Brisante Frage an die Ethik: Borchert Theater

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Brisante Frage an die Ethik: Ist es Ausdruck der Freiheit, dass wir unserem Leben selbst ein Ende setzen und uns dazu der Hilfe eines Arztes bedienen dürfen? Juristisch ist die Frage abschließend geklärt. Im Februar dieses Jahres hat das Bundesverfassungsgericht den Paragraphen 217 des Strafgesetzbuches als verfassungswidrig erklärt. Seither ist ärztliche Beihilfe zum Suizid zulässig.

Borchert theater stellt eine brisante Frage an die Ethik

Brisante Frage: In „Gott“ wirft Ferdinand von Schirach eine ethische Frage auf. Das Stück wurde gerade im Wolfgang Borchert Theater auf die Bühne gebracht. Foto: Klaus Lefebvre

Aber in der Selbsttötung und der Sterbehilfe selbst steckt eine brisante Frage an die Ethik. Damit ist das Setting in Ferdinand von Schirachs Drama „Gott“ bereits hinreichend umschrieben. Jetzt gibt es das Stück in der Regie von Intendant Meinhard Zanger im Wolfgang-Borchert-Theater zu sehen. Das Stück wird seit September parallel in mehreren Theatern in der Bundesrepublik gespielt. Die brisante Frage an die Ethik beinhaltet einigen Zündstoff für eine gesellschaftliche Debatte. Sie ist auch mit der Entscheidung des Bundesverfassungsgerichtes längst nicht zu Ende.

Brisante Frage an die Ethik

Brisante Frage: in „Gott“ wirft Ferdinand von Schirach eine ethische Frage auf. Das Stück wurde gerade im Wolfgang Borchert Theater auf die Bühne gebracht. Foto: Klaus Lefebvre

Über die brisante Frage an die Ethik fragt sich jeder im Zuschauerraum wie man es selbst mit dem Leben und dem Sterben halten will. Wer bestimmt, wie wir leben wollen? Und wie wir sterben wollen? Was geschieht, wenn äußere Umstände wie Krankheiten, Unfälle, Kriege oder andere Anlässe uns das Recht nehmen, in Würde abzutreten? Sollten wir uns dann nicht selbst entscheiden können, wann und wie wir aus dem Leben scheiden? Und ist es nicht ebenso unser Recht, dafür Hilfe in Anspruch zu nehmen?

Das Stück „Gott“ ist schlank, schnörkellos und geradezu nüchtern inszeniert und mit großartigen Schauspielern umgesetzt. Das Ensemble des Wolfgang-Borchert-Theaters ist einmal mehr voll präsent, auch wenn vor allem das gesprochene Wort im Mittelpunkt steht. Die Schauspieler des Ensembles spielen gemeinsam mit großartigen Gästen: Marion Mainka und Andreas Weißert.  Einfach nur: Klasse! Dem mag man gerne folgen und sich bis ins Mark berühren lassen.

Das ist eine brisante Frage an die Ethik

Brisante Frage: In „Gott“ wirft Ferdinand von Schirach eine ethische Frage auf. Das Stück wurde gerade im Wolfgang Borchert Theater auf die Bühne gebracht. Foto: Klaus Lefebvre

Das Stück verlangt konzentriertes Mitdenken. Im Borchert-Theater läuft also mit „Gott“ eine eindringliche Philosophiestunde. Allein der Rahmen der Handlung bietet Raum für starke Emotionen. In einem Videoeinspieler wird Richard Gärtner auf seinem möglicherweise letzten Weg gezeigt. Mitten im Wald und begleitet von anrührender Musik. Die Zuschauer sind ganz bei ihm.

Die Darsteller auf der Bühne schlüpfen in ihre Rollen als Sachverständige, Gutachter und Anwälte vor dem Deutschen Ethikrat und spielen authentisch und glaubwürdig, fast verliert man den Eindruck, in einem Theater zu sitzen. Atemlos folgt man der Argumentation der Kontrahenten, die vor der Kommission ihre Gründe austauschen.

Brisante Frage: In „Gott“ wirft Ferdinand von Schirach eine ethische Frage auf. Das Stück wurde gerade im Wolfgang Borchert Theater auf die Bühne gebracht. Foto: Klaus Lefebvre

Wie schon in seinem Stück „Terror“ werden die Zuschauer durch die Handlung direkt angesprochen und mit in die Handlung einbezogen. Und wie schon in seinem Debut lässt von Schirach das Publikum über den Ausgang dieses moralischen Grundkonfliktes entscheiden. Übrigens kann man im Internet nachlesen, wie das Publikum in den verschiedenen Aufführungsorten entschieden hat. In Münster haben in acht Vorstellung 71.3 Prozent der Zuschauer für „Ja“ gestimmt, sich also entschieden, dass sie Sterbehilfe auch aus ethischen Erwägungen erlauben würden.

Natrium-Pentobarbital ist ein Medikament, ein Beruhigungs- und Schlafmittel. In einer hohen Dosis verabreicht führt es zum Tod. Der 78-jährige Richard Gärtner will sterben. Er will sich mit diesem Medikament selbst töten, aus freien Stücken. Dafür ruft er den Ethikrat an, nachdem ihm das Mittel nicht verkauft wurde. Er ist auf die Hilfe eines Arztes angewiesen, der ihm Sterbehilfe leisten soll. Damit ist die brisante Frage an die Ethik umschrieben.

Brisante Frage: In „Gott“ wirft Ferdinand von Schirach eine ethische Frage auf. Das Stück wurde gerade im Wolfgang Borchert Theater auf die Bühne gebracht. Foto: Klaus Lefebvre

Richard Gärtner sieht in seinem Leben keinen Sinn mehr, nachdem seine Frau an einem Gehirntumor verstorben ist. Er leidet unter keiner Depression. Er hat sich beraten lassen, ohne dass man ihn hätte umstimmen können. Er hat sich mit seinen Kindern verständigt. An seinem Entschluss gibt es keine Zweifel: Er will einfach nicht mehr.

Auf der Bühne tragen Befürworter und Gegner ihre wichtigsten Argumente vor. Ein Verfassungsrichter, der Arzt des Antragstellers, ein Vertreter der Ärzteschaft und ein Bischof. Alle Argumente sind in sich schlüssig und besitzen Kraft. Die Kommission und die Rechtsanwältin spitzt die Fragestellung immer wieder zu und beurteilt die Argumente aus der Sicht des Antragstellers. Tatsächlich steht Richard Gärtner (Andreas Weißert) im Mittelpunkt. Es scheint so als liefen alle Argumente für und gegen seine Entscheidung an ihm vorbei. Dabei geben sich die Vertreter alle Mühe für ihre Positionen zu werben.

Der Rechtsvertreterin von Richard Gärtner gehen die Argumente nicht aus. Sie zitiert die Geschichte, um die Position der Ärztevertretung und der Kirche ad absurdum zu führen. Am Ende plädiert sie für das Selbstbestimmungsrecht ihres Mandanten…

Brisante Frage: In „Gott“ wirft Ferdinand von Schirach eine ethische Frage auf. Das Stück wurde gerade im Wolfgang Borchert Theater auf die Bühne gebracht. Foto: Klaus Lefebvre

Es ist Sonntag der 1. November im Wolfgang-Borchert-Theater Münster. Um 18 Uhr geht die aktuelle Produktion „Gott“ nach dem Drama von Ferdinand von Schirach noch einmal über die Bühne. Vorläufig zum letzten Mal. Erst am vergangenen Donnerstag hatte das Stück seine Premiere. Danach jeden Tag zwei Vorstellungen, damit bei stark eingeschränktem Publikum alle Kartenwünsche und Vor-Buchungen befriedigt werden konnten und das Theater einigermaßen auf seine Kosten kommen konnte. Ein echter Kraftakt für alle Beteiligten – vor allem für die Schauspielerinnen und Schauspieler. Herzlichen dank an: Rosana Cleve, Andreas Weißert, Markus Hennes, Marion Mainka, Ivana Langmajer, Johannes Langer, Florian Bender und Jürgen Lorenzen.

Obwohl sich das Borchert Theater mit großem Aufwand und verantwortungsbewusst in den zurückliegenden Monaten allen Hygiene-Auflagen bedingt durch die Corona-Pandemie unterworfen hat, wird es wie alle anderen Kultureinrichtungen einschließlich der Theater, Spielstätten, Kinos und Museen, Sportstätten und Gastronomiebetrieben zu einem Lockdown gezwungen.

Brisante Frage: In „Gott“ wirft Ferdinand von Schirach eine ethische Frage auf. Das Stück wurde gerade im Wolfgang Borchert Theater auf die Bühne gebracht. Foto: Klaus Lefebvre

Es gehört zu den nur schwer zu ertragenden Merkwürdigkeiten der aktuellen Situation, dass damit gerade die Betriebe gewissermaßen bestraft werden, die sich am intensivsten darum bemüht haben, dem Virus im laufenden Betrieb keinerlei Angriffsfläche zu bieten. Der langandauernde Schlussapplaus nach der letzten Vorstellung von „Gott“ war von einem mulmigen Gefühl begleitet, ob die Bühne und das Team die neuerlichen Zumutungen heile überstehen – zumal ein Monat Zwangspause auch wirtschaftlich schwer ins Kontor haut. Der Applaus hatte neben der Begeisterung für das Stück, die großartige Schauspielerleistung etwas von Mut-Machen in schwierigen Zeiten. Dank vor allem an alle, die dort auf der Bühne standen. Wir sehen uns hoffentlich in vier Wochen wieder. Bis dahin bleiben Sie gesund! (Jörg Bockow)

Wolfgang Borchert Theater, Am Mittelhafen 10, 48155 Münster

Ticket-Tel. 0251/40019

www.wolfgang-borchert-theater.de

 

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