Auf jedem Tisch im GOP Varieté Theater Münster liegt für jeden Besucher eine kleine, unscheinbare, runde Pillendose. Vier Kammern, alle verschlossen. Noch darf niemand hineinsehen.
Ausgerechnet Tobias Sudhoff verteilt Pillen?! Ein Mann, der sich wenig später lustvoll über Selbstoptimierer, Achtsamkeitsapostel und die Jünger ewiger Jugend hermacht. Über Menschen also, die Nahrungsergänzungsmittel schlucken, in aller Herrgottsfrühe aufstehen, vor Tageslichtlampen hocken, exzessiv Sport treiben, cremen und pudern, messen und zählen, damit sie möglichst 120 Jahre alt werden. Der neue Trend: Longevity. Blöd nur, wenn das Schicksal vorher zuschlägt. „Pech gehabt!“
Willkommen bei „Iss noch was…!“, der neuen Bühnenshow von Tobias Sudhoff, die am 28. September im vollbesetzten GOP Varieté-Theater Münster Premiere hatte. Ein ziemlich wilder Abend. Jazz trifft Kabarett, Ernährungswissenschaft auf Weltverbesserung, bitterböse Satire auf erstaunlich leise Töne. Zwischendurch wird gekostet, gerochen und geschmeckt. Sudhoff hat eine Mission: er nennt sie „schmackhafte Weltenrettung“. Das klingt verdächtig nach Bildungsauftrag, ist aber ausgesprochen unterhaltsam. Perfektes Edutainment halt.

Sudhoff wechselt an diesem Abend zwischen Klavier, Vibraphon und Mikrofon. Er singt, erzählt, doziert, spottet und redet sich den Frust von der Seele
Sudhoff ist kein Mann für halbe Sachen. Wenn er sich für etwas begeistert, dann richtig. Als Koch ebenso wie als Musiker, Kabarettist oder Ernährungsfachmann. Auf der Bühne kommt noch der Prophet hinzu. Einer allerdings, der seine Gemeinde nicht mit Verboten traktieren will. Er möchte sie verführen. Zum guten Essen, zum Nachdenken und gelegentlich auch zum Widerspruch.
Dazu hat er sich zwei Musiker ins Boot geholt, die wissen, wie man einen solchen Abend zum Swingen bringt. Vollblutmusiker: Willy Ketzer sitzt am Schlagzeug, Paul G. Ulrich am Bass. Ketzer spielte unter anderem in den Formationen von Paul Kuhn, Klaus Doldingers „Passport“ und ist vielen als Schlagzeuger von Helge Schneider bekannt. Paul G. Ulrich war ebenfalls bei Paul Kuhn und begleitete mehr als eine Handvoll bekannter Gruppen und Musiker.

Sudhoff beherrscht die schnellen Stimmungswechsel, eben noch Kalauer, im nächsten Moment wird es ernst oder einfach jazzig
Sudhoff wechselt an diesem Abend zwischen Klavier, Vibraphon und Mikrofon. Er singt, erzählt, doziert, spottet und redet sich zwischendurch den Frust von der Seele. Das Trio dazu kann leise und elegant, dann wieder mit ordentlich Druck spielen. Nichts klingt nach musikalischer Begleitung eines Kabarettprogramms, die Musik ist Part der Show. Sudhoff hat dazu die Texte geschrieben, die es in sich haben.
Da wäre „Noah“. Er ist nicht eigentlich das Kind, sondern „ein Projekt“ seiner Eltern. Ihr ganzer Stolz. „Noah ist der Beste, Noah der ist toll“, schwadronieren sie voller Inbrunst und räumen dem vermutlich hochbegabten Sprössling vorsorglich jeden Stein aus dem Weg. Das Kind soll sich schließlich optimal entfalten. Sudhoff nimmt die Helikopter-Eltern mit sichtlichem Vergnügen auseinander. Bis die pädagogische Erfolgsgeschichte in einer ziemlich bösen Pointe mündet: Mit 18 entdecken die Eltern bei Noah ein Spritzbesteck unterm Bett. Doch kein Problem: Papa und Mama werden auch das schon richten. Da bleibt einem das Lachen kurz stecken.

Volles Programm: Ein Abend voller Jazz mit Paul G. Ulrich am Bass, Tobias Sudhoff und am Schlagzeug Willy Ketzer
Sudhoff beherrscht die schnellen Stimmungswechsel, eben noch Kalauer, im nächsten Moment wird es ernst. In „Immer in der Nacht“ ist vom Weltverbesserer plötzlich wenig übrig. Oh, wie das ein jeder im Publikum kennt. Da liegt einer morgens um vier wach. Die Probleme wachsen, während der Mensch unter der Bettdecke immer kleiner wird.
Sudhoff singt davon, wie er sich „durchs Schwarz meiner Psyche“ tastet. Das ist verletzlich, beinahe intim und musikalisch eine der schönsten Passagen des Abends. Einen Rat hat er auch parat: „Morgens zwischen drei und vier sind noch nie Probleme gelöst worden. Noch nie!“ Das merk ich mir.

Fritz Titgemeyer, Co-Autor des Kochbuches “Iss was… !” über den unmäßigen Wasserverbrauch beim Abau von Avokados und Salatgurken
Dann wieder die Gegenbewegung. „Ein Arschloch ist ein Arschloch und zwar überall“ heißt eine Nummer, bei der man sich über mangelnde Eindeutigkeit kaum beklagen kann. Sie beginnt mit einem BMW, der auf der Autobahn mit Lichthupe von hinten angerast kommt, und landet bei Rassismus, religiösem Fanatismus, politischer Gewalt und Menschenfeindlichkeit. Sudhoff teilt aus. Nicht immer fein, dafür aber ziemlich direkt und voller Wahrheit.
Überhaupt macht Tobias Sudhoff keinen Hehl daraus, wo er politisch steht. Sein Herz schlägt links. Trump, Putin sowie alle Despoten und Diktatoren dieser Welt und die hemmungslose Gier der Superreichen dürfen von ihm wenig Zuneigung erwarten. Sudhoff glaubt an Demokratie, Vernunft und die Fähigkeit des Menschen, sich seines Verstandes zu bedienen. Altmodisch? Vielleicht. An diesem Abend wirkt es geradezu erfrischend. Sudhoff zitiert Immanuel Kant „Habe Mut Dich Deines Verstandes zu bedienen“. Den berühmten kategorischen Imperativ dehnt er kurzerhand aus auf die seinerseits notwendige Geschmacksbildung. „Nutze alle Sinne!“

Bangemachen gilt es nicht: „Die Welt hat nicht genug für unsre Gier, doch genug für unser Glück“, singt Sudhoff gegen Ende
Doch „Iss noch was…!“ ist keine politische Kabarettshow mit angehängtem Ernährungskurs. Essen hält diesen Abend zusammen. Genauer: die Frage, wie wir essen wollen und was unser Essen mit der Welt zu tun hat. Damit kommt die Pillendose ins Spiel.
Die erste Kammer darf geöffnet werden. Darin liegt ein kleines Stück tiefschwarzer Schokolade. Hart und bröckelig. Sudhoff empfiehlt: „Nicht kauen. Auf die Zunge legen. Warten. Schmelzen lassen. Schmecken.“ Plötzlich sitzen ein paar hundert Menschen still da und beschäftigen sich mit einem winzigen Stück Schokolade. Sudhoff spricht über Kakao, industrielle Lebensmittelproduktion, Zucker, Fett und fairen Handel. Fair gehandelte Schokolade heißt zuallererst: „Da steckt keine Kinderarbeit drin.“ Ein Vorzug, den man sich wirklich guten Gewissens auf der Zunge zergehen lassen kann, statt von Nestlé, Danone und Konsorten verarscht zu werden. Später im Laufe des Abends werden die anderen Kammern geöffnet, Gerüche geprüft, Aromen entdeckt. Die Zunge muss auch einiges aushalten. Es brennt und brizzelt. Das GOP wird für ein paar Minuten zum Geschmackslabor.
Sudhoff will damit zeigen, wie wenig Aufmerksamkeit wir dem schenken, was wir täglich essen. Geschmacksbildung, sagt er, müsse schon früh in der Familie beginnen und in der Schule weitergehen. Wer schmecken gelernt habe, falle nicht so leicht auf industriell produziertes Junkfood herein. McDonald‘s, Pizza Hut und Kentucky Fried Chicken ade. Denn sie sind die Brandbeschleuniger der Massentierhaltung und damit des rasenden Klimawandels. Den brauchen wir nicht.
Seine Botschaft ist verblüffend einfach: weniger Fleisch, mehr Gemüse und Hülsenfrüchte, möglichst regional und saisonal. Nicht als Bußübung für Klimasünder, sondern weil es besser schmeckt und gesünder ist. Sudhoff predigt keinen Verzicht. Im Gegenteil. Man soll mehr entdecken, besser kochen, neugieriger essen.
Das ist auch die Idee seines gemeinsam mit dem Lebensmittel-Mikrobiologen Fritz Titgemeyer geschriebenen Kochbuchs „Iss was …?! – Mit Geschmack die Welt bewegen“. Das Buch erblickt an diesem Abend parallel mit der Show das Licht der Welt.
Natürlich bewegt sich Sudhoff gelegentlich gefährlich nah am erhobenen Zeigefinger. Er weiß schließlich ziemlich genau, was für Mensch und Erde gut sein soll. Doch immer dann, wenn der Pädagoge oder der Prophet die Bühne übernehmen könnte, grätscht ihm der Kabarettist dazwischen – oder der Musiker oder der Koch. Das rettet den Abend vor jeder Besserwisserei.
Und dann ist da noch Sudhoffs Lust am Absurden. „Auch Hitler hatte Gefühle“, singt er. Stalin habe sich schließlich auch auf seinen Geburtstag gefreut und selbst „Saddam Hussein hat vielleicht einmal Schmetterlinge im Bauch gehabt“. Das ist so grotesk, dass man erst lacht und sich gleich darauf fragt, warum eigentlich. Sudhoff liebt diese kleinen Falltüren, Absurditäten und geistigen Purzelbäume. So soll es sein: Kabarett beginnt da, wo es weh tut.
Bei aller Satire, allen Spitzen und aller Bosheit ist „Iss noch was…!“ ein optimistischer Abend. Gottseidank seufzen wir! Sudhoff – nebenbei: erklärter Atheist – weigert sich schlicht, den drohenden Weltuntergang zur Ausrede zu machen. Er will nicht nur dagegen sein. Er will wissen, wofür.
„Die Welt hat nicht genug für unsre Gier, doch genug für unser Glück“, singt Sudhoff gegen Ende. Man nimmt ihm den Satz ab. Weil er zwei Stunden lang vorgemacht hat, was er damit meint: schauen, hören, riechen, schmecken, denken. Sich einmischen. Und das Leben nicht auf später verschieben.
Die vier Türchen der Pillendose auf dem Tisch sind inzwischen geöffnet. Geschmeckt, gerochen, probiert. Ausgerechnet der Mann, der zu Beginn scheinbar Pillen verteilt hat, schickt sein Publikum schließlich ohne Wundermittel nach Hause. Pillen braucht an diesem Abend wirklich niemand. Mut schon.
Jörg Bockow















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