Beziehungskisten für „Romeo und Julia“

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Recklinghausen – Sie gelten als das Liebespaar schlechthin: Romeo und Julia. In unzähligen Fassungen ist die Liebestragödie nach Shakespeare bearbeitet worden. Es ist ein Stoff, der die Fantasie und Kreativität jedes Künstlers herausfordert: Ewige Liebe, Leidenschaft und Tod. Dichter, Maler, Komponisten, Drehbuchautoren und Choreographen haben sich davon zu immer neuen Versionen und Fassungen inspirieren lassen.

Ballet "Roméo et Juliett" - Fotos: Olivier Houreix

Ballett „Roméo et Juliett“ – Fotos: Olivier Houreix

Bei den Ruhrfestspielen in Recklinghausen feierte in diesem Jahr „Roméo et Juliette“ als Ballett der Compagnie von Thierry Malandain seine Wiederaufführung. Es war ein mitreißender Tanzabend, der nahtlos an den großartigen Erfolg der Compagnie bei den Ruhrfestspielen im vergangenen Jahr anknüpfte. Malandain und seiner Tänzer lösten die höchsten Erwartungen ein, die weltweit mit dem Namen der Compagnie verbunden sind.

Choreographie Thierry Malandain

Choreographie von Thierry Malandain

Die Choreographie zu „Roméo et Juliette“ von Malandain wurde 2010 beim Festival Le Temps d’Aimer in Biarritz uraufgeführt. Seither tritt das Malandain Ballet Biarritz mit diesem Stück in aller Welt auf. Auch in der Bundesrepublik konnte man das Stück in den vergangenen Jahren bereits einige wenige Male sehen. In Recklinghausen erlebt es eine mitreissende Premiere. Das Publikum bedankte sich mit langanhaltendem, tosendem Applaus.

Die Choreographie entstand nach der dramatischen Symphonie „Roméo et Juliette“ von Hector Berlioz. Thierry Malandain läßt in seiner Choreographie 16 Tänzerinnen und Tänzer paarweise auftreten. Je acht als Romeo und acht als Julia. Die Handlung ist aufgegeliedert wie in einem schillernden Kaleidoskop, das Raum für großartige Ensembleszenen und einfühlsame und sinnliche Solos für Roméo, Juliett, Bruder Laurent, Mercutio, Tybald und den Prinzen bietet. Malandain beginnt mit dem Tod des Liebespaares und erzählt die Geschichte als eine große Rückblende.

Metallene Flighcases sind die variablen Requisiten. Sie symbolisieren Mauern, Betten und Gräber.

Metallene Flighcases sind die variablen Requisiten. Sie symbolisieren im Stück Mauern, Betten und Gräber.

Malandain hat sich von der wundervoll wuchtigen und an Herz gehenden Musik Berlioz inspirieren lassen, findet in der als Programmmusik angelegten Symphonie die passenden Inspirationen, die er mit Motiven des Modern Jazz Dance aber eben auch märchen- und zauberhaften Bildern des klassischen Balletts tanzen läßt. Bei großen Ensembleszenen nutzt die Gruppe den gesamten Spielraum einerseits so grazil und schwebend wie ein wehender Vorhang und wenige Sekunden später mit athletischen und donnernden Schritten, wenn der Kampf der rivalisierenden Familien, Montagues und Capulets, ausgedrückt werden soll.

Großartige Sololeistungen und mitreissende Ensemletänze stehen in einem harmonischen Verhältnis

Großartige Sololeistungen und mitreissende Ensemletänze stehen in einem harmonischen Verhältnis

Wie im vergangenen Jahr spielt Malandain in einer ebenso asketischen wie modernen Ausstattung überaus kreativ mit wenigen, einfachen Requisiten. 16 große Flightcases aus Blech werden zu abstrakten Kulissen und bilden das sich ständig wandelnde Bühnenbild. Sie transportieren die Geschichte zugleich in eine kalte, modernistisch überformte Gegenwart.

Die metallenen (Beziehungs)Kisten symbolisieren Gräber, werden zu Begrenzungen und trennenden Mauern, zu Sitzmöbeln und zu Schminktischen, zu Liebesnester, einem Steg und auch zum unvermeidlichen Balkon. Als Kostümkoffer enthalten sie zudem die Hochzeits- und Ballkleider der Julias und die Hosen und Hemden der Romeos. Schnelle Szenen- und Kostümwechsel sind kongenial und mitunter geradezu clownesk in den Tanz einbezogen. In den ausdrucksstarken und gefühlvollen Solos verschwindet das Ensemble komplett hinter dem eisernen „Vorhang“ aus aufgestellten Kisten.

Höhepunkt des Tanzstückes ist sicherlich das dramatische Ende. Zu den Klängen von Berlioz, die in einer Art Oratorium münden, sterben Romeo und Julia ihren tragischen Tod. Sie verschwinden in den ihnen zugedachten Gräber, ohne dass sich das Schicksal ihrer erbarmt hätte. (Dr. Jörg Bockow)

 

 

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