Kammerspiel im Wolfgang Borchert Theater

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Kammerspiel im Wolfgang Borchert Theater: Das Münsteraner Borchert Theater kann nach den neuerlichen Lockerungen in der Domstadt – mit der niedrigsten Inzidenz des Landes – endlich seine zweite Premiere feiern. Einmal mehr gibt es im WBT einen großartigen Abend! Ursprünglich sollte die Premiere bereits im vergangenen November über die Bühne gehen. In „Heilig Abend“, dem Zwei-Personen-Stück von Daniel Kehlmann geht es um einen raffiniert konstruierten Psychothriller mit vielen Nuancen und einigen nervenzehrenden Volten.

Kammerspiel im Wolfgang Borchert Theater

Das Wolfgang Borchert Theater Münster zeigt „Heilig Abend“ von Daniel Kehlmann mit Ivana Langmejer und Markus Hennes – Foto Klaus Lefebvre

Das Publikum erfährt in diesem Kammerspiel gewissermaßen in Echtzeit ein Wechselbad der Gefühle. Über der Bühne läuft unübersehbar eine Digitaluhr und nähert sich Sekunde um Sekunde der 24 Uhr-Anzeige. Der Thriller wird meisterhaft von den Ensemblemitgliedern Ivana Langmajer und Markus Hennes umgesetzt. Intendant Meinhard Zanger hat die Regie geführt. Jedes Wort und jede Geste sitzen in diesem wie eine Versuchsanordnung aufgebauten Stück. Nichts ist zufällig, genau so muss dieser schnörkellose Text umgesetzt werden, mit der nüchternen Präzision eines Uhrwerkes.

Die Zuschauer werden Zeile für Zeile von „Heilig Abend“ tiefer und tiefer in einen psychologischen Sog gezogen. Zugleich tun sich wie nebenbei mehr und mehr erschreckende Erkenntnisse über unsere Grundrechte auf. Daniel Kehlmann spielt geschickt mit den Erwartungen des Publikums. Die Fragen in diesem hochpsychologischen Stück weisen immer über sich selbst hinaus und lassen sich nie eindeutig beantworten.

Daniel Kehlmann im WBT

Das Wolfgang Borchert Theater Münster zeigt „Heilig Abend“ von Daniel Kehlmann mit Ivana Langmejer und Markus Hennes – Foto Klaus Lefebvre

Mal schlägt sich das Publikum auf die Seite der malträtierten Frau, dann wieder fühlt man mit dem Ermittlungsbeamten, der die Explosion der Bombe verhindern will, koste es was es wolle. Und immer wieder erschreckt man über die Ermittlungsmethoden und die Erkenntnisse der Behörden in diesen Zeiten. Über die elektronischen Medien sind wir als Nutzer tatsächlich gläsern und durchschaubar als stünden wir nackt vor Vater Staat. Das Stück von Daniel Kehlmann ist auch ein Lehrstück über Freiheit, Grundrechte und Individualität in Zeiten von „Big Brother“. Edward Snowden und seine Leaks lassen grüßen.

Markus Hennes spielt den Polizisten

Das Wolfgang Borchert Theater Münster zeigt „Heilig Abend“ von Daniel Kehlmann mit Ivana Langmejer und Markus Hennes – Foto Klaus Lefebvre

Es ist der 24. Dezember, 22.30 Uhr. Eine Frau wird von einem Mann mit verbundenen Augen und mit Kabelbindern auf dem Rücken gefesselten Armen in einen kargen Raum gezerrt. Die ersten Sekunden des Kammerspiels erinnern einen an eine brachiale Entführung. Gleißendes Licht blendet und attackiert nicht nur die Protagonistin sondern auch uns als Zuschauer. Die Frau weiß nicht, was mit ihr geschieht und wo sie sich gerade befindet.

Kammerspiel im Wolfgang Borchert Theater

Das Wolfgang Borchert Theater Münster zeigt „Heilig Abend“ von Daniel Kehlmann mit Ivana Langmejer und Markus Hennes – Foto Klaus Lefebvre

Als Zuschauer werden wir in diesem Kammerspiel zu Augenzeugen eines geschickt mitunter unerbittlich und brutal geführten Verhörs. Das Publikum könnte sich still hinter einem Beobachtungspiegel befinden und die Befragung beobachten wie man dies aus unzähligen Kriminalfilmen her kennt. Die zwischenzeitlich auftretenden Warnsignale, die schrille Sirene und das Licht sind aber immer auch ein Schlag ins Gesicht der Zuschauer.

Kammerspiel im Wolfgang Borchert Theater

Das Wolfgang Borchert Theater Münster zeigt „Heilig Abend“ von Daniel Kehlmann mit Ivana Langmejer und Markus Hennes – Foto Klaus Lefebvre

Erst nach und nach erschließen sich den Zuschauern die Zusammenhänge. Judith, die Philosophieprofessorin (Ivana Langmejer) ist tatsächlich aus ihrem Auto entführt worden als sie an diesem Heiligen Abend zu ihren Eltern aufbrechen will. Die Polizei hat blitzschnell zugeschlagen, weil man gegen sie einen ungeheuerlichen Verdacht hegt. Aus abgefangenen Nachrichten, Emails, einem vermeintlichen Bekennerschreiben und der Handybeobachtung vermutet die Polizei, dass sie an einem Anschlag beteiligt sein könnte, der unmittelbar an diesem Abend bevorsteht. Es verbleiben tatsächlich nur 90 Minuten, um die Zusammenhänge aufzuklären und um das drohende Attentat noch zu verhindern. Die Nerven liegen blank – auf beiden Seiten. Und das Publikum schaut in diesem Kammerspiel ebenfalls immer häufiger auf die Uhr. Je näher Mitternacht rückt, je größer wird die Spannung, ob tatsächlich um 24 Uhr eine Bombe explodiert oder wie das Ende des Stückes aussehen wird.

Das Wolfgang Borchert Theater Münster zeigt „Heilig Abend“ von Daniel Kehlmann mit Ivana Langmejer und Markus Hennes – Foto Klaus Lefebvre

Der Polizist Thomas (Markus Hennes) zieht bei seinem Verhör alle Register, um von Judith, der verhafteten Philosophieprofessorin Informationen zu dem bevorstehenden Attentat zu entlocken. Seine Ermittlungen laufen gegen die Zeit. Das erinnert einen an reale Fälle wie den Fall Daschner aus dem Jahr 2002, wo die Polizei mit allen nur erdenklichen Verhörmethoden bis zur Androhung von Folter versucht hat, eine Entführung aufzuklären.

Kammerspiel im Wolfgang Borchert Theater

Das Wolfgang Borchert Theater Münster zeigt „Heilig Abend“ von Daniel Kehlmann mit Ivana Langmejer und Markus Hennes – Foto Klaus Lefebvre

Die Uhr tickt  in dem Kammerspiel im unerbittlichen Sekundentakt gegen 24 Uhr. Thomas will mit allen Mitteln ein Geständnis von ihr erzwingen. Ihr wird unterstellt, gemeinsam mit ihrem Ex-Mann Peter einen terroristischen Anschlag geplant zu haben. Thomas wechselt geschickt seinen Ton, er wechselt von Drohung, Einschüchterung hin zu Verständnis und Mitgefühl um von Judith Informationen zu der Tat zu entlocken, von der sie angeblich nichts weiß. Das Verhör wird zu einem aufregenden, packenden und so gar nicht besinnlichen Katz-und-Maus-Spiel, bei der Judith zwischenzeitlich sogar die Oberhand gewinnt oder zumindest mit ihrem Häscher auf Augenhöhe spricht.

Das Judith, die sich anfänglich als völlig zu Unrecht verdächtigt gibt, tatsächlich für das Attentat in Frage kommt, stellt sich erst gegen Ende des Stückes heraus. Judith hätte ein Motiv. Tatsächlich nämlich hat Judith über den französischen Psychiater und Philosophen Frantz Fanon ihre Habilitationsschrift verfasst. Dessen Hauptschrift „Die Verdammten dieser Erde“ aus dem Jahr 1961 ist tatsächlich eine Kampfschrift der antikolonialistischen Linken. Oder hat Judith nur mit dem Gedanken gespielt einen Anschlag zu verüben oder deckt sie nur ihren Ex-Mann, der sich parallel in Untersuchungshaft befindet….

(Jörg Bockow)

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