SCHULE LEHRE STUDIUM – Gegen die Verunsicherung

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Artikelserie SCHULE, LEHRE, STUDIUM: Die Sommerferien nahen und mit ihnen für viele junge Menschen ein Schulwechsel oder das Ende der Schulzeit. Jetzt wird darüber nachgedacht,  welchen Ausbildungs- und Berufsweg der hoffnungsvolle Nachwuchs gehen soll. Mit diesem Beitrag startet Westfalium die Artikelserie SCHULE LEHRE STUDIUM mit Anregungen für eine erfolgreiche Berufskarriere in der Heimat.

Corona hin oder her: Auch in diesem Jahr werden Abschlussjahrgänge die Schulen verlassen. Auch in diesem Jahr werden Hochschulen ihre Studienplätze und Unternehmen ihre Ausbildungsplätze und dualen Studienplätze vergeben. Mit der Epidemie ist die Wahl der richtigen Schule, der richtigen Ausbildung oder des richtigen Studiums allerdings nicht einfacher geworden.

von Lutz Thimm

Schule Lehre Studium

Präsenzunterricht an Schulen: Wäre schön, wenn er bald wieder möglich wird, denn das durchaus mit Schwierigkeiten verbundene digitale Lernen ersetzt nicht den Austausch von Angesicht zu Angesicht  – Foto thimm

Die berufliche Orientierung für junge Menschen ist zurzeit schwierig. Berufsmessen gibt es gerade nicht. Ausbildungsplatzbörsen finden nicht statt. Hochschulen laden nicht zum Tag der offenen Tür. Berufsberatung findet in geschlossenen Schulen nicht statt. Arbeitsagenturen beraten nicht persönlich an den Schulen. Stattdessen verlagern sich solche Angebote in das Internet, genauso wie der Schulunterricht. Es fehlt die Liveansprache der Schüler vor Ort. Damit sind die Angebote nur halb so informativ und es entsteht eine Schülergeneration, die sich um Berufsorientierung jetzt ein Jahr wenig bis gar nicht gekümmert hat. Die Folgen werden uns einholen.

Nicht nur von eins bis sechs denken!

Dennoch wird von den jungen Menschen erwartet, dass sie sich auf die Zeit nach der Schule vorbereiten. Auf den sogenannten „Ernst des Lebens“. Und das ist in Pandemiezeiten schwierig. Der Alltag der Schüler schwankt zwischen Homeschooling und Lockdown, so dass viele eine gewisse Lethargie entwickeln. Und auch wir Erwachsene müssen uns in Pandemiezeiten immer wieder motivieren – das fällt vielen schwer.

Schule Lehre Studium

Der Autor: Lutz Thimm studierte in Münster und in London Politikwissenschaften und wurde 1971 geboren. Nach beruflichen Stationen bei der Personalberatung Kienbaum und an der Universität Witten-Herdecke gründete er in Schwerte 2002 das thimm – Institut für Bildungs- und Karriereberatung. Mit seinen MitarbeiterInnen unterstützt er junge Menschen beim Schritt in die Ausbildung, das Studium oder in den ersten Beruf. Sein komplettes Berufsleben hat mit dieser Zielgruppe und der Problemstellung, den bestmöglichen Weg zu finden, zu tun. Das Institut berät Schülergruppen an Schulen und auch Privatpersonen, zurzeit online – Foto thimm

Gerade wenn es perspektivisch um die Zeit nach der Schule geht, um das Thema Berufs- und Studienorientierung, dann scheint dieses Thema erst einmal weit weg. Die Notwendigkeit wird allerspätestens erkannt, wenn das Abiturzeugnis überreicht ist. Nur wenige agieren da vorausschauend. Dafür wäre eigentlich ausreichend Zeit. Denn wir hatten in Pandemiezeiten noch nie so viel Zeit, oder? Vielleicht nicht alle, aber die meisten von uns im Homeoffice und vor allem die Schüler haben viel Zeit, weil jegliche Ablenkung (leider) fehlt.

Jede Schule hat ihre eigene, prägende Kultur. Das ist faszinierend. Und natürlich wird diese Kultur von Menschen geprägt. Vor allem von Menschen, die Leitungs- und Vorbildfunktion haben: Eltern, Lehrer, Unternehmer. Schlimm ist, wenn diese Funktion nicht wahrgenommen wird. Wenn im Homeschooling eine Lehrerin auf die Nachfrage eines Schülers, wie denn seine Hausaufgaben inhaltlich seien, antwortet, dass er gut und ordentlich gearbeitet habe, dann ist das eine frohe Botschaft. Wenn die Lehrerin, die Deutsch unterrichtet, gesehen hätte, dass sie seit drei Wochen die Französischaufgaben des Schülers per E-Mail erhält, dann wäre ihre Rückmeldung vermutlich anderes ausgefallen. Peinlich!

Schule Lehre oder Studium? Eigenverantwortung ist der Schlüssel

Gerade jetzt müssen Eltern und Lehrer ihre Vorbildfunktion ausüben. Eine Schulkultur muss zum eigenständigen Arbeiten führen. Lehrer und Eltern monieren oft das Lernverhalten der Kinder, dabei ist das Verhalten aller Beteiligten wichtig. Wenn Lehrer und Eltern den Schülern den „Weg des geringsten Widerstandes“ zeigen und gar vorleben, dann …

Eine Schule – das Pädagogium in Bonn – hat an der Außenwand der Gebäudes einen großen Schriftzug angebracht: „Jenseits von eins bis sechs!“ steht da von außen gut lesbar an der Fassade, elegant ums Eck geschrieben. Was ist die Botschaft? Die Botschaft ist: Schüler müssen zur Eigenverantwortung erzogen werden! Dabei spielen die Vorbilder eine wichtige Rolle.

Eigenverantwortung ist der Schlüssel – auch für Berufsorientierung in Pandemiezeiten. Schulen haben ausreichend zu tun, um den Onlineunterricht abzubilden. Trotzdem gibt es die Erwartung, dass dann noch berufsorientierende Maßnahmen für ganze Klassen organisiert werden. Es gibt Schulen, die diesem Anspruch gerecht werden. Vielen Schulen gelingt das aber nicht.

Gerade schmerzhafte Fehler sind lehrreich

Die Beratunsprojekte vom thimm-Institut für Bildungs- und Karriereberatung finden online statt und auch da ist Eigenverantwortung, die Freiwilligkeit, die Bereitschaft des Schülers der Schlüssel. Die Schüler, die da mitmachen und sich um ihre Zukunft kümmern wollen, machen das freiwillig. Animiert durch Eltern und/oder Lehrer. Das ist der Anfang, das ist im Kern die Bereitschaft, sein Leben selber zu gestalten.

Bieten wir unseren Kindern nicht den Weg des geringsten Widerstandes an, führen, leiten wir sie, und zwar über den schwierigen, steilen, mühevollen Weg. Das fällt nicht leicht, vor allem, wenn man sein Kind Jahre in Watte gepackt hat.

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Zurzeit beraten die Bildungsexperten des thimm-Instituts, Schüler und Eltern per Videochat – Foto pixabay

Wenn junge Menschen Termine vergessen oder sonst welche Fehler gemacht haben, dann gibt es Helikopter-Eltern, die alles glattbügeln. In Watte packen bringt nichts. Das passiert im Studium oder in der Ausbildung oder gar im Beruf später ja auch nicht. Aus Fehlern lernen ist oft schmerzhaft. Aber eines habe ich in über 20 Jahren in der Zusammenarbeit mit jungen Menschen gelernt: Manchmal ist das ein sehr nachhaltiges Lernen. Natürlich ist es schöner, wenn vorausschauend agiert wird. Das schafft in jungen Jahren aber nicht jeder. Und natürlich werden Eltern aus Liebe versuchen, jeden Schaden von ihren Kindern abzuhalten. Das soll auch so sein, ist manchmal aber grundlegend falsch.

Kinder brauchen Leitplanken

Ob Pandemie oder nicht: Persönlichkeitsentwicklung – und dazu gehört auch die Wahl des richtigen Ausbildungsganges oder Studienganges – ist ein lebenslanger Prozess, jenseits von Eins bis Sechs. Dafür gibt es keine Schulnoten, obwohl es für Unternehmer die wohl wichtigste Note wäre. Was bringt ein Notendurchschnitt von 1,0, wenn man den Müll nicht raustragen kann oder im Gespräch mit den Kollegen in kritischen Momenten nicht den emotionalen Zugang findet. Kinder brauchen Leitplanken. Erfahrene private Berufsberater unterstützen da gerne und Eltern dürfen dafür sogar bezahlen. Das funktioniert aber nur, wenn nicht nur die Eltern, sondern auch das Kind die Beratung bei Fragen zu Schule, Lehre und Studium wirklich will.

Westfalium-Serie SCHULE LEHRE STUDIUM – Wissenswertes für den Karrierestart in der Heimat

 

 

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