Von Brakelsiek nach Bellevue

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Im Jahr 1997 machte Brakelsiek im Kreis Lippe erstmals von sich reden – als Bundesgolddorf beim Wettbewerb „Unser Dorf hat Zukunft“. Seit wenigen Wochen aber ist Brakelsiek „Präsidentendorf “, denn von hier stammt Frank-Walter Steinmeier.

Frank-Walter Steinmeier mit seiner Mutter Ursula Steinmeier zu Hause im lippischen Brakelsiek; Foto: Bernhard Preuss/Lippische Landes-Zeitung

Der Stolz der rund 1.000 Einwohner auf ihren prominentesten Spross ist unübersehbar. Mitten im Dorf, am zentralen Buswendeplatz, hat der Verkehrsverein aus dem Nachbardorf Lothe ein großes Schild aufgestellt, auf dem den Brakelsiekern zur Präsidentenwahl gratuliert wird. Und auch an anderen Stellen haben Leute, persönliche Bekannte oder Freunde Steinmeiers, ähnliche kleine und große Schilder aufgestellt. Frank-Walter Steinmeier gilt als bodenständig und heimatverbunden. Er hält seinem Dorf die Treue, auch wenn er logischerweise schon längst der Arbeit wegen mit seiner Frau, der Verwaltungsrichterin Elke Büdenbender, nach Berlin-Zehlendorf gezogen ist. Die beiden haben eine Tochter. Die Steinmeiers sind in Brakelsiek eine alteingesessene Familie. Sein Vater, Walter Steinmeier, war Tischler. Seine Mutter Ursula kam nach dem Krieg als Flüchtling aus Breslau ins Lipperland. Sie lebt noch heute im Dorf, der Vater starb im Jahr 2012 und hat auf dem kleinen Friedhof vor Ort seine letzte Ruhe gefunden. Eine eigene Kirchengemeinde gibt es in Brakelsiek nicht. Die meist evangelisch-reformierten Christen im Dorf gehören der Kirchengemeinde im benachbarten Schwalenberg an und Kirchengänger berichten, dass Frank-Walter Steinmeier mit seiner Mutter an den Feiertagen zu Ostern oder Weihnachten bis in die neueste Zeit noch öfters hier den Gottesdienst besucht hat.

Ein echter Lipper geblieben

Steinmeiers alte Grundschule, in die er einst als i-Dötzchen eingeschult wurde; Foto: Herbert F. Gruber

Die Steinmeiers sind in dem Dorf, das heute zur Stadt Schieder-Schwalenberg gehört, präsent. Sein Bruder, Dirk Steinmeier, ist zeitlebens ein echter Lipper geblieben und arbeitet bei Phoenix-Contakt im nahen Blomberg. Dort besuchte Frank-Walter in seiner Jugend auch das neusprachliche Gymnasium. Seit zwanzig Jahren wohnt in Brakelsiek auch Silke Buhrmester. Sie ist dort Nachbarin von Steinmeiers Cousine Ute und arbeitet seit 26 Jahren bei der Lippischen Landes-Zeitung. Da ist es völlig klar, dass die aktuellen Ereignisse die Redakteurin immer wieder zu beruflichen und privaten Kontakten geführt haben, die so manche Anekdote hervorbringen. Zudem will es der Zufall, dass die Lippische Landes-Zeitung zurzeit ihr 250-jähriges Jubiläum feiert. Frank-Walter Steinmeier schickte eine Videobotschaft an die Redaktion: „Ich bin mit der Lippischen Landes-Zeitung groß geworden,“ erklärt darin der angehende Bundespräsident. Für den politisch engagierten, jungen Frank-Walter Steinmeier war die Lokalzeitung in Lippe im elterlichen Haushalt jahrzehntelang Lektüre am Frühstückstisch. Und nicht zu vergessen: der Sportteil mit den Nachrichten über die regionalen Vereine und deren Spiele. Schon in frühester Jugend spielte Frank-Walter Steinmeier beim TUS 08 Brakelsiek Fußball. Im Jahr 2008 war es zum 100-jährigen Jubiläum des Vereins für den bereits amtierenden Außenminister eine Selbstverständlichkeit, nach Hause zu kommen und persönlich zu gratulieren.

Auch zum 150-jährigen Bestehen des örtlichen Schüt- zenvereins in 2015 ließ es sich Frank-Walter Steinmeier trotz Termindrucks nicht nehmen, ins Heimatdorf zu kommen und an den Festlichkeiten teilzunehmen. Und genau das schätzt man im Dorf an dem bodenständigen Lipper, der seine Herkunft nie vergessen hat. Egal, mit wem man im Dorf spricht, alle wollen, dass man „über den Frank nichts Schlechtes schreibt!“ Seine diplomatische, zurückhaltende, aber durchaus auch durchgreifende Art, soll ihm schon als Junge zu eigen gewesen sein. In der Fußballmannschaft war „Prickel“, wie man ihn nannte, lieber Libero als Stürmer. Ein Wesenszug, der ihn bis heute auszeichnet und für das höchste Amt im Staat prädestiniert. Man ist sich einig im Dorf, dass Frank-Walter Steinmeier diesen Job hervorragend machen wird.

„Prickel“, der Libero

Steinmeier spielte in seiner Jugendzeit beim Tut 08 Brakelsiek; Foto: Herbert F. Gruber

Für die von Berufes wegen an aufregende Ereignisse durchaus gewöhnte Redakteurin Silke Buhrmester gab es im Januar dann ein Ereignis, dass den Puls dennoch ansteigen ließ. Gemeinsam mit Fotografin Vera Gerstendorf-Welle besuchte sie Frank-Walter Steinmeier in seinem Abgeordnetenbüro im Paul-Löbe-Haus in Berlin. Von dem Interview in vertrauter Atmosphäre hat sie auch Westfalium einiges verraten. Als Geschenk aus der Heimat hatten die Lipperinnen dem angehenden Präsidenten eine historische Ausgabe der Lippischen Landes-Zeitung mitgebracht, die am Geburtstag Steinmeiers, am 5. Januar 1956 erschienen war. Großes Thema der Ausgabe war damals der 80. Geburtstag Konrad Adenauers, den es damals, ebenfalls am 5. Januar, zu würdigen galt. Silke Buhrmester hat immer noch glänzende Augen, wenn sie vom Besuch beim künftigen Präsidenten erzählt und der Stolz der Brakelsiekerin auf die Herkunft des bald neuen Staatsoberhauptes ist auch ihr anzumerken. Frank-Walter Steinmeier beschreibt sie als einen herzlichen, fast kumpel- haften Typ, zu dem man schnell Vertrauen bekommt. „Er begrüßte uns auf dem Flur mit einem Schulterklopfer und setzte sich zu uns aufs Sofa in seinem Büro,“ beschreibt die Redakteurin den Beginn ihres spannenden Interviews.

Dieses Foto aus seiner Studentenzeit bei den “politischen Juristen” versteigerte Frank-Walter Steinmeier 2017 zu Gunsten der Aktion “RTL- Wir helfen Kindern”; Foto: United Charity GmbH/RTL

Die Politik war übrigens nur am Rande Thema des Gesprächs. Vielmehr plauderte Frank-Walter Steinmeier bereitwillig über Privates und die aktuelle Zeit zwischen zwei Ämtern, die er derzeit als „einfacher Abgeordneter“ genießt. Er erzählt von seinen Leibgerichten: Mutters Rouladen, Kassler mit Sauerkraut und lippischem Pickert – aber die süße Variante mit Rosinen drin und Rübensirup oben drauf. Dass er früher geraucht hat, daraus macht Frank-Walter Steinmeier kein Geheimnis, aber die eigene Gesundheit mit einer Augen-Operation und spätestens die Nierenspende an seine Frau im August 2010, die ihm viel öffentliche Anerkennung eingebracht hat, haben ihn bewogen, von den Glimmstängeln abzulassen. Frank-Walter Steinmeier hat mit großer Überzeugung einen Organspender-Ausweis. Ganz selten, zu besonderen Anlässen, gönnt er sich noch ein Zigarillo, wie er beim Interview in Berlin augenzwinkernd zugegeben hat. Steinmeier hat keine Probleme mit seiner Vergangenheit. Aktuell lässt er ein Foto aus seiner wilden Studentenzeit versteigern, das ihn mit einer „Fluppe“ im von langen Haaren umrahmten Gesicht zeigt. Der Erlös für das signierte Porträt wird im Rahmen der Aktion „RTL – Wir helfen Kindern“ gespendet.

Frank-Walter Steinmeier kann das Leben genießen. In Südtirol hat die Familie ein Ferienhaus. Er wandert gern und sein Bruder Dirk hat den Wunsch geäußert, dass die beiden mal wieder die Zeit für eine ausgedehnte gemeinsame Wanderung finden mögen. Als Brakelsiekerin hat Silke Buhrmester ihr Ohr am Puls der Leute im Dorf. Das Gebäude der kleinen Schule, die Frank-Walter Steinmeier als i-Dötzchen besucht hat, steht bis heute am Hang vor dem Sportplatz, auch wenn die Grundschüler schon seit einigen Jahren ins benachbarte Schwa- lenberg zur Schule fahren. Vom Haus der Steinmeiers, das am Dorfrand liegt, hat man einen schönen Blick auf den Schwalenberger Wald und die kleine Burg über dem romantischen Nachbarort, der als Künstlerdorf weithin bekannt ist. Der letzte Bäcker hat in Brakelsiek schon vor ein paar Jahren zugemacht. Es gibt eine Tankstelle, einen Buswendeplatz und ein paar Kneipen. Ein reges Vereinsleben hält das Dorf zusammen und Frank-Walter Steinmeier ist beim Fußball- und Schützenverein als Ehrenmitglied mittendrin. So rechnet man damit, dass er sich auch in Zukunft zu Hause nicht rar machen wird. Allgemein geteilt wird der Wunsch seiner Mutter, „dass der Junge das alles auch gesundheitlich schafft!“ Auch die Westfalium-Redaktion schließt sich diesem Anliegen gerne an.


 

 


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