Mit „Nur nachts“ bringt das Wolfgang Borchert Theater Münster die Beziehungshorrorkomödie von Sibylle Berg auf die Bühne und serviert einen Abend, der sich erst leicht gibt, komödiantisch, verspielt, schrill und dann zielsicher unter die Haut geht. Am vergangenen Donnerstag war die Premiere (30. April) mit großem Schlussapplaus, aber auch mit einer ungewohnten Stille am Schluss. Treffer! Das Stück hat gesessen.

“Nur nachts” von Sibylle Berg im Wolfgang Borchert Theater mit Katharina Hannappel, Markus Hennes, Ivana Langmajer und Florian Bender – Foto Laura Ritter
Regisseurin Tanja Weidner bleibt nah am Text, vertraut Sibylle Bergs scharfem Witz, ihrem sarkastischen Humor und ihrem unbestechlichen Blick auf die Lebenslügen und alltäglichen Zweifel. Sibylle Berg nimmt kein Blatt vor den Mund. Ihre Nebenbemerkungen und ihre Charakterisierungen einer ganzen Generation entfalten ihre typisch subkutane Aggressivität. Gleichzeitig nutzt Tanja Weidner die Bühne für gezielte Übertreibungen. Das Bühnenbild von Annette Wolf liefert dafür den Raum: wandelbar, verspielt, mit Hang zum Schrillen – alleine das Neonlicht und das Spiel im Bällebad erweisen sich als sinnfälliger Glücksgriff.
Der Plot von „Nur nachts“ mutet an wie ein soziologisches Experiment. Es ist, als wenn Forscher die Strippen ziehen, um den Lauf der Geschichte in Gang zu setzen, um hernach beobachten zu können, was geschieht. Nichts ist dem Zufall überlassen, alles feinsäuberlich arrangiert. Im Labor stecken Petra (Ivana Langmajer) und Peter (Markus Hennes), Menschen Mitte vierzig, eingerichtet in einem Leben ohne Ausschläge und ohne Highlights. Er, Werbegestalter, etwas aus der Form geraten, routiniert im Stillstand. Abends eine Platte von Led Zeppelin und dazu das Feuilleton der ZEIT. Sie, abgeklärt, funktional, längst ohne große Erwartungen: Stillstand mit Mitte 45.

“Nur nachts” von Sibylle Berg im Wolfgang Borchert Theater mit Ivana Langmajer und Markus Hennes – Foto Laura Ritter
Die beiden Protagonisten erscheinen so langweilig und so stinknormal, dass es einen im Publikum schon schaudert. Ihr Aufeinandertreffen auf einer Party wirkt wie ein letzter Versuch. Ein kurzer Rausch, ein paar Drinks, man wippt mit den Hüften im Rhythmus der Musik und plötzlich steht nach einer leidenschaftlichen Nacht die Idee im Raum: ein Neuanfang, Beziehung, Heirat, Romantik und Liebe. Vielleicht gar ein Kind. Und dann ein Umzug in eine Stadt, wo sie niemand kennt. Ein anderes, ein neues Leben winkt am Horizont, wo es doch immer weitergehen soll.

“Nur nachts” von Sibylle Berg im Wolfgang Borchert Theater mit Florian Bender, Markus Hennes, Ivana Langmajer und Katharina Hannappel – Foto Laura Ritter
Doch das eigentliche Drama beginnt nachts. Dann nämlich treten die Geister auf den Plan. Zwei schwarze Gestalten, gespielt – wunderbar quirlig und beweglich wie Flummibälle – von Katharina Hannappel und Florian Bender, die sich mit Lust und Bosheit in die Gedanken der beiden graben. Sie stecken in schwarzen Ganzkörpersuits. Zweifel, Ängste, Selbstgespräche werden sichtbar. Sie spielen Möglichkeiten durch: das Scheitern, das Altern, das falsche Leben mit dem falschen Partner. Sie zersetzen jede Hoffnung. Die beiden Opfer martern ihre Gehirne vor lauter Grübeleien.

“Nur nachts” von Sibylle Berg im Wolfgang Borchert Theater mit Katharina Hannappel, Ivana Langmajer und Markus Hennes – Foto Laura Ritter
Gelenkt werden die beiden bösen Geistern von einem „Einsatzleiter“, den Niklas Kunder mit sichtbarer Spielfreude gibt als schriller Conférencier mit Haartolle und Ukulele, irgendwo zwischen Zirkus und Götz Alsmann. Ein Master of Desaster, der das Unglück ankündigt und zugleich antreibt. Er rollt mit seinem elektrobetriebenen Rollstuhl über die Bühne und verteilt als glitzernder Showmaster allerlei Boshaftigkeiten.

“Nur nachts” von Sibylle Berg im Wolfgang Borchert Theater mit Markus Hennes und Ivana Langmajer – Foto Laura Ritter
Sibylle Bergs Text gönnt sich dazwischen einige hintergründige Reime, die zu musikalischen Einsprengseln überformt werden. Sie sind eigens als Schlager aufbereitet, die den Ton brechen und zugleich schärfen. Für Münster hat Sebastian Schnitzer eigene Kompositionen geschrieben. Ivana Langmajer und Niklas Kunder tragen sie mit feiner Ironie vor und setzen damit mehrere Pausen, die die Bitterkeit mitunter brechen oder auch weiter auf die Spitze treiben.

“Nur nachts” von Sibylle Berg im Wolfgang Borchert Theater mit Markus Hannes und Katharina Hannappel – Foto Laura Ritter
Das Bühnenbild zu „Nur nachts“ verdichtet die Situation. Annette Wolf hat mitten auf der Bühne einen engen Kasten platziert, kaum größer als ein Schuhkarton. Er ist Sinnbild für die mickrige Wohnung, in der ein Sitzkissen den Mittepunkt bildet und es ist zugleich der Käfig und das Gefängnis der eigenen Befürchtungen und Lebensängste. Mit der Zeit füllt sich dieser Raum mit bunten Bällen. Erst verspielt, dann bedrängend. Es ist ein Bild für die Gedanken, die sich nicht mehr ordnen lassen und jeden Schritt mit Unsicherheit begleitet.
Triggerwarnung:
Dieser Abend trifft besonders jene, die sich aktuell mit Fragen nach all den verpassten Chancen, Beziehung, Alter und Sinn beschäftigen. Gerade in der Midlife-Crisis? Oder im letzten Lebensdrittel? Die gezeigten Zweifel und Ängste sind ganz nah dran. Sie setzen sich fest und sie wirken nach – vor allem nachts. Aber für solche Nachwirkungen und Alpträume wird keine Gewähr übernommen.

“Nur nachts” von Sibylle Berg im Wolfgang Borchert Theater mit Markus Hennes, Florian Bender und Ivana Langmajer – Foto Laura Ritter
Und dann dieses Ende. Nach all den verzweifelten Nächten, nach all den inneren Sabotageakten ein fast unscheinbarer Moment: Petra greift zum Telefon und fragt Peter, ob er am nächsten Tag wirklich mit dem Möbelwagen kommen wird. Eine einfache Frage und doch eine Entscheidung. Die Vorbehalte fallen. Das Abenteuer könnte jetzt endlich beginnen. Könnte! (Jörg Bockow)















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