„Endlich!“ – übers Altern im Pumpenhaus

„Endlich!“ ist ein bewegender, anrührender und mitunter ausgesprochen unterhaltsamer Theaterabend über das Altern, die Mühen der Pflege und die unausweichliche Endlichkeit des Lebens.

„Endlich!“ – übers Altern im Pumpenhaus

Vorstoß in ein unbekannte4s Terrain: “Endlich!” – szenische Performance über dass Alter, die Pflege und den Tod mit Carola von Seckendorff und Cornelia Kupferschmid im Pumpenhaus Münster – Foto Franz Kammer

„Altwerden ist nichts für Feiglinge“, soll die amerikanische Schauspielerin Bette Davis einmal gesagt haben. Dieser Satz könnte als Leitmotiv über der szenischen Performance stehen, mit der Cornelia Kupferschmid und Carola von Seckendorff im Theater am vergangenen Freitag (30. Oktober) im Pumpenhaus in Münster eine gefeierte Premiere erlebten. Denn „Endlich!“ macht Mut, nicht indem es die Schrecken des Alters beschönigt, sondern indem es sie beim Namen nennt. Offen, unverblümt, manchmal erschreckend intim.

Die beiden Münsteraner Künstlerinnen wissen, wovon sie sprechen. Sie haben Erfahrungen mit dem Älterwerden der Eltern, mit Krankheit, Pflege und Abschied zu einem ebenso persönlichen wie vielschichtigen Theaterstück verarbeitet. Dabei geht es nicht allein um die Eltern, die zunehmend gebrechlich werden und ihre Selbstständigkeit verlieren, es geht ebenso um die erwachsenen Kinder, die aus ihrem eigenen Alltag herausgerissen werden und plötzlich Verantwortung übernehmen müssen. Vor allem aber geht es um die Erkenntnis, dass auch das eigene Leben endlich ist.

„Endlich!“ – übers Altern im Pumpenhaus

Welcher Pflegegrad? “Endlich!” – szenische Performance über dass Alter, die Pflege und den Tod mit Carola von Seckendorff und Cornelia Kupferschmid im Pumpenhaus Münster – Foto Franz Kammer

„Ich habe keine Angst vor dem Tod. Ich habe allerdings Angst vor dem Sterben“, heißt es einmal. Ein Satz, der sitzt. Weil er einen Unterschied benennt, den viele empfinden, aber nur wenige aussprechen.

Carola von Seckendorff entdeckt durchaus angenehme Seiten des Älterwerdens. „Ich habe jetzt alle Zeit der Welt“, sagt sie. Endlich kann sie bequeme Unterwäsche tragen, die ihr nicht mehr die Organe einschnürt. Schluss mit falscher Eitelkeit und gesellschaftlichen Erwartungen. Das Alter verspricht eine neue Freiheit. Doch die hat ihre Tücken. Plötzlich scheint das Leben „zeitlos“ geworden zu sein. Die Zukunft, die früher noch vor einem lag, ist zusammengeschrumpft. Man steckt in einem „Zeitloch“, aus dem es keinen Ausweg gibt. „Niemand kommt hier lebend raus“, hat Anthony Hopkins einmal über die Endlichkeit des Lebens mit lakonischem und entwaffnendem Freimut festgestellt.

Wie widersprüchlich das alles ist, zeigen die beiden Künstlerinnen mit einer mitunter entwaffnenden Offenheit. Sie erzählen von den Zumutungen des Alters, ohne ihre Eltern bloßzustellen. Sie lassen die eigenen Unzulänglichkeiten und ihre eigenen Ängste nicht aus. Da ist die Liebe zu den Eltern, die sich mit wachsender Ungeduld mischt. Da sind Fürsorge und Hilflosigkeit, Zuneigung und Zorn. Manchmal liegen sie erschreckend dicht beieinander.

Wenn die Mutter nicht mehr mitmachen will: “Endlich!” – szenische Performance über dass Alter, die Pflege und den Tod mit Carola von Seckendorff und Cornelia Kupferschmid im Pumpenhaus Münster – Foto Franz Kammer

Wie handhabt man eine Urinflasche? Wie zieht man den gebrechlichen Vater aus und wieder an? Wie hilft man einem Menschen, der sein Leben lang selbstständig war und sich nun gegen die Unterstützung wehrt? Solche Fragen stehen plötzlich im Mittelpunkt des Alltags. Was früher selbstverständlich war, wird zur täglichen Herausforderung.

„Hast du deine Medikamente genommen?“ „Wann hast du zuletzt etwas getrunken?“ Es sind Sätze, die in unzähligen Familien fallen. Gut gemeint, aus Sorge gesprochen, doch für die Eltern klingen sie womöglich wie Bevormundung. Die Rollen verkehren sich. Aus den Kindern werden Aufpasser, aus den Eltern Menschen, die sich rechtfertigen müssen. Wer ein Leben lang das Sagen hatte, lässt sich nicht gern Vorschriften machen.

Da kann der Rollator zur Gefahrenquelle werden, wenn man nicht gelernt hat, wie man mit ihm umgeht. Da müssen Anträge ausgefüllt, Pflegegrade festgestellt und Entscheidungen getroffen werden, die niemand treffen möchte. Die eigenen Eltern werden zu Pflegefällen. Ein hässliches Wort für eine oft noch hässlichere Wirklichkeit.

Der elektrische Fernsehsessel als Aufstehhilfe: “Endlich!” – szenische Performance über dass Alter, die Pflege und den Tod mit Carola von Seckendorff und Cornelia Kupferschmid im Pumpenhaus Münster – Foto Franz Kammer

Kupferschmid und von Seckendorff ersparen ihrem Publikum nichts. Sie erzählen von Sturheit und Boshaftigkeit, von eingefahrenen Gewohnheiten, nervigen Routinen und festgefahrenen Ritualen, von verletzten Gefühlen und den Schuldgefühlen der Kinder, die irgendwann nicht mehr können. Pflege ist eben nicht nur eine Frage der Liebe, sie kostet Kraft und Nerven, verlangt Geduld, Hingabe und bringt Menschen an Grenzen, von denen sie vorher nichts wussten.

Gerade weil die beiden Künstlerinnen auch die komischen Seiten dieser Erfahrungen entdecken, wird der Abend nie zur bedrückenden Leidensgeschichte. Es darf gelacht und geschmunzelt werden. Einige Male bleibt einem das Lachen allerdings im Halse stecken. Denn die geschilderten Situationen sind so vertraut, dass sich viele Zuschauer darin wiedererkennen dürften.

Die Kunst der kleinen Gesten

„Endlich!“ erzählt keine durchgehende Geschichte. Regisseurin Barbara Wachendorff hat aus persönlichen Erinnerungen, Interviews, Kinderstimmen, Spielszenen und Reflexionen eine klug komponierte Collage geformt. Die einzelnen Episoden folgen keiner Chronologie. Sie tauchen auf wie Erinnerungen, die sich unvermittelt ins Bewusstsein drängen. Mal sind sie komisch, mal schmerzlich, manchmal beides zugleich. Wachendorff vertraut auf die Kraft des Materials und die Präsenz ihrer beiden Darstellerinnen.

Dabei wechseln die beiden Frauen immer wieder die Rollen. Cornelia Kupferschmid wird zur Gutachterin, die den Pflegegrad feststellen muss, zur Beraterin, zur pflegenden Tochter oder zu jener Frau, die nach dem Tod des Vaters dessen Wohnung auflösen muss. Carola von Seckendorff schlüpft in die Rolle einer Kranken oder einer alten Frau, die zunehmend auf fremde Hilfe angewiesen ist. Im nächsten Moment stehen beide wieder als sie selbst auf der Bühne und berichten von ihren Erfahrungen.

Diese Wechsel gelingen ohne theatrale Verrenkungen. Ein neuer Ort wird definiert, eine andere Position auf der weiten Bühnenfläche. Ein anderer Tonfall, eine veränderte Körperhaltung, eine kleine Geste genügen. Kupferschmid spielt mit einer bemerkenswerten Direktheit, die auch unangenehme Wahrheiten zulässt. Von Seckendorff setzt dem eine leise, oft hintergründige Komik entgegen. Beide ergänzen sich auf wunderbare Weise. Sie hören einander zu, reagieren aufmerksam auf jede Regung und lassen auch Momente der Unsicherheit zu. Nichts wirkt aufgesetzt. Selbst der einfühlsame Bericht über intimste Situationen vermittelt Würde.

Zärtliche Gesten: “Endlich!” – szenische Performance über dass Alter, die Pflege und den Tod mit Carola von Seckendorff und Cornelia Kupferschmid im Pumpenhaus Münster – Foto Franz Kammer

Zwischendurch werfen sich die beiden Darstellerinnen Zahlen an den Kopf wie zwei Geschwister, die sich gemeinsam erinnern. Jede Zahl steht für eine gemeinsame Erinnerung, ein Erlebnis oder einen besonderen Augenblick. Die jeweils andere muss erraten, was gemeint ist. Das klappt längst nicht immer. Manchmal herrscht Ratlosigkeit, dann wieder stellt sich beglückende Übereinstimmung ein. Ein ebenso einfaches wie reizvolles Spiel über die Unzuverlässigkeit des Gedächtnisses und die Erinnerungen, die Menschen miteinander verbinden. Die kleinen Rätsel unterbrechen als Separator die Erzählungen, schaffen Abstand und lassen neue Gedanken zu.

Auch der Bühnenraum erzählt mit. Nele Schröder hat eine Ausstattung geschaffen, die sich mit wenigen Handgriffen verwandeln lässt. Drei alte Stehleuchten, ein paar Sessel und Stühle, ein Teppich.  Mal stehen die Möbel beziehungslos nebeneinander, als warteten sie auf den Sperrmüll. Dann wird der Teppich ausgerollt, und schon entsteht ein neuer Raum. Die Stehlampen verbreiten das warme Licht eines Wohnzimmers, in dem einmal eine Familie gelebt hat. Die Möbel werden verschoben, Erinnerungen hervorgeholt, vertraute Orte entstehen und verschwinden wieder. Was eben noch ein Zuhause war, ist plötzlich nur noch eine Ansammlung alter Gegenstände. Ein ganzes Leben scheint sich in diesen wenigen Requisiten zu verdichten.

Sprache, Bewegung und akustische Elemente fügen sich zu einer Performance, die ihre Wirkung vor allem aus den wechselnden Perspektiven und der körperlichen Präsenz der Darstellerinnen gewinnt. Besonders anrührend ist eine Szene, in der sich die beiden Frauen gegenseitig die Haare kämmen. Mit einem großen Kamm fahren sie behutsam durch das Haar der anderen. Eine einfache, beinahe alltägliche Verrichtung. Doch in dieser Geste steckt eine Zärtlichkeit, die keiner Erklärung bedarf. Hier wird Fürsorge zu etwas Schönem. Eine Berührung, die Geborgenheit schenkt, ohne etwas zu verlangen. Die Szene braucht keine Worte. Sie erzählt viel über Nähe und menschliche Zuwendung.

Solche Augenblicke machen „Endlich!“ zu einem bemerkenswerten Theatererlebnis. Die Inszenierung vertraut auf die Kraft der kleinen Gesten. Sie braucht keine großen dramatischen Ausbrüche, um Gefühle freizulegen. Oft reicht ein Blick, eine beiläufige Bemerkung oder ein Moment des Schweigens.

Wenn das Zuhause verschwindet

Der Abend erzählt allerdings auch von Abschieden, die lange vor dem Tod beginnen. Wenn die Eltern ihre Wohnung verlassen müssen, wenn vertraute Gegenstände keinen Platz mehr haben, wenn ein ganzes Leben in Kisten verpackt, im Container landet oder auf dem Sperrmüll entsorgt wird. Das Pflegeheim wird zum letzten Wohnort. Eine Sackgasse, aus der es keine Rückkehr gibt. Die Auflösung der elterlichen Wohnung gehört zu den besonders schmerzhaften Erfahrungen.

„Endlich!“ – übers Altern im Pumpenhaus

Die Wohnung wird aufgelöst: “Endlich!” – szenische Performance über dass Alter, die Pflege und den Tod mit Carola von Seckendorff und Cornelia Kupferschmid im Pumpenhaus Münster – Foto Franz Kammer

„Forever young“ ist ein schöner Traum. Die Wirklichkeit sieht anders aus. Niemand kann sich um das Altern herumdrücken. Weder diejenigen, die es am eigenen Leib erfahren, noch die Angehörigen, die sie begleiten. Der Wunsch, möglichst lange jung zu bleiben, hilft wenig, wenn das Leben andere Tatsachen schafft.

Mehrere Male beziehen die beiden Darstellerinnen das Publikum in ihre Überlegungen ein. Sie schreiben Fragen auf Blätter, wie sie überall auf der Bühne herumliegen und verteilen sie im Zuschauerraum. Sie nutzen dafür die Formulare, Fragebögen und Verordnungen, jenen Papierkram also, der den Alltag alter und pflegebedürftiger Menschen zunehmend bestimmt. „Kannst du Alter?“ steht da. Oder „Für immer jung?“ Es sind Fragen, die über den Theaterabend hinausreichen und beim anschließenden Publikumsgespräch weiterverfolgt werden können.

Dass „Endlich!“ diesen Austausch sucht, gehört zum künstlerischen Konzept. Das ist ein anspruchsvoller Ansatz, der ins Pädagogische abgleiten könnte, doch Wachendorff und ihre beiden Darstellerinnen umgehen diese Gefahr. Sie liefern keine Gebrauchsanweisung für das Altwerden und schon gar keine moralischen Belehrungen. Sie zeigen Menschen in Situationen, die sich nicht einfach auflösen lassen. Ihre Widersprüche bleiben bestehen. Gerade das macht die Aufführung glaubwürdig und authentisch.

Denn über das Altern sprechen wir gern, solange es um Fitness, Reisen und die Freuden des Ruhestands geht. Über Hilflosigkeit, Inkontinenz, Pflegebedürftigkeit und Sterben dagegen möglichst wenig. „Endlich!“ holt diese Erfahrungen aus der Tabuzone, ohne daraus Problemtheater zu machen. Die Inszenierung zeigt, wie sehr die großen Fragen des Lebens in den kleinen Verrichtungen des Alltags stecken. Wie viel Liebe nötig ist, um einen Menschen zu pflegen. Wie schwer es fällt, Hilfe anzunehmen. Wie schnell Fürsorge zur Belastung wird und wie wenig sich menschliche Beziehungen nach den Vorschriften einer Pflegeversicherung richten.

Vor allem aber bewahren die beiden Darstellerinnen bei aller Ernsthaftigkeit ihren Humor. Sie spielen mit einer Offenheit, die berührt, ohne auf Rührung aus zu sein. Man spürt, wie viel eigene Lebenserfahrung in dieser Arbeit steckt.

„Endlich!“ ist ein echtes Lehrstück über die letzte Phase des Lebens. Allerdings eines, das nicht belehrt. Cornelia Kupferschmid und Carola von Seckendorff machen daraus einen Theaterabend voller Wärme, Humor und schmerzlicher Wahrheiten. Sie machen Mut, sich der mitunter unbequemen Wirklichkeit zu stellen und darüber zu sprechen, solange noch Zeit dafür ist.

Ein bewegender, lebenskluger und wahrhaftiger Theaterabend, der lange nachwirkt. Unbedingt sehenswert – wenn er denn hoffentlich bald wieder aufgeführt wird!

Jörg Bockow

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