bodytalk: Die Kunst muss brennen

bodytalk bringt die Kunst zum Brennen: Eine Geige schleift über den Boden. Ein Mönch zieht sie an einer Schnur hinter sich her wie einen widerwilligen Hund. Das Holz schabt über die Steinplatten, ein Geräusch, das beinahe körperlich schmerzt.

bodytalk: Die Kunst muss brennen

“When too perfect, liebe Gott böse” – Performensch-Konzert von Christian Filips und bodytalk im Theater Pumpenhaus in Münster – Foto Ralf Emmerich

Die Zuschauer stehen noch im Foyer des ausverkauften Theaters im Pumpenhaus. Doch die Aufführung hat längst begonnen. Draußen vor der Fensterfront bewegt sich ein Tänzer mit quälender Langsamkeit über die steinernen Sitzgelegenheiten. Jeder Schritt scheint Teil einer Meditation oder Achtsamkeitsübung. Dann hebt er eine Geige mit beiden Händen wie in Zeitlupe über den Kopf, verharrt und erstarrt für einige Sekunden und lässt sie mit einem einzigen Schlag auf einem Stein zerschellen. Ein Schock. Willkommen bei bodytalk!

“When too perfect, liebe Gott böse” – Performensch-Konzert von Christian Filips und bodytalk im Theater Pumpenhaus in Münster – Foto Ralf Emmerich

„when too perfect, liebe Gott böse“ heißt die neue Produktion der Münsteraner Tanztheatercompagnie bodytalk, die gemeinsam mit dem Autor Christian Filips und dem Pianisten Dongkyu Leo Kim entstanden ist. Es ist eine Hommage an Nam June Paik (1932–2006), den koreanischen Pionier der Videokunst und anarchischen Geist der Fluxus-Bewegung. Zwölf Etüden gegen die Perfektion, gegen künstlerische Konventionen und die Zumutungen einer Welt, in der alles wie am Schnürchen funktionieren soll. Ein Abend zwischen Aktionismus, Schamanismus und klassischem Konzert. Kryptisch, komisch, gelegentlich verstörend. Vor allem aber ein grandioses Spektakel, das einen in ein Tauchbad der Gefühle wirft.

Der Auftakt zitiert zwei frühe Arbeiten Paiks: „Violin with String“ von 1961 und „One for Violin Solo“, 1962 erstmals aufgeführt. Bei Letzterer wird eine Geige minutenlang emporgehoben, um schließlich mit einem einzigen Schlag zerstört zu werden. Ein Affront gegen die Ehrfurcht vor dem Instrument, zugleich eine musikalische Komposition, deren Höhepunkt ein einziger Knall ist. Fluxus eben. Eine Kunstrichtung, die seit den frühen 1960er-Jahren die Grenzen zwischen Musik, Theater, bildender Kunst und alltäglichem Leben lustvoll verwischte.

Mozart zwischen Autowracks

In Münster ist Nam June Paik kein Unbekannter. Gleich dreimal hat er hier mit spektakulären Arbeiten für Aufsehen gesorgt. 1987 installierte er für die Skulptur Projekte seinen „TV-Buddha für Enten“ in der Münsterschen Aa. Eine bronzene Buddha-Figur mit Zigarette im Mund saß auf einer flachen Holzkonstruktion vor einem ausgeräumten Fernsehapparat. Die Enten schwammen quakend um den meditierenden Buddha. Fernöstliche Gelassenheit begegnete westlicher Fernsehkultur. Eine ebenso absurde wie poetische Installation. Viele Besucher konnten nur ratlos den Kopf schütteln.

bodytalk: Die Kunst muss brennen

“When too perfect, liebe Gott böse” – Performensch-Konzert von Christian Filips und bodytalk im Theater Pumpenhaus in Münster – Foto Ralf Emmerich

1995 verwandelte Paik die Dyckburg-Kapelle mit seinem „Baroque Laser“ in einen Licht- und Klangraum. Das barocke Gesamtkunstwerk wurde mit moderner Technik neu erfunden. Zwei Jahre später folgte sein spektakulärster Münsteraner Auftritt: Vor dem Schloss ließ Nam June Paik 32 amerikanische Oldtimer aus den Jahren 1920 bis 1950 aufstellen, komplett silbern lackiert, in geometrischen Formationen angeordnet. Hinter den Windschutzscheiben stapelten sich ausrangierte Fernsehapparate. Dazu erklang Mozarts Requiem, vom Sonnenuntergang bis kurz vor Mitternacht. „32 Cars for the 20th Century: Play Mozart’s Requiem Quietly“ war der Titel. Eine Totenmesse auf den Fortschrittsglauben des 20. Jahrhunderts und zugleich ein ironischer Abgesang auf das Videozeitalter. Paik selbst hatte angewiesen, Mozart so lange spielen zu lassen, bis sich jemand beschwerte. Doch niemand beschwerte sich. Nur dass von Zeit zu Zeit ein silbern lackiertes Fahrrad die Installation zu stören schien. So geht Münster – mitunter westfälisch respektlos.

bodytalk: Die Kunst muss brennen

“When too perfect, liebe Gott böse” – Performensch-Konzert von Christian Filips und bodytalk im Theater Pumpenhaus in Münster – Foto Ralf Emmerich

Die drei Münsteraner Arbeiten werden im Pumpenhaus mit historischen Filmaufnahmen in Erinnerung gerufen. Sie erscheinen auf der Bühnenrückwand und auf einer Projektionsfläche aus Papier. Bilder aus einer anderen Zeit, die plötzlich wieder gegenwärtig werden. Selbst ein Fahrrad rollt auf die Bühne. Eine augenzwinkernde Verbeugung vor der Fahrradstadt Münster und ihrer besonderen Beziehung zu Paik.

Ein Tollhaus mit Methode

Auf der Bühne herrscht zunächst ein heilloses Durcheinander. Im Halbdunkel bewegen sich aufgeblasene Luftmatratzen, an denen Blockflöten angebracht sind und eine Art Blockflötenkonzert erklingen lassen. Bis die Luft raus ist. Unter den Matratzen stecken Tänzer, die sich erst befreien können, als den Matratzen die Luft ausgeht. Dazu erklingt die „Münsteraner Ouvertüre für Paik Nam June“ von Yasin Woerheide. Ein grotesker Auftakt, der die Gesetze des gewöhnlichen Musiktheaters gleich mit entsorgt.

Eine Tänzerin erscheint auf einem Bildschirm, scheint sich aus dem elektronischen Bild zu befreien wie der Schmetterling aus seinem Kokon. Kaum herausgekrochen steigert sie sich halbnackt in einen ekstatischen Tanz. Der Körper erobert sich seine Freiheit von der Technik zurück. Oder ist es umgekehrt? Solche Fragen stellt dieser Abend unablässig, ohne sich um Antworten zu kümmern. Wohlfeil wäre diese sowieso nicht.

bodytalk: Die Kunst muss brennen

“When too perfect, liebe Gott böse” – Performensch-Konzert von Christian Filips und bodytalk im Theater Pumpenhaus in Münster – Foto Ralf Emmerich

Christian Filips und bodytalk bedienen sich aus dem reichen Fundus der Fluxus-Geschichte. John Cage, Karlheinz Stockhausen und Nam June Paik begegnen sich in musikalischen Zitaten und furiosen Aktionen. Dongkyu Leo Kim spielt auf einem Steinway-Flügel und einem präparierten Klavier. Mal klingt das nach großer Konzertkunst, mal nach einem Klavierunterricht, der vollständig aus den Fugen geraten ist. Selbst Beethoven muss sich einiges gefallen lassen.

Dann wieder wird das Publikum zum Mitmachen aufgefordert. Handys werden mitten in der Performance zu neuartigen Medien. Social Media der anderen Art. Ein QR-Code am Boden vor den Sitzplätzen aktiviert ein Programm. Wer einen Ton hört wird Teil einer neuen Community.

Für Paiks „Young Penis Symphony“ findet sich aber gerade mal ein einziger Freiwilliger. Er verschwindet hinter der papiernen Projektionswand, wird jedoch wegen angeblich unzureichender körperlicher Voraussetzungen wieder auf seinen Platz zurückgeschickt. Das Publikum lacht. Stattdessen durchstoßen plötzlich Finger das Papier und geben sich als männliches Geschlechtsteil aus. So dünn? So klein? Derber Klamauk? Gewiss. Aber auch eine hübsche Demontage männlicher Selbstüberschätzung.

Bei bodytalk liegen Tiefsinn und höherer Blödsinn oft nur einen Wimpernschlag auseinander. Christian Filips ist ganz in seinem Element. Kaum hat sich ein Bild eingeprägt, wird es vom nächsten überrannt. Manchmal sind es zu viele Einfälle und Assoziationen, zu viele Anspielungen, zu viele gleichzeitige Ereignisse. Das rauscht mitunter an einem vorbei, ohne dass etwas hängen bleibt. Egal. Das gehört bei bodytalk einfach dazu. Wer versucht, alles zu entschlüsseln, ist hoffnungslos verloren. Man muss sich diesem Bildersturm ausliefern, den Verstand gelegentlich ausknipsen wie einen Lichtschalter und den eigenen Assoziationen vertrauen.

Wenn die Drohne tanzt

Wie faszinierend das sein kann, zeigt eine der schönsten Szenen des Abends. Vitor Hamamoto begegnet einer kleinen Drohne. Zunächst schwebt das Fluggerät über ihm, beobachtet seine Bewegungen. Die Kamera überträgt das Geschehen vergrößert und zeitgleich auf die Bühnenrückwand. Dann verändert sich das Verhältnis. Die Drohne folgt dem Tänzer, gleitet zwischen seinen Armen hindurch, fliegt durch seine Beine. Mensch und Maschine beginnen miteinander zu tanzen.

“When too perfect, liebe Gott böse” – Performensch-Konzert von Christian Filips und bodytalk im Theater Pumpenhaus in Münster – Foto Ralf Emmerich

Ein futuristisches Ballett von erstaunlicher Zärtlichkeit. Die Technik ist plötzlich kein kaltes Gegenüber mehr, sondern ein eigenwilliger Partner. Hamamotos Bewegungen sind von verblüffender Präzision. Die Drohne antwortet darauf mit einer beinahe organischen Leichtigkeit. Für Augenblicke scheint die Schwerkraft außer Kraft gesetzt. Hier wird Paiks künstlerisches Erbe nicht bloß zitiert, sondern auf aufregende Weise weitergedacht.

Überhaupt sind die Choreografien von Yoshiko Waki eine Klasse für sich. Die Tänzer wirbeln über die Bühne, werfen sich in kraftvolle Gruppenszenen, wiederholen Bewegungsfolgen mit geradezu artistischer Körperbeherrschung. Waki selbst ist mittendrin, tanzt mit einer Energie und Präzision, die staunen lassen. Ihre Choreografien besitzen eine wilde, beinahe explosive Kraft. Hinter dem vermeintlichen Chaos und scheinbar völlig freier Improvisation steckt eine verblüffend genaue Ordnung – so geht Choreographie.

Das ist vielleicht der schönste Widerspruch dieses Abends – eine Idee: Ausgerechnet eine Aufführung gegen die Perfektion lebt von der Perfektion ihrer Akteure. Was wie hemmungslose Improvisation aussieht, ist in Wahrheit meisterhaft komponiert.

Die Kunst ist tot!

Doch bodytalk wäre nicht bodytalk, wenn es bei kunstvollen Experimenten bliebe. Immer wieder brechen politische Töne in das Geschehen ein. Es kracht und donnert, als sollten Explosionen das Publikum aus seiner Bequemlichkeit reißen. Man fühlt sich an den russischen Theateravantgardisten Wladimir Majakowski erinnert, der mit brachialer Kraft gegen die bürgerliche Kunstauffassung rebellierte und schon einmal kleine Sprengsätze unter den Theatersitzen installierte, um die Zuschauer aufzuschrecken.

Yoshiko Waki ruft den Tod der Kunst aus. Auch die Videokunst ist tot. Freiheit und Demokratie erscheinen bedroht, die Künstler sehen sich unter Druck. Das lässt sich durchaus als Kommentar zur gegenwärtigen Kulturpolitik verstehen, vielleicht auch als Warnung vor einer Zukunft, in der unabhängige Kunst immer weniger Raum findet. Der Abend wird zum Protest, das Publikum zum Widerstand aufgerufen. Und wie positioniert sich das Pumpenhaus dazu?

Nicht jede der Botschaften erreicht ihr Ziel. Manches bleibt Behauptung, manches verliert sich im Getöse. Doch die Wut ist spürbar. Hier wollen Künstler nicht gefallen, sondern etwas in Bewegung setzen. Die Provokation ist kein dekorativer Effekt, sondern Teil ihrer Haltung.

bodytalk: Die Kunst muss brennen

“When too perfect, liebe Gott böse” – Performensch-Konzert von Christian Filips und bodytalk im Theater Pumpenhaus in Münster – Foto Ralf Emmerich

Dann nähert sich die Aufführung ihrem apokalyptischen Höhepunkt. Ein Klavier wird malträtiert und schließlich wie ein Schwerverletzter auf einer Art Bahre hinausgefahren. Die Fensterfront des Theaters öffnet sich. Draußen steht ein Klavier in Flammen. Das hinauskomplimentierte Instrument wird vor den Augen des Publikums zertrümmert. Exitus tabula. Das Feuer lodert, Holz splittert. Die Kunst zerstört ihre eigenen Werkzeuge.

“When too perfect, liebe Gott böse” – Performensch-Konzert von Christian Filips und bodytalk im Theater Pumpenhaus in Münster – Foto Ralf Emmerich

„The Burning Paik Piano Machine. Oder Was ich dir sagen will, sagt mein Klavier!“ heißt dieses furiose Schlussbild. Eine verdrehte Erinnerung an Udo Jürgens, dessen Klavier nun allerdings keine Liebeserklärung mehr zu übermitteln hat. Eher eine Kündigung.

„Du kannst jetzt gehen. Ich bin heute sehr verstimmt. Das Üben dieser Fingersätze und Tanzschritte wird nicht mehr helfen. Es ist aus mit uns beiden. Tritt mich und ich trete zurück. Fortschritt.“ Eine Götterdämmerung nach Nam June Paik. Der Fortschritt frisst seine Kinder, die Kunst geht in Flammen auf. Oder muss erst alles zerbrechen, damit etwas Neues entstehen kann?

Christian Filips hat mit bodytalk und dem Theater im Pumpenhaus einen Abend geschaffen, der sich jeder einfachen Deutung entzieht. Meisterlich geschrieben, mit überbordender Fantasie inszeniert und von einem Ensemble getragen, das körperlich wie künstlerisch an seine Grenzen geht. Die bewährte Zusammenarbeit mit dem Pumpenhaus erweist sich einmal mehr als Glücksfall für Münsters freie Theaterszene. Wir freuen uns schon auf den nächsten Geniestreich.

„when too perfect, liebe Gott böse“ ist keine gefällige Hommage an einen großen Künstler. Es ist ein Post-Fluxus-Ereignis, das Paiks anarchischen Geist in die Gegenwart holt. Ein wilder Ritt durch die Geschichte der Avantgarde, zwischen großer Kunst und großem Unfug. Die Bilder widersprechen einander, manche verstören, andere betören. Viele bleiben als Blitzlichter im Gedächtnis haften.

Bei Fragen wenden Sie sich an Ihren Arzt oder Psychiater. Denn viele Fragen bleiben offen. Gott sei Dank!

Jörg Bockow

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