Kammermusik mit Fernweh: Wer im September mit den WestfalenClassics unterwegs ist, braucht keinen Koffer. Dafür offene Ohren. Das Internationale Kammermusikfestival reist in sechs Konzerten durch Jahrhunderte, Länder und musikalische Welten. Von Mozart und Brahms bis Piazzolla, von Vivaldi bis Jazz.
Los geht es am 11. September um 19 Uhr in der Jakobikirche Lippstadt. Und zwar alles andere als ehrfürchtig auf Zehenspitzen. Spark nennt sich selbst „die klassische Band“ und nimmt diese Bezeichnung ziemlich wörtlich. Zwei Blockflöten, Melodica, Violine, Viola, Cello und Klavier reichen dem Ensemble, um musikalische Grenzen ordentlich durcheinanderzubringen. „Bohemian Spirit“ heißt das Programm, in dem Poulenc auf Michael Nyman trifft, Charles Aznavours „La Bohème“ neben zeitgenössischen Kompositionen steht und selbst Bizets „Carmen“ noch einmal anders zu hören ist.
Einen Abend später wird die Kammermusik intimer. In der barocken Kapelle auf Gut Holthausen bei Büren stehen sich zwei Meisterwerke gegenüber: Mozarts Klarinettenquintett A-Dur und das gut hundert Jahre später entstandene Klarinettenquintett h-Moll von Johannes Brahms. „Melancholische Heiterkeit“ hat das Festival den Abend überschrieben. Klarinettist Radovan Cavallin spielt gemeinsam mit Gernot Süßmuth, Raphael Hevicke, Sara Kim und Jelena Očić. Der Ort passt: Gut Holthausen geht auf ein Zisterzienserinnenkloster aus dem 13. Jahrhundert zurück, die Ausstattung der kleinen Kirche ist seit dem späten 18. Jahrhundert nahezu unverändert.
Am Sonntagmorgen, 13. September, zieht der Barock ins Rittergut Störmede ein. Das Thüringer Bach Collegium widmet sich Vivaldis „Vier Jahreszeiten“, jenem Dauerbrenner, bei dem man beinahe vergisst, wie radikal bildhaft diese Musik einmal war: Gewitter, Vogelrufe, Hitze, Frost und knirschendes Eis stecken in den vier Violinkonzerten. Ergänzt werden sie durch Barockarien von Johann Friedrich Agricola, Vivaldi und Henry Purcell. Solistin ist die Sopranistin Julia Gromball.
Dann macht das Festival fünf Tage Pause mit der Kammermusik und wechselt nicht nur den Ort, sondern gleich die musikalische Gangart. Am 18. September tritt das Frank Dupree Trio bei Lönne Umweltdienste in Lippstadt auf. Ein Konzert zwischen Klavier, Kontrabass und Schlagzeug, zwischen Bach und Jazz. Johann Sebastian Bachs Präludien werden zum Ausgangspunkt für Improvisationen, Nikolai Kapustins Concert Etudes treiben die Verbindung von Klassik und Jazz weiter. Schließlich landet das Trio bei Mussorgskys „Bildern einer Ausstellung“. Nicht in der bekannten Orchesterpracht, sondern in einer eigenen Fassung für Jazztrio. Frank Dupree sitzt am Klavier, Jakob Krupp spielt Kontrabass, Meinhard „Obi“ Jenne Schlagzeug.
Tags darauf geht die Reise nach Südamerika. Im Historischen Rathaus Rüthen erklingen Astor Piazzollas „Vier Jahreszeiten von Buenos Aires“. Piazzolla nahm Vivaldis berühmtes Vorbild nicht einfach auf, sondern schickte die Jahreszeiten durch die Straßen, Bars und Tanzsäle der argentinischen Metropole. Tango trifft Kammermusik, Melancholie auf Rhythmus. Dazu liest die österreichische Schauspielerin Julia Stemberger Texte von Isabel Allende. Gernot Süßmuth, Dagmar Spengler-Süßmuth, Alf Moser und Reinhard Seehafer übernehmen den musikalischen Part.
Für das Finale am 20. September hat sich das Festival für inernationale Kamamermusik Schloss Körtlinghausen ausgesucht. Das barocke Ensemble liegt im Glennetal zwischen Rüthen und Warstein und liefert die passende Kulisse für eine Matinee, die noch einmal Fernweh weckt. „Souvenirs de voyage“ heißt sie. Johannes Brahms’ Streichsextett B-Dur trifft auf Tschaikowskys Streichsextett „Souvenir de Florence“. Tschaikowsky hatte die Idee dazu während eines Aufenthalts in Florenz, vollendet wurde das Werk später in Russland. Sechs Streicher lassen die Reise ausklingen.
Dass die WestfalenClassics dabei nicht in einem großen Konzerthaus bleiben, gehört zum Konzept. Kirchen, Gutshöfe, Schlösser, ein historisches Rathaus und sogar ein Unternehmen werden zum Konzertsaal. Das Festival, 2005 von der Sopranistin Nazila Bawandi gegründet und seitdem künstlerisch von dem Geiger Gernot Süßmuth geprägt, will hochkarätige Kammermusik bewusst jenseits der großen Kulturmetropolen verankern. Finanziert wird es nach eigenen Angaben ohne öffentliche Förderung, durch Eintrittsgelder sowie private Sponsoren und Förderer.
Sechs Konzerte, sechs Orte und eine Strecke, die musikalisch erheblich weiter ist als die Kilometer zwischen Lippstadt, Büren, Geseke und Rüthen. Für diese Reise genügt eine Eintrittskarte.













Speak Your Mind