„La Traviata“ im Theater Münster: Mit Giuseppe Verdis „La Traviata“ geht eine der bekanntesten Opern überhaupt in Münster über die Bühne. Am vergangenen Samstag (13. Juni) war Premierenabend mit durchaus gespannter Erwartung und Vorfreude beim Premierenpublikum.
Jeder kennt die Geschichte der todkranken Edelkurtisane Violetta Valéry, jeder kennt die großen Melodien, viele haben das Werk mehrfach erlebt. Wer eine solche Oper neu inszenieren will, braucht ein stimmiges und überzeugendes Konzept. Vor allem aber braucht er Ideen, die das Stück erhellen und nicht verdunkeln. Genau daran scheitert die Produktion von Regisseur Georg Schütky über weite Strecken. Der Abend war inszenatorisch weitgehend Stückwerk.
Der erste Akt des Premierenabends begann bereits mit einem sehr gewollt wirkenden Paukenschlag – allerdings nicht musikalisch, sondern optisch. Die Bühne zeigt eine überdimensionale Mundhöhle mit herausgestreckter Zunge. Das Bild erinnert unweigerlich an das berühmte Rolling-Stones-Cover zu „Sticky Fingers“. Befinden wir uns in einer überdimensionalen, monströsen Zahnarztpraxis? Wer ist denn auf diese alberne Idee gekommen? So richtig erschließt sich dieses Bild nämlich nicht. Es erzeugt Verwirrung statt Erkenntnis. Es lenkt ab und man fragt sich, in welch zweifelhaftem Etablissement sich dieser irrwitzige Maskenball wohl zuträgt. Die Sänger aus dem Chor sind schrill geschminkt, hantieren mit einer großen Spritze, Mundspiegel und einem überdimensionalen Fieberthermometer. Die Protagonistin ist offenbar kränklich, aber dass sie von tödlicher Tuberkulose befallen sein soll, kann man nicht mal erahnen – jedenfalls nicht in einer Zahnarztpraxis. Was also soll das Fieberthermometer?

Märchenhaftes Idyll: Violetta und Alfredo leben zurückgezogen in einer Waldhütte – Foto Bettina Stöß
Noch problematischer ist die Einführung der Friedhofsgärtnerin Erika als zusätzliche Sprechrolle. Sie erläutert im angedeuteten Columbarium die Rahmenhandlung der Oper – als wenn es einer solchen bedurft hätte?! Erika pflegt Violettas Grabstelle, philosophiert mit ihrer Urne im Arm über Leben und Tod, über Blumen, Erinnerung und Vergänglichkeit. Und nimmt bedeutungsschwanger die weibliche Perspektive der Geschichte in den Blick. Das alles ist gut gemeint. Doch das Publikum versteht das Motiv und den aufgebrezelten Text von Angelika Reitzer bereits nach wenigen Minuten. Ja, wir erinnern uns mit den Bildern der Oper an die verblichene Violetta, deren Lebensweg in beispielhaften Momenten nachgezeichnet werden soll. Verstanden! Danach beginnt die Figur der Erika vor allem eines: den Fluss der Oper zu bremsen und wirklich zu langweilen. Ein echter Missgriff! Denn Verdis Musik braucht keine Erklärerin. Sie erzählt selbst von Liebe, Verlust, gesellschaftlicher Ausgrenzung und Tod.
Vollends aus dem Ruder gerät der zweite Akt. Aus dem ländlichen Rückzugsort von Alfredo und Violetta wird eine märchenhafte Waldszenerie mit Hochstand, sprechendem Baum und einem putzigen Eichhörnchen. Och, ist das nicht niedlich?! Man fühlt sich zeitweise ins märchenhafte Kindertheater versetzt als in eine der großen Opern des Repertoires. Die Bilder wirken beliebig und kitschig, manchmal unfreiwillig komisch und stehen in merkwürdigem Gegensatz zu den emotionalen Konflikten der Handlung.

Die Hütte brennt: Durch einen Brief erfährt Alfredo, dass sich Violetta von ihm getrennt hat – Foto Bettina Stöß
Dabei zeigt die Inszenierung durchaus, dass sie es besser könnte. Die Szene bei Flora gelingt als düstere Begräbniszeremonie überraschend überzeugend. Das ist bildgewaltig. Hier greifen Raum, Musik und Handlung tatsächlich ineinander. Auch die Idee, Violetta schon vor ihrem Tod zur Erinnerung werden zu lassen, besitzt Kraft. Bizarr, wenn Alfredo, im Rund der Trauergäste, auf dem offenen Sarg der Violetta bei einem Kartenspiel seinen Gewinn einstreicht. Umso bedauerlicher, dass solche Momente die Ausnahme bleiben.
Rätselhaft bleibt schließlich das Finale von “La Traviata”. Warum Erika und Violetta in viktorianischer Unterwäsche auf einer Wolke aus weißen Daunenbetten gen Himmel entschweben, erschließt sich wohl nur den Beteiligten selbst. Im Publikum machte sich jedenfalls Ratlosigkeit breit. Bei der gen Himmel schwebenden Wolke kommt einem der Trickfilm „Ein Bayer im Himmel“ in den Sinn: „Halleluja, sag‘ ich. Halleluja!“
Musikalisch dagegen bietet der Abend vieles von dem, was man sich von einer „Traviata“ erhofft. Henning Ehlert führt das Sinfonieorchester Münster mit sicherer Hand durch Verdis Partitur. Immer wieder entstehen jene warmen, schwelgerischen und zugleich transparenten Klangfarben, die diese Musik seit mehr als 170 Jahren unsterblich machen.
Robyn Allegra Parton wächst im Verlauf des Abends sichtbar in die Titelpartie hinein. Nach einem etwas zu druckvoll gesungenen Beginn gelingen ihr die stärksten Momente gerade dort, wo Violetta verletzlich wird. Ihr „Addio del passato“ entwickelt berührende Intensität.
Johan Hyunbong Choi überzeugt als Giorgio Germont mit sonorem, ausdrucksvollem Bariton. Er erweist sich einmal mehr als eine stets zuverlässige Besetzung. Garrie Davislim gestaltet den Alfredo stimmlich solide, bleibt der Figur aber manche emotionale Schattierung schuldig. Ihm nimmt man den großen Liebhaber nicht wirklich ab. Neben Violetta wirkt er mitunter unfreiwillig komisch, eine proletarische Gestalt, die wie einer der Kranken im ballonseidenen Trainingsanzug vor einem Hospital eine letzte Zigarette zieht. Chor und Ensemble präsentieren sich insgesamt auf solidem Niveau.
So bleibt am Ende von “La Traviata” ein zwiespältiger, vielleicht gar enttäuschender Eindruck. Musikalisch besitzt diese „Traviata“ viele Qualitäten. Szenisch dagegen verliert sie sich in Symbolen, Nebengeschichten und verrückten Einfällen, die oft mehr Fragen aufwerfen als beantworten. Wer sich auf einen schönen Abend mit der „Traviata“ gefreut hat, war gut beraten gleich von Anfang an die Augen zu schließen und alleine dem Gesang und dem Orchester zu lauschen.
Das zeigte sich auch beim Schlussapplaus. Für den Dirigenten, das Orchester, den Chor und die Solisten – allen voran mit Robyn Allegra Parton – gab es verdienten tosenden und langanhaltenden Beifall. Als das Regieteam und Produktionsteam auf die Bühne traten, mischten sich ungewöhnlich lautstarke Buh-Rufe darunter. Solche Reaktionen erlebt man in Münster selten. Sie waren an diesem Abend allerdings nicht wirklich überraschend. (Jörg Bockow)
















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