Die Erde retten mit Tobias Sudhoff

Tobias Sudhoff vertritt eine verblüffend einfache These: Wir können die Welt verändern, sogar die Erde retten. Nicht irgendwann, nicht durch Verzicht, sondern jeden Tag – mit dem, was auf unseren Tellern landet. Im besten Fall also drei Mal täglich.

Tobias Sudhoff: Die Erde retten!

Yvonne Zwick und Tobias Sudhoff bei ihrem Planetary Health Dinner im Restaurant “Backstage” in Münster – Foto Backstage

Der Münsteraner Meisterkoch, Musiker und Kabarettist gehört zu den Menschen, die nicht nur reden, sondern handeln. In seinem Pop-up-Restaurant „Backstage“ an der Voßgasse in Münster lud er jetzt gemeinsam mit Yvonne Zwick, Vorstandsvorsitzende von BAUM e.V., zum „Planetary Health Dinner“ ein. Ein Abend zwischen Genuss und Erkenntnis, zwischen Kulinarik und Klimaschutz.

Ein kleiner Kreis von Gästen nahm an einer kulinarischen Reise der Extraklasse teil, die ebenso unterhaltsam war wie nachdenklich machte. Sieben Gänge servierte Sudhoff, begleitet von ausgewählten Weinen und einem intensiven Austausch über die Zukunft unseres Planeten. Die Gäste hatten viel aus ihrem beruflichen Kontext und ihren Erfahrungen zu erzählen und boten allesamt inspirierende Impulse und Erkenntnisse.

Tobias Sudhoff: Die Erde retten!

Yvonne Zwick bei der Begrüßung der Gäste vor dem Restaurant “Backstage” – Bild Jörg Bockow

Schon der Auftakt mit frisch gebackenem Brot und hausgemachten Dips ließ ahnen, dass dieser Abend keine moralische Lehrstunde werden würde. Es folgten ein dekonstruierter Caprese mit Tomaten in verschiedenen Texturen, ein raffiniert interpretiertes Ei-Benedict, Wildkräutersalat mit Nussdressing unter Rote Beeten-Schnitzel versteckt mit einer Holundersphäre, doppelt fermentierter Spargel mit Edamame, Shiitake und Dashi sowie ein Gang aus Pasta mit Sommertrüffel und Parmesanespuma. Selbst geröstete Heuschrecken fanden für mutige Nicht-Vegetarier ihren Weg auf den Teller. Ein überraschendes Geschmackserlebnis. Den Abschluss bildeten Fruchtsalat und Tropensorbet.

Zwischen den Gängen lieferten Yvonne Zwick, Tobias Sudhoff und der aus Vancouver zugeschaltete Professor Fritz Titgemeyer in kurzen Interventionen spannende Denkanstöße und einigen Diskussionsstoff zum Thema “die Erde retten”. Im Mittelpunkt stand die Frage, wie nachhaltige Ernährung gelingen kann, ohne Genuss, Lebensfreude oder kulturelle Vielfalt aufzugeben. Titgemeyer zitierte aus einer Forschungsarbeit, die zeigt, dass bereits vegetarische Küche an nur vier Tagen in der Woche entscheidend die Belastung des Klimas verringern könnte.

Yvonne Zwick berichtete von ihrer Arbeit bei BAUM e.V., dem Bundesdeutschen Arbeitskreis für Umweltbewusstes Management. Immer mehr Unternehmen, Institutionen und Initiativen suchen dort Orientierung auf dem Weg zu nachhaltigerem Wirtschaften. Die Entwicklung sei ermutigend, auch wenn Klimaschutz und Nachhaltigkeit derzeit politisch nicht gerade Konjunktur hätten. Die aktuelle Bundesregierung würde vieles konterkarieren, was längst bei vielen Unternehmen angekommen sei.

Mit Essen die Erde retten

Yvonne Zwick konnte dennoch Mut machen. Im Gepäck dabei hatte sie ihr jüngst bei Haufe erschienenes Buch „Nachhaltigkeit machen – 17 radikale Thesen für echten Wandel“. Zwick folgt in ihrem Buch den Sustainable Development Goals (SDG) der Vereinten Nationen, also den 17 Zielen für nachhaltige Entwicklung. Darunter im Kapitel zwei „Kein Hunger“ unschlagbare Argumente für eine bessere und damit für alle auf der Welt faire, sprich klimaneutrale Ernährung.

Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache. Nach Angaben des WWF verursacht die weltweite Lebensmittelproduktion bis zu 37 Prozent der globalen Treibhausgasemissionen. Besonders stark belasten tierische Produkte das Klima. Vor allem Rindfleisch und Milchprodukte hinterlassen einen erheblich größeren ökologischen Fußabdruck als pflanzliche Alternativen. Wer häufiger zu Gemüse, Hülsenfrüchten und Getreide greift, kann seinen persönlichen CO₂-Ausstoß deutlich senken.

Genau hier setzt das Konzept der sogenannten Planetary Health Diet an. Sie verbindet gesunde Ernährung mit den ökologischen Grenzen unseres Planeten. Faktisch bedeute dies: weniger Fleisch, mehr pflanzliche Lebensmittel und mehr Vielfalt. Besonderen Wert sollten wir auf mehr regionale und saisonale Produkte legen. Und dies alles nicht als Verzichtsprogramm, sondern als Gewinn für Gesundheit, Klima und Lebensqualität.

Die wichtigste Erkenntnis des Abends lautete deshalb nicht, dass wir schlechter essen müssen, sondern sehr viel besser. Nachhaltigkeit schmeckt. Sie kann überraschend, kreativ und genussvoll sein. Tobias Sudhoff hat dafür den vielleicht überzeugendsten Beweis geliefert: leere Teller, zufriedene Gäste und eine Diskussion, die weit über Mitternacht hinaus hätte weitergehen können.

Oder anders gesagt: Die Rettung der Erde beginnt möglicherweise nicht in Parlamenten oder auf Klimagipfeln, sondern vorzugsweise beim privaten Genuss und damit beim nächsten Abendessen. Nur zu – packen wir es an! (Jörg Bockow)

PS: Einen aktuellen Artikel über Tobias Sudhoff gibt es hier

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