Direktor Carl Vogel wurde geschasst und 1936 der linientreue Bielefelder Nationalsozialist Gustav Hardorp an die Spitze gesetzt. Er durchlief nach dem Krieg eine rasche Entnazifizierung und machte an selber Stelle weiter. Autor und Regisseur Lund montiert geschickt zwei Ebenen aus den 40er und 60er Jahren übereinander. Im Musical geht es um die Frage, bist du schon Demokrat oder immer noch Nazi. Doch bei dieser Frage belässt er es nicht und blickt voraus fragt auch die Zuschauer im Saal: Bist du noch Demokrat oder schon wieder Nazi. Damit schaltet sich das Detmolder Landestheater höchst konstruktiv in den vielleicht wichtigsten gesellschaftlichen Diskurs der Gegenwart ein.
Queerness und Sommerfrische
Trotz des sehr ernsten Hintergrunds versprüht das Musical Leichtigkeit, Humor, Queerness und ganz viel Sommerfrische. Die Apfelsine ist für uns schließlich eine Winterfrucht und genau richtig, die grauen Monate zu versüßen. Absoluter Publikumsliebling des Musicals ist das Detmolder Urgestein Brigitte Bauma. Die als Kammersängerin ausgezeichnete Sopranistin ist in der Rolle der Vorarbeiterin “Emma” ein gesangliches Aushängeschild der Inszenierung.
Der ideale Rahmen für so ein Vorhaben
Der historische Teil des Musical basiert auf der Arbeit des Detmolder Regionalforschers Dr. Hans-Joachim Keil. “Vier Jahre habe ich die Entstehung begleitet und ich habe auch den Hauptdarstellern für ihre Rollen Details aus familiären Privat-Archiven früherer Sinalco Mitarbeiter näher gebracht, damit sie noch besser in die Figuren hineinfinden konnten”, erklärt Keil. Schon vor fünf Jahren hatte Keil dem damaligen Intendanten Georg Heckel die Sinalco-Story als Stoff für eine Inszenierung vorgeschlagen. Heckel fand, das Zusammenfallen des 200-jährigen Jubiläums des Landestheaters und den 120. Sinalco-Geburtstag, sei der ideale Rahmen für so ein Vorhaben. Außerdem verursacht ein Auftragswerk ja auch zusätzliche Kosten, die sich anlässlich eines runden Jubiläums am besten erklären lassen.
Wer sich für die ganze Sinalco-Historie interessiert: Regionalforscher Hans-Joachim Keil hat in mehreren Multimedia-DVDs die ganze Geschichte dargestellt, die sich über den Autor (www.Sinalco-in-Detmold.de) beziehen lassen.
Bis Juli wird das Musical insgesamt zwölfmal aufgeführt. Zwar gibt es für alle Aufführungen noch Karten, meistens sind es aber nur noch wenige Restkarten. Der Erfolg ist also bereits verbrieft.
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