„Woyzeck“ als bittere Tragödie im Borchert Theater

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„Woyzeck“ als bittere Tragödie: Im Wolfgang Borchert Theater ging am vergangenen Donnerstag die Premiere von Büchners Schauspiel „Woyzeck“ über die Bühne. Tanja Weidner hat den Klassiker als schrilles, existenzialistisches Lehrstück inszeniert: Teilweise ohrenbetäubend laut, grell-bunt und brutal wie ein Fausthieb mitten ins Gesicht. Auf die Frage „Was ist der Mensch“, die wie ein Damoklesschwert über der Bühne schwebt, kann es mit Büchner nur eine Antwort geben: Er ist ein armes, geschundenes Würstchen, dessen Sehnsucht nach Liebe und Akzeptanz unweigerlich zum Scheitern verdammt ist.

"Woyzeck“ als bittere Tragödie im Borchert Theater

Büchners „Woyzeck“ im Wolfgang Borchert Theater – Foto Klaus Lefebvre

Eine Frau spielt im Borchert Theater Münster die Rolle des gesellschaftlichen Außenseiters „Woyzeck“. Das ist überraschend und ungewöhnlich. Es bietet Ansätze für eine neue Lesart des Klassikers. Dabei gibt es noch mehr Ungewöhnliches in der grandiosen Inszenierung und Neubearbeitung von Tanja Weidner. Neben überzeichneten Charakteren und zusätzlichen Figuren, die von – wieder einmal – herausragend agierenden Ensemblemitgliedern verkörpert werden, gibt Erika Jell in der Titelrolle ihr spektakuläres Debüt.

"Woyzeck“ als bittere Tragödie im Borchert Theater

Büchners „Woyzeck“ im Wolfgang Borchert Theater (Titelrolle Erika Jell) – Foto Klaus Lefebvre

Erika Jell als „Woyzeck“ ist zum niederknien. Von ihr dürfen wir in weiteren Stücken noch einiges erwarten. Sie spielt den Titelhelden als Franziska. Die Rolle der jungen, vergewaltigten und vielfach misshandelten Soldatin, von unterstem Rang, niedriger Bildung und miserabler Besoldung bietet eine große Bandbreite von Gefühlen. Darunter Angst und Schmerz, Sehnsucht nach Liebe und schiere Verzweiflung. Jell bringt sie allesamt mit großer Souveränität und einem breiten Repertoire über die Rampe.

"Woyzeck“ als bittere Tragödie im Borchert Theater

Büchners „Woyzeck“ im Wolfgang Borchert Theater mit Erika Jell und Jürgen Lorenzen – Foto Klaus Lefebvre

Man erlebt mit Erika Jell „seine“ Verletzlichkeit und „seinen“ Schmerz. Vom Leben schier irre geworden, schreit sie sich am Ende die Seele aus dem Leib. Nachdem es keine Zuflucht und keinen sicheren Boden in dieser buchstäblich aus den Fugen geratenen Welt mehr gibt, sind Mord und Selbstmord, Übertötung und Blutrausch das Ende eines scheinbar vorgezeichneten Schicksalsweges.

Neu im Borchert Theater

Büchners „Woyzeck“ im Wolfgang Borchert Theater – Foto Klaus Lefebvre

Bemerkenswert neben den wundervollen Schauspielern, schrillen Kostümen und einer ausdrucksstarken Maske: Das expressionistische Bühnenbild von Annette Wolf. Gespielt wird teilweise auf laut krachenden Wippen, die den Akteuren keinen Halt mehr bieten und die Wände aus beweglichen, an Seilen aufgehängten Holzplanken verwandeln die Szenerie kaum merklich in eine alptraumartige, unwirkliche und unwirtliche Kulisse.

Tolles Bühnenbild im Borchert Theater

Büchners „Woyzeck“ im Wolfgang Borchert Theater – Foto Klaus Lefebvre

Franziska, genannt Woyzeck, ist Soldatin. Ihr Umfeld drangsaliert und demütigt sie tagein, tagaus. Sie lebt in einer Subkultur ganz am Rande der Gesellschaft. Dabei ist die Szenerie mit Tanja Weidner im Hier-und-Jetzt angekommen. Man kann das Drama dadurch gedanklich nicht einfach in die Vergangenheit verlagern, nur um davon nicht betroffen zu sein. „Uns war wichtig, die Geschichte ins Heute zu holen, besser gesagt in eine nicht näher definierte Zukunft“, sagt die Regisseurin Tanja Weidner. Der „traurige Tanz auf dem Vulkan“ könnte in einer tristen Vorstadt einer Metropole zwischen Berlin und London, Paris oder New York spielen. Hier gilt kein Gesetz, außer das des Stärkeren, hier gibt es keine Moral, auf die man sich verlassen könnte. Jeder ist auf sich allein gestellt. Dieser schreckliche Ort ist eine Art Hölle. „Keine Figur hat etwas zu verlieren, alle sind bereits am Rande der Gesellschaft angekommen. Alle haben etwas Verlorenes“, charakterisiert die Regisseurin das von ihr gewählte Setting.

"Woyzeck“ als bittere Tragödie im Borchert Theater

Büchners „Woyzeck“ im Wolfgang Borchert Theater – Foto Klaus Lefebvre

Der Hauptmann (wunderbar schrill und diabolisch: Florian Bender), ihr direkter Vorgesetzter, quält sie nach Belieben. Und dem Dorfarzt (Jürgen Lorenzen) stellt Woyzeck sich als Versuchskaninchen für höchst dubiose wissenschaftliche Experimente zur Verfügung, um so nebenbei etwas dazu verdienen zu können. Für alle Welt ist Franziska nur ein wertloses Geschöpf, das man wie ein seelenloses Tier behandeln kann und dass es zu quälen gilt. Mit ihrer großen Liebe Marie (Rosana Cleve), eine abgerissene Bordsteinschwalbe hat sie ein uneheliches Kind, das lieblos wie ein Tier in einer Transportkiste plärrend und schreiend hin- und hergeschoben wird.

Sado-Maso-Szene in "Woyzeck"

Büchners „Woyzeck“ im Wolfgang Borchert Theater mit Erika Jell und Florian Bender – Foto Klaus Lefebvre

Als Marie vom Tambourmajor (ein weiterer bemerkenswerter Neuzugang im Ensemble des Borchert Theaters: Alessandro Scheuerer) verführt wird, gerät Woyzeck außer Kontrolle. Sie hat ihren einzigen Halt verloren. Franziska ermordet erst Marie und tötet dann in ihrer Verzweiflung und Ausweglosigkeit sich selbst.

"Woyzeck" ohne Hoffnung

Büchners „Woyzeck“ im Wolfgang Borchert Theater mit Erika Jell und Jürgen Lorenzen – Foto Klaus Lefebvre

Pessimistischer könnte der Blick auf unsere Welt nicht sein. Der Schluss der Tragödie ist eine böse Provokation. Für Tanja Weidner ist das bittere Ende der Tragödie allerdings der Ausgang für eine Hoffnung. Diese gilt es einfach nicht aufzugeben, selbst in einer Welt, die wie in „Woyzeck“ gerade aus den Fugen zu geraten scheint. Möge dieser Impuls beim Publikum Früchte tragen. Sehenswert! (Jörg Bockow)

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