Dom-Museum: Neun Jahre war Münsters Domschatz verschwunden. Nicht wirklich natürlich. Reliquiare, Skulpturen, Gewänder und Goldschmiedearbeiten lagen sicher und unter kontrollierten klimatischen Bedingungen im Depot der Kunstspedition Hasenkamp und an einigen geheim gehaltenen Orten. Einige der Kostbarkeiten gingen zwischendurch auf Reisen.

Gut gesichert in Vitrinen: Teile des Domschatzes können jetzt wieder in Augenschein genommen werden – Foto Marius Jacoby
Jetzt kehrt der Schatz zurück ins Herz der Stadt. Doch das neue Dom-Museum PAULUS am Alten Steinweg will mehr sein als eine neue Schatzkammer. Es ist ein ungewöhnliches Gemeinschaftswerk von Kirche, privatem Bauherrn, Stiftern, Architekten und Handwerkern.
2017 war Schluss. Die Domkammer am St.-Paulus-Dom musste nach fast 40 Jahren schließen. Die baulichen Bedingungen reichten für die teilweise jahrhundertealten Kunstschätze nicht mehr aus. Vor allem die Klimatechnik war marode. „Hier ging nichts“, erinnert sich Dompropst Hans-Bernd Köppen.
Damit verschwand einer der bedeutendsten Kirchenschätze Westfalens aus dem Blickfeld. Einzelne Stücke waren später in Paderborn und sogar im amerikanischen Cleveland zu sehen. Im vergangenen Jahr kehrten einige für eine Sonderausstellung vorübergehend in den Dom zurück. Der große Rest blieb im Depot.
Ein Dom-Museum, das der Kirche gar nicht gehört
Nun bekommt der Schatz ein neues Zuhause. Am Alten Steinweg 3, wenige Schritte vom Prinzipalmarkt entfernt, öffnet das Dom-Museum PAULUS. Rund 400 Quadratmeter Ausstellungsfläche stehen zur Verfügung. Nicht mehr möglichst viel auf einmal zeigen, sondern auswählen, kombinieren und Geschichten erzählen. Die Ausstellungen sollen wechseln.
Schon die Entstehung des Hauses ist eine gute Münster-Geschichte. Bauherr ist nicht das Bistum. Eigentümerin ist die kunstaffine Münsteraner Kaufmannsfamilie Lohmann. Gemeinsam mit Architekt Jörg Preckel und Dompropst Köppen entstand die Idee, dem seit Jahren heimatlosen Domschatz hier ein neues Zuhause zu geben.
„Was gibt es Schöneres, als Kunst und Kultur, Moderne und Antike, Jung und Alt zusammenzubringen und in seiner Heimatstadt kreativ werden zu können?“, sagt Anna Lohmann-Gerleve. Heinz Lohmann spricht von einer „großen Freude und Ehre“. Das Museum solle nicht nur Schätze zeigen, sondern „leben“.
Das Modell dahinter ist bemerkenswert. Die Familie Lohmann errichtete mitten in bester Innenstadtlage ein Wohn- und Geschäftshaus. In den oberen Etagen entstanden sechs Wohnungen. Hinzu kamen Büroräume. Die beiden unteren Geschosse wurden für das Museum geplant. Das Domkapitel ist Mieter.
Für die Kirche kam das Angebot zur rechten Zeit. Einen eigenen Museumsneubau hätte sie angesichts sinkender Einnahmen und der Debatten um ihren Immobilienbestand nur schwer vermitteln können.
Einfach war der Bauplatz nicht. Wer mitten im historischen Münster baut, bekommt eine Nachbarschaft, in der architektonische Fehler ziemlich lange sichtbar bleiben. Lambertikirche, Prinzipalmarkt, Alter Fischmarkt: Hier reicht kein hübscher Neubau von der Stange.
Preckel hat deshalb die Geschichte des Grundstücks und seiner Umgebung aufgenommen. Mehrere Baukörper gruppieren sich um einen Innenhof. Torhaus und Giebelhaus führen das Ensemble bis zum Alten Fischmarkt. Die markanten Giebel zitieren eine Form, die tief zur Münsteraner Stadtarchitektur gehört. Preckel kopiert sie nicht. Er übersetzt sie.
Dom-Museum: Gold vor blankem Stahl
Drinnen ändert sich die Tonlage. Wer eine kirchliche Schatzkammer mit schweren Materialien, gedämpftem Licht und viel Ehrfurcht erwartet, wird überrascht. Die Räume dürfen rau sein. Konstruktion und technische Elemente bleiben teilweise sichtbar. Eine mittelalterliche Heiligenfigur steht auf blankem Walzstahl. „Ruppig“ nennt Preckel diese Art der Inszenierung. Der Kontrast funktioniert: Gold, Silber, Edelsteine und jahrhundertealte Skulpturen vor einer Architektur, die sich nicht kostbarer macht, als sie ist.

Eine Großvitrine gibt einen unverstellten Überblick auf die Exponate, die eine Geschichte erzählen – Foto Marius Jacoby
Auch beim Geld wurde improvisiert. Ein Großteil der Vitrinen stammt aus dem geschlossenen Museum für Lackkunst. Sämtliche beauftragten Handwerksbetriebe kommen aus der Region, einige spendeten einen Teil ihrer Leistungen.

Gold, Silber und ein Blick aus Jahrhunderten: Eine der kostbaren Reliquienbüsten des Domschatzes, die nach neun Jahren im Depot nun im neuen Dom-Museum wieder zu sehen ist – Foto Jörg Bockow
Nur bei der Sicherheit wurde nicht geknausert. Nach dem spektakulären Raub im Louvre im vergangenen Jahr habe man noch einmal nachgerüstet, erzählt Preckel. Schon zuvor sei modernste Technik eingebaut worden. „Wenn hier einer in die Wand bohrt, merken wir das.“ Dompropst Köppen hat noch eine zweite Sicherheitsstufe entdeckt: „Die Polizei sitzt nur fünf Häuser weiter.“
Dom-Museum: Paulus macht den Anfang
Den Auftakt bestreitet der Mann, dessen Namen Dom und Museum tragen. „Ich gehe, aber wohin?“ heißt die Eröffnungsausstellung. Sie folgt Paulus vom jungen Mann aus Tarsos über den Christenverfolger und das Damaskus-Erlebnis bis zum Missionar, Briefeschreiber und Märtyrer.
„Paulus war viel unterwegs und seine Biografie war geprägt von Brüchen und Veränderungen“, sagt Köppen. Darin sieht er die Brücke zur Gegenwart: Menschen stellen sich auch heute die Frage, wohin ihr Leben führen soll.
Rund 30 Leihgeber aus dem In- und Ausland haben Kunstwerke, archäologische Objekte und zeitgenössische Arbeiten nach Münster geschickt. Leihgaben kommen unter anderem aus Padua und den Vatikanischen Museen. Und natürlich darf der eigene Schatz endlich wieder glänzen.
Zu seinen herausragenden Stücken gehört das goldene Büstenreliquiar des heiligen Paulus aus dem 11. Jahrhundert. Gold, Silber, Edelsteine und feines Filigran machen es zu einem Objekt, vor dem man automatisch etwas länger stehen bleibt. Nach der Überlieferung enthält es ein Fragment der Schädelkalotte des Apostels. Daneben steht ein steinerner Pauluskopf aus der Zeit um 1225. Zu sehen sind das Kapitelkreuz aus dem 13. Jahrhundert, Skulpturen des ehemaligen Domlettners und ein Altarflügel von Gerhard Gröninger mit dem Tod des Paulus.
Zu den erstaunlichsten Objekten gehört ein mittelalterliches Kokosnussreliquiar. Seine Materialien erzählen von einer Welt, die internationaler war, als wir uns das Mittelalter gern vorstellen. Ein islamischer Bergkristall wurde umgearbeitet und in ein christliches Reliquiar integriert. Kulturen trafen aufeinander, lange bevor jemand das Wort interkulturell erfand. Aus dem Vatikan kommt ein Wanderstock, der mit dem Apostel Paulus in Verbindung gebracht wird.
Dom-Museum: Unterwegs mit Paulus
Stillstehen war ohnehin nicht die Sache dieses Mannes. Drei große Missionsreisen führten Paulus durch den Mittelmeerraum. Im Museum wird daraus ein digitales Reisetagebuch. Besucher können seinen Wegen folgen.

Bereits im Eingangsbereich fällt der Blick auf eine große Sandsteinbüste von Paulus – Foto Marius Jacoby
Auch seine Briefe spielen eine Rolle. Sie hielten den Kontakt zu den jungen Gemeinden, schlichteten Konflikte, erklärten Glauben und stritten über Regeln. Einige schrieb Paulus aus dem Gefängnis. Die Paulusbriefe gehören zu den ältesten Texten des Neuen Testaments.
Für Münster ist das mehr als Kirchengeschichte. Der St.-Paulus-Dom ist die einzige Bischofskirche Deutschlands mit dem Patronat des Apostels. Seine Verehrung lässt sich hier bis ins Jahr 889 zurückverfolgen.
Dom-Museum: Raus aus der Kirchenblase
PAULUS soll kein Museum nur für jene werden, die ohnehin sonntags im Dom sitzen. Das Haus versteht sich als Ort des Dialogs mit der Stadt. Schulen können Unterricht ins Museum verlegen. Gruppen können Führungen buchen. Zweimal pro Woche gibt es kostenlose öffentliche Führungen. Kunstgeschichte, Religion und Gegenwart sollen dabei miteinander ins Gespräch kommen.
Dom-Museum: Der Eintritt bleibt frei.
Auch finanziell steht das Projekt auf mehreren Beinen. Das Domkapitel mietet die Räume von der Familie Lohmann. Für Betrieb und Unterhalt wurde eine Stiftung gegründet, hinzu kommt ein Förderverein. Nach Angaben der Verantwortlichen fanden sich innerhalb von drei Monaten rund 30 Stifter. Ihre Zusagen sichern die Finanzierungslücke für die ersten zehn Jahre. Zehn Jahre Planungssicherheit für ein Museum, dessen bedeutendste Stücke neun Jahre lang im Depot lagen.
Am 26. August wird das PAULUS feierlich eröffnet und vom neuen Münsteraner Bischof Heiner Wilmer gesegnet. Einen Tag später öffnet das Museum für alle, pünktlich zum NRW-Tag und Stadtfest. Geöffnet ist montags bis samstags von 12 bis 18 Uhr, der Eintritt ist frei. Nach neun Jahren im Depot hat Münsters Domschatz damit wieder einen festen Platz in der Stadt.
Jörg Bockow

















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