Das WBT Münster lässt den Blues raus

Das WBT Münster lässt den Blues raus: Der Blues zieht an den Hafen. Mit dem Motto „Work Blues Balance“ startet das Privattheater im September in die neue Spielzeit. Das spielfreudige Ensemble bewegt sich einmal mehr am Puls der Zeit. Angesichts der dauernden politischen Verwerfungen überfällt viele Menschen der Blues und man zieht sich ins Private zurück. Das WBT will Mut machen und bewegt sich mit einem spannenden Programm auf der Suche nach Leichtigkeit, Haltung und einem kleinen Rest Hoffnung.

Das WBT Münster lässt den Blues raus

Tanja Weidner (mitte) stellt das Programm der neuen Spielzeit im WBT Münster vor – mit (links) Chefdramaturgin Laura Ritter und (rechts) der Werksstudentin Lea Schulte-Hillen – Foto Jörg Bockow

Für Intendantin Tanja Weidner des WBT Münster ist der Blues dabei weit mehr als nur Musik: Er steht für eine Haltung. Sie möchte den Menschen zurufen: Kopf hoch und weitermachen. Für die Fähigkeit, Spannungen auszuhalten und daraus etwas Eigenes entstehen zu lassen. „Work-Life-Balance war gestern“, sagt Weidner. „Mehr Blues wagen“ lautet stattdessen die Devise.

Dass das Theater selbst derzeit keinen Blues hat, grenzt fast an ein kleines Wunder. Die laufende Spielzeit erreicht mit über 90 Prozent Auslastung einen Spitzenwert. Produktionen wie „Achtsam morden“, mittlerweile mit 84 ausverkauften Vorstellungen, die rabenschwarze Komödie „Nein zum Geld!“ oder die bissige Politsatire „Putsch. Anleitung zur Zerstörung einer Demokratie“ sind die aktuellen Blockbuster des Theaters. Trotz stabiler Einnahmen warnt Weidner vor den Folgen ausbleibender Zuschusserhöhungen ab 2027. Für ein Privattheater wie das WBT wird es tatsächlich immer herausfordernder. Übrigens wird das Wolfgang Borchert Theater zum Ende dieses Jahres stolze 70 Jahre alt. Gefeiert wird aber trotzdem nicht – noch nicht, denn die Intendantin plant eine große Sause zum 75jährigen Jubiläum.

Zum Auftakt der neuen Saison geht das Ensemble dann tatsächlich „im Auftrag des Herrn“ auf die Bühne. Mit einer eigenen Fassung des bekannten Kinofilms „Blues Brothers“ (Premiere: 12. September 2026, Regie: Tanja Weidner) setzt das WBT gleich zu Beginn den Ton der Spielzeit: Schauspiel, Livemusik und Rhythmus greifen ineinander. Ensemblemitglieder spielen selbst Instrumente, singen und tanzen. Zwei chaotische Brüder wollen ihre frühere Heimatschule retten und geraten dabei von einer Katastrophe in die nächste. Der Kultfilm wird am Hafen zur wilden Musikshow mit viel Soul, Tempo und einer großen Portion anarchischem Humor.

Auch die weiteren Premieren kreisen um Menschen im Ausnahmezustand: Nora Abdel-Maksouds Groteske „Jeeps“ (24. Oktober 2026, Regie: Hans Dreher) denkt soziale Gerechtigkeit radikal neu und lässt Erbschaften kurzerhand verlosen. Vor einem heruntergekommenen Amt treffen Privilegierte und Abgehängte frontal aufeinander. Das Stück verhandelt Besitz und Chancengleichheit mit Witz, Schärfe und erstaunlicher Fallhöhe.

In Florian Zellers „Vater“ (21. November 2026, Regie: Tanja Weidner) zerfällt die Wirklichkeit eines demenzkranken Mannes Stück für Stück. Türen, Räume und Menschen verändern sich plötzlich. Das Publikum erlebt die zunehmende Verunsicherung aus der Perspektive des Betroffenen selbst: verstörend, traurig und sehr bewegend.

Oscar Wildes „Das Bildnis des Dorian Gray“ (16. Januar 2027, Regie: Rosana Cleve) erzählt von Schönheit, Narzissmus und Selbstverlust. Während Dorian Gray äußerlich jung bleibt, altert sein verborgenes Porträt immer weiter und zeigt die Spuren seiner moralischen Verwahrlosung. Das WBT setzt den Klassiker als intensiven Monolog in Szene.

Dazwischen stehen schwarzer Humor, absurde Wendungen und die Suche nach Halt. „Der Videobeweis“ (30. Januar 2027, Regie: Meinhard Zanger) kreist um die Frage, ob Bilder tatsächlich die Wahrheit zeigen. Ein Ehepaar entdeckt auf einer Überwachungskamera im eigenen Haus verstörende Details und verliert zunehmend die Kontrolle über sein eigenes Leben. Die Komödie spielt raffiniert mit Wahrnehmung, Misstrauen und der Lust an der Eskalation.

„Sophia, der Tod und ich“ nach Thees Uhlmann (20. Februar 2027, Regie: N. N.) verbindet Melancholie und Komik. Ein Mann erhält Besuch vom Tod, hat aber plötzlich noch offene Rechnungen mit seinem Leben. Aus dem Roadtrip wird eine ebenso schräge wie berührende Suche nach verpassten Chancen und kleinen Momenten des Glücks.

Zum Saisonabschluss folgt mit „Happy End (keine Garantie!)“ (8. Mai 2027, Regie: Florian Bender) eine schnelle, böse Komödie über idealistische Weltretter mit Kontrollverlust. Drei Aktivistinnen und Aktivisten wollen endlich die Menschheit wachrütteln und nehmen kurzerhand ihr Publikum in Geiselhaft. Der Abend entwickelt daraus ein wildes Spiel über Moral, Überforderung und gute Absichten.

Und selbst „Nora“, der berühmte Klassiker von Henrik Ibsen, bekommt noch einmal einen neuen Klang. Gemeinsam mit dem Escher Theater entsteht erstmals eine internationale Koproduktion. Premiere ist am 30. April 2027 in Luxemburg. Regie führt Stefan Maurer. Ibsens berühmte Nora verlässt darin nicht nur ihre Ehe, sondern stellt grundsätzliche Fragen nach Freiheit, Abhängigkeit und gesellschaftlichen Rollenbildern, die bis heute erstaunlich aktuell wirken.

So zieht sich der Blues tatsächlich durch den gesamten Spielplan des WBT Münster: nicht als Weltuntergangsstimmung, sondern als Versuch, die Widersprüche der Gegenwart auszuhalten: zwischen Erschöpfung und Aufbruch, zwischen Zweifel und Hoffnung, zwischen Arbeit und Blues. Noch ist keine Götterdämmerung angesagt. (Jörg Bockow)

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