80 Jahre NRW – Operation Marriage

80 Jahre NRW: Am 23. August 1946 wurde das Land Nordrhein-Westfalen gegründet. Die Bewohner des neuen Landes wurden dabei nicht gefragt – es war die britische Besatzungsmacht, die bei der “Operation Marriage” zusammen mit christlich-katholischen deutschen Politikern die alte preußische Provinz Westfalen und den Nordteil der preußischen Rheinprovinz zum Land Nordrhein-Westfalen zusammenschmiedete.

80 Jahre NRW Operation Marriage

Der Vater Nordrhein-Westfalens: Sir Brian Robertson, im Jahr 1946 stellvertretender Militärgouverneur für die englische Besatzungszone – Bild Landesarchiv NRW

Streitfrage Ruhrgebiet

Nach der Kapitulation am 8. Mai 1945 hatten die Siegermächte die oberste Regierungsgewalt über ganz Deutschland übernommen und das Land in vier Besatzungszonen aufgeteilt. Während die preußische Provinz Westfalen und das Land Lippe vollständig zum britischen Besatzungsgebiet zählten, war die Rheinprovinz durch die Alliierten geteilt worden: Ihr nördlicher Teil mit den Regierungsbezirken Köln, Aachen und Düsseldorf unterstand britischer Herrschaft, der Süden war später der französischen Besatzungszone zugesprochen worden und ging schließlich im Land Rheinland-Pfalz auf.

Auf der Potsdamer Konferenz 1945 der Siegermächte des 2. Weltkriegs stellte sich die Frage nach der künftigen räumlichen Gestaltung von Deutschland – nirgendwo war dies so problematisch wie an Rhein und Ruhr. Lag hier doch das mächtigste Industriegebiet Europas, das während beider Weltkriege als Rüstungsschmiede gedient hatte. Frankreich verlangte eine Abtrennung des Rheinlands und Westfalens von Deutschland. Zudem sollte das Ruhrgebiet internationalisiert und seine Produktionskapazitäten mit Ausnahme der Kohleförderung deutlich reduziert werden. Auch die Sowjetunion forderte zur Sicherstellung von Reparationen eine Kontrolle des Ruhrgebiets durch die vier Siegermächte.

80 Jahre NRW Operation Marriage

Rudolf Amelunxen, während der Weimarer Zeit Oberpräsident der preußischen Provinz Westfalen, von den Nazis abgesetzt und 1945 von den Briten wieder eingesetzt, plädierte für ein eigenständiges Bundesland Westfalen – Bild Landesarchiv NRW

Die französischen Pläne wurden von der britischen Regierung abgelehnt: Ihre Umsetzung, so die Einschätzung in London, würde erbitterten Widerstand der Deutschen hervorrufen und zugleich zu einer weiteren Verschlechterung der ohnedies katastrophalen wirtschaftlichen Situation in ganz Deutschland führen. Als mögliche Folgen wurden eine Stärkung des Kommunismus in Westdeutschland und eine Annäherung an Russland befürchtet.

Angesichts der sowjetischen Expansionspolitik war das Misstrauen gegenüber Moskau im Frühjahr 1946 so weit angewachsen, dass es von nun an die britische Deutschlandpolitik bestimmte. In London war man überzeugt, dass es Ziel der Sowjetunion war, die Kontrolle über ganz Deutschland mit Hilfe einer kommunistisch beherrschten Zentralregierung in Berlin zu erlangen. Um dies zu verhindern, sollten die Sowjets vom Ruhrgebiet ferngehalten und durch die Errichtung starker Länder der Einfluss einer möglichen gesamtdeutschen Regierung begrenzt werden. Ein Eingehen auf die französischen Wünsche war vor diesem Hintergrund nicht mehr möglich.

80 Jahre NRW – der Anfang

Für die Neugliederung an Rhein und Ruhr wurden in den britischen Entscheidungsgremien vor allem zwei Möglichkeiten debattiert: die Errichtung eines kleinen Ruhrgebietstaates oder ein Zusammenschluss des nördlichen Rheinlands und Westfalens zu einem großen Land. Am 21. Juni 1946 entschied sich das britische Kabinett nach intensiven Beratungen für die Gründung des Landes Nordrhein-Westfalen.

Nordrhein-Westfalen Operation Marriage

Der münsterische Oberstadtdirektor Karl Zuhorn befürwortete den Zusammenschluss Westfalens mit dem Rheinland  – Bild Presseamt der Stadt Münster

Maßgebliche Impulse für diese Entscheidung kamen vom stellvertretenden Militärgouverneur für die britische Besatzungszone, Sir Brian Robertson. Er hatte sich als Vertreter der in Deutschland tätigen Kontrollkommission im innerbritischen Entscheidungsprozess vehement gegen eine Abtrennung des Ruhrgebiets und für einen Zusammenschluss der beiden Provinzen Rheinland und Westfalen eingesetzt. Seine Argumente: Die Verknüpfung industrieller Ballungsgebiete mit einem landwirtschaftlich geprägten Hinterland gewährleistet wirtschaftliche Ausgewogenheit; bestehende Grenzen würden berücksichtigt und auf vorhandene Verwaltungsstrukturen könnte zurückgegriffen werden; auch die zu erwartende politische Ausrichtung des Landes entspräche den Wünschen der britischen Besatzer, befürchteten diese doch in einem Ruhrgebietsstaat eine Vorherrschaft der kommunistischen Partei; schließlich glaubte man, mit dem Zusammenschluss auch Traditionen und Wünschen der Deutschen zu entsprechen.

Tatsächlich hatten sich auch deutsche Vertreter zur Frage der territorialen Neuordnung geäußert – und dabei konträre Meinungen vertreten. Vor allem ging es um die Frage, ob die Nord-Rheinprovinz und die Provinz Westfalen jeweils zu eigenständigen Ländern umgewandelt oder beide Provinzen zusammengeschlossen werden sollten. Im Rheinland wurde für eine Vereinigung mit der westfälischen Nachbarprovinz plädiert. Nur mit diesem Schritt glaubte man, eine Abtrennung oder Internationalisierung deutscher Gebiete verhindern zu können. Zudem war der in der britischen Zone gelegene nördliche Teil der alten Rheinprovinz einseitig schwerindustriell und großstädtisch geprägt und benötigte eine Ergänzung, um seine Ernährungsbasis zu sichern. Für eine solche Lösung hatte sich unter anderem der nordrheinische Oberpräsident Robert Lehr eingesetzt und sie auch gegenüber den Briten vertreten.

80 Jahre NRW

Mehr zur “Operation Marriage” – der Gründung des Landes NordrheinWestfalen und ihren Hintergründen – in einem Artikel des Historikers Ansgar Weißer in Westfalium Nr. 19 – Herbst 2006. Einige Exemplare von Westfalium Nr. 19 sind noch im Westfalium-shop verfügbar – jetzt im Westfalium-shop bestellen

 

Einen Zusammenschluss von nördlichem Rheinland und Westfalen bevorzugte auch der späterer Bundeskanzler Konrad Adenauer. Auch für die katholische Kirche war die Verbindung des sozialistisch gefärbten Industriegebiets an der Ruhr mit dem katholisch geprägten nördlichen Rheinland und ländlich-katholischen geprägten Regionen wie Münsterland, Paderborner Land und Sauerland sympathisch. Nicht unwichtig dabei: Das neue Land hatte eine katholische Bevölkerungsmehrheit.

Britische Besatzer und katholische Politiker

Unterschiedlich waren hingegen die Auffassungen in Westfalen. Der von den Briten eingesetzte Oberpräsident Rudolf Amelunxen sah die historische Chance für die Bildung eines eigenständigen Landes Westfalen unter Einbeziehung altwestfälischer Gebiete und Lippes gekommen. Westfalen sei groß genug, um ein eigenes Land zu werden. Zudem wurde bezweifelt, dass sich Westfalen und Rheinländer in einem gemeinsamen Land zusammenfinden würden. Die Briten machten den erklärten Gegner der Vereinigung von Nordrhein und Westfalen später zum ersten Ministerpräsidenten des neu geschaffenen Landes.

Der Münsteraner Oberstadtdirektor Karl Zuhorn sprach sich dagegen für einen Zusammenschluss Westfalens mit dem Rheinland aus. Er bezweifelte angesichts der alliierten Diskussionen um einen Ruhrstaat, dass diese der Provinz Westfalen den Status eines eigenen Landes geben würden. Nur in einem Zusammenschluss mit dem Rheinland sah er die Chance, die Einheit Westfalens zu sichern und eine mögliche Aufspaltung, etwa zugunsten eines großen Landes Niedersachsen oder eines Ruhrstaates, zu verhindern. Der Erhalt des westfälischen Provinzialverbands, aus dem später der Landschaftsverband Westfalen-Lippe hervorging, war dem Kommunalbeamten genug westfälische Eigenständigkeit. Unterstützung erhielt Zuhorn nicht nur von der westfälischen Provinzialverwaltung, sondern auch vom Vorsitzenden des Städtetags und früheren Regierungspräsidenten von Münster Hermann Pünder.

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