Marta Herford: Künstler als Architekten

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Westfalen – Was passiert, wenn sich KünstlerInnen mit Architektur beschäftigen? Können sie inno­vativer und radikaler sein, wenn sie sich nicht um Bauvorschriften, Machbarkeit und Investorenwünsche kümmern müssen? Mit Träumen von (un)möglichen Räumen, begeh­baren Raumkonstruktionen und Zeichnungen utopischer Stadtentwürfe geht Marta Herford diesen Fragen in einer ersten Überblicksausstellung im Jubiläumsjahr 2015 vom 21. Februar bis zum  31. Mai 2015 nach. Der Titel der Ausstellung: „(un)möglich! Künstler als Architekten“

Dionisio González Nova Heliopolis III, 2007, Courtesy by taubert contemporary, Berlin

Dionisio González – Nova Heliopolis III, 2007, Courtesy by taubert contemporary, Berlin

Gregor Schneider ist mit dem „Total isolierten Gästezimmer“ aus dem Haus u r vertreten, Dai Goang Chen präsentiert einen Lichtturm aus übereinander geschichtetem Styropor. Jan de Cock hat mit „Everything for you, Herford“ einen ortsspezifischen Beitrag entwickelt. Und Michael Pohl entwarf für die Stadt Herford sogar ein neues, fiktives Museum.

„Maler und Bildhauer (…) geht in die Bauten, segnet sie mit Farbenmärchen, meißelt Gedanken in die nackten Wände und baut in der Fantasie, unbekümmert um technische Schwierigkeiten.“ Walter Gropius

Marta Herford ist ein lebendiges Beispiel dafür, wie Architekten ihre Bauten bisweilen wie Skulpturen denken. Anlässlich des 10-jährigen Jubiläums kehrt das Museum die gewohnte Perspektive von Architekten als Künstler um. Mit einem eindrücklichen wie außergewöhn­lichen Projekt thematisiert Marta Herford das Phänomen, das seit den 1960er Jahren immer mehr Künstler an der Schnittstelle von Kunst und Architektur arbeiten.

Walter Jonas Modell Intrapolis, 1960–65 DAM Frankfurt © Stiftung Walter und R. M. Jonas

Walter Jonas – Modell Intrapolis, 1960–65, DAM Frankfurt – © Stiftung Walter und R. M. Jonas

Ein Großteil der Werke wurde eigens für diese Ausstellung entwickelt, wie die Installationen von Isa Melsheimer (mit der sie an die Architekten von „Die Gläserne Kette“ erinnert) und  Stephen Craig, der ein ganzes Universum von Kassenhäuschen in Miniaturformat gebaut hat. Sieben ortsspezifische Beiträge von Michael Pohl, Dai Goang Chen, Christine Rusche, Heike Mutter/ Ulrich Genth, Jan de Cock, Pedro Cabrita Reis und Caroline Bayer setzen sich mit der skulpturalen Form der Gehry-Architektur auseinander. Und direkt gegenüber von Marta Herford erhebt sich ein Bauschild, das bei einigen Passanten für Irritation sorgen dürfte: Es präsentiert ein „Neues Museum Herford“ von Michael Pohl.

Vito Acconci / Acconci Studio (V. A., Dario Nunez, Peter Dorsey, Stephen Roe, Sergio Prego, Gia Wolff) NEW WORLD TRADE CENTER New York, 2002 © VG Bild-Kunst, Bonn 2015

Vito Acconci / Acconci Studio (V. A., Dario Nunez, Peter Dorsey, Stephen Roe, Sergio Prego, Gia Wolff)
NEW WORLD TRADE CENTER, New York, 2002, © VG Bild-Kunst, Bonn 2015

Auf der Rückwand der Langen Galerie lässt Christine Rusche eine Wandzeichnung entstehen, die den realen mit einem fiktiven Raum in Beziehung setzt. Im Dom des Museums hat der koreanische Künstler Dai Goang Chen einen begehbaren Lichtturm aus Styropor errichtet. In dessen Inneren erlebt der Besucher nicht nur ein faszinierendes Lichtspiel, sondern auch ein besonderes akustisches Phänomen. Im gleichen Raum nebenan hat das Künstlerpaar Heike Mutter/ Ulrich Genth eine Installation geschaffen, die im Rahmen des Marta Preises der Wemhöner-Stiftung entstand und sich mit dem subtilen ästhetischen Reiz von Oberflächen aus der ortsansässigen Küchenindustrie beschäftigt.

Blick in die Ausstellung „(un)möglich! Künstler als Architekten“ Mit Werken von Johannes Wohnseifer (Inflatable White Cube, 2005), Stephen Craig (Pink Galaxy, 2015) und Christine Rusche (ABERRATION, Raum-Zeichnung, 2015), v.l.n.r. © Marta Herford, Foto: Hans Schröder

Blick in die Ausstellung „(un)möglich! Künstler als Architekten“
Mit Werken von Johannes Wohnseifer (Inflatable White Cube, 2005), Stephen Craig (Pink Galaxy, 2015) und Christine Rusche (ABERRATION, Raum-Zeichnung, 2015), v.l.n.r. – © Marta Herford, Foto: Hans Schröder

Seit 1985 baut Gregor Schneider an seinem Haus u r, das er fortwährend bearbeitet und umgestaltet. Während das Äußere des Hauses unverändert bleibt, wiederholt Schneider die Raumfolge im Inneren durch immer neue Räume. Für die Ausstellung im Marta verpflanzt er das „Total isolierte Gästezimmer“ nach Herford. Der luftgefüllte „White Cube“ von Johannes Wohnseifer bewegt sich zwischen Skulptur, historischem Bild und politischem Zeichen. Er fungiert als ein fragiles, begehbares Gebilde und verweist zugleich auch als eine Art „Urhütte der Moderne“ auf die globalisierte Kunstwelt. Auch tierische Unterkünfte sind Teil der von Künstlern erdachten Räume: Das Künstlerkollektiv Atelier van Lieshout entwarf eine „Utopische Hundehütte“ für Korea, wo Hunde auch auf der Speisekarte stehen.

Blick in die Ausstellung „(un)möglich! Künstler als Architekten“ Isa Melsheimer: Land aus Glas, 2009/15 (verschiedene Glasobjekte und Skulpturen), im Hintergrund Zeichnungen von Wenzel Hablik © Marta Herford, Foto: Hans Schröder

Blick in die Ausstellung „(un)möglich! Künstler als Architekten“
Isa Melsheimer: Land aus Glas, 2009/15 (verschiedene Glasobjekte und Skulpturen), im Hintergrund Zeichnungen von Wenzel Hablik – © Marta Herford, Foto: Hans Schröder

Ein besonderer Verdienst der Ausstellung ist es, dass sie die Thematik von Künstlern als Architekten epochenübergreifend und facettenreich beleuchtet. Sie spannt einen Bogen von historischen Ansätzen aus dem frühen 20. Jahrhundert von Wenzel Hablik oder El Lissitzky über Arbeiten der Nachkriegszeit von Walter Jonas bis in die Gegenwart mit zahlreichen Beiträgen zeitgenössischer KünstlerInnen. Das Spektrum reicht von begehbaren Raumkonstruktionen über gezeichnete Architekturutopien, visionäre Stadtentwürfe, ortsbezogene Wandarbeiten und Architekturmodelle bis hin zu Dokumentationen tatsächlich realisierter Gebäude.

Künstler
Absalon, Vito Acconci, Atelier van Lieshout, Caroline Bayer, Thomas Bayrle, Pedro Cabrita Reis, Dai Goang Chen, Anja Ciupka, Constant, Stephen Craig, Jan De Cock, Theo van Doesburg, Herman Finsterlin, Isa Genzken, Dionisio González, Dan Graham, Beate Gütschow, Wenzel Hablik, Erwin Heerich, Walter Jonas, Anish Kapoor, Tamás Kaszás, Tadashi Kawamata, Bodys Isek Kingelez, El Lissitzky, Isa Melsheimer, Heike Mutter, Ulrich Genth, Michael Pohl, Claus Richter, Christine Rusche, Gregor Schneider, Thomas Schütte, Charles Simonds, Monika Sosnowska, Georges Vantongerloo, Johannes Wohnseifer

Öffnungszeiten: Di – So und an Feiertagen 11–18 Uhr, jeden 1. Mittwoch im Monat 11–21 Uhr

Eintritt
Erwachsene 8 Euro, ermäßigt 4,50 Euro,
Familien 17 Euro, Gruppen ab 10 Pers. 4,50 Euro /Pers., Schülergruppen ab 6. Klasse 1,50 Euro /Person

Freier Eintritt für Kinder unter 10 Jahren, Schüler und
Studenten dienstags von 16–18 Uhr und am 1. Mittwoch im Monat von 18–21 Uhr, sowie für eine Begleitperson von Menschen mit Behinderungen mit dem Merkzeichen “B”

Marta Herford (Gehry-Galerien) / Goebenstraße 2–10 / 32052 Herford
Telefon 05221 – 994430-0
www.marta-herford.de


 

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