„Oh mein Gott!“ im Kleinen Bühnenboden

Oh mein Gott! Er muss auf die Couch, denn Gott hat ein Problem. Genauer gesagt: Er hat die Nase voll. Von den Menschen, von seiner Schöpfung und offenbar auch von sich selbst. Seit mehr als 2000 Jahren steckt er in einer tiefen Krise. Jetzt soll Schluss sein. Mit allem. Da hilft allenfalls eine Psychotherapie.

Konrad Haller und Maria Goldmann als Gott und Therapeutin Ela in “Oh mein Gott!” im Kleinen Bühnenboden – Foto Alma Kesting

Mit dem Stück „Oh mein Gott!“ der israelischen Erfolgsautorin Anat Gov startet der Kleine Bühnenboden in Münster in seine neue Spielzeit. Ganz und gar passend. Und ermutigend.

Die Psychologin Ela (Maria Goldmann), 42 Jahre alt, alleinerziehend und Atheistin, ist zunächst alles andere als begeistert von ihrem neuen Patienten. Der hat sich kurzfristig in ihre Praxis gedrängt und will unbedingt noch am selben Tag behandelt werden. Sein Name irritiert: „Nennen Sie mich einfach G!“ 400 Schekel ist ihm die Sitzung wert. Er will nur eine Stunde.

Ela ist genervt. Noch mehr irritiert sie, dass der Mann im schneeweißen Anzug erstaunlich viel über sie weiß. Hat da jemand in ihrem Privatleben herumgeschnüffelt? Ist er vielleicht ein Prominenter? Ein Agent des Mossad? Oder schlicht ein Fall für den Psychiater? Langsam dämmert ihr, wer da tatsächlich vor ihr sitzt: Gott. Und Gott ist ganz offensichtlich verzweifelt und depressiv.

Anat Gov hat aus dieser ziemlich aberwitzigen Ausgangslage ein kluges Kammerspiel gebaut. Eine Frau, ein Mann, ein Therapiezimmer und 90 Minuten ohne Pause genügen, um ein paar echt große Themen abzuhandeln: Schöpfung und Verantwortung, Schuld und Vergebung, Glaube und Zweifel, Freiheit und die Frage, warum der Mensch eigentlich so gründlich missraten konnte. Da stimmt einfach jeder Satz, jede Wendung. Es kommt keinen Moment Langeweile auf. Die Zuschauer sind von Anfang an involviert.

Konrad Haller spielt diesen Gott nicht als donnernden Allmächtigen. Keine Zaubertricks, keine Wunder. Sein Gott ist müde, gekränkt, eitel, wütend, bis ins Mark verletzlich und zutiefst enttäuscht von seinem eigenen Werk. Eine Sintflut hat die Menschheit schon hinter sich. Bei der nächsten, so sein Plan, soll niemand mehr davonkommen.

Immer wieder blitzt die Macht dieses Gastes auf. Dann kippt die Stimmung. Aus Selbstmitleid wird Zorn, aus Überheblichkeit Verzweiflung. Zu Beginn der Sitzung bricht aus ihm ein solcher Schwall hervor, dass Ela und das Publikum kaum noch folgen können. Dann sitzt dieser vermeintlich Allmächtige plötzlich da, versinkt in sich, vergräbt das Gesicht in den Händen, jammert und weint. Der Schöpfer ist mit seiner Schöpfung fertig. Vor allem aber ist er mit sich selbst fertig. Das ist komisch und zugleich anrührend.

Maria Goldmann hält als Ela dagegen. Zuerst selbstsicher und professionell, dann durchaus persönlich angefasst und irritiert. Doch sie lässt sich von der Identität ihres Patienten nur vorübergehend aus der professionellen Bahn werfen. Schon bald tut sie das, was eine gute Therapeutin tun sollte: fragen, fragen, fragen, nachhaken, Widersprüche aufdecken. Im Verlauf der Sitzung gelingt es ihr allmählich, die Machtverhältnisse umzudrehen.

Dabei hat Ela selbst eine Rechnung mit ihm offen. Sie lebt mit ihrem autistischen Sohn Lior, sie kennt Verlust, Überforderung und Zweifel. Sie hat ernsthaft über die Tötung ihres Kindes und über einen anschließenden Selbstmord nachgedacht. Ihr Atheismus schützt sie keineswegs vor Gott. Im Gegenteil. Auch wer nicht an ihn glaubt, kann offenbar ziemlich wütend auf ihn sein. Immer wieder hat sie in der Vergangenheit in schierer Verzweiflung gerufen: „Oh mein Gott!“

Damit bekommt der Dialog seine eigentliche Schärfe. Ela erinnert Gott an seine eigene Geschichte. An Adam und Eva, Kain und Abel, die Schlange und den Sündenfall. Und irgendwann steht die Frage im Raum, ob ausgerechnet die seit Jahrtausenden verteufelte Schlange nicht einen erheblichen Anteil daran hat, dass wir Menschen geworden sind: denkend, neugierig, widerspenstig und unvollkommen.

Vor allem aber dreht Ela die Schuldfrage um. Gott beklagt sich über die Menschen. Aber wer hat sie eigentlich erschaffen? Das sitzt. Auch als die Geschichte um die Klage des Hiob auf den Tisch kommt. Gott steckt argumentativ in der Klemme.

Regisseur Matisek Brockhues braucht dafür keine großen Effekte. Er vertraut auf den Text und seine beiden Schauspieler. Das ist eine kluge Entscheidung. Brockhues, 1967 in Münster geboren, kennt den Kleinen Bühnenboden seit seinen eigenen Anfängen. Hier begann seine Theaterausbildung, bevor er Schauspiel in Hannover studierte und an verschiedenen Bühnen arbeitete. Brockhues arbeitet heute als Schauspieler, Regisseur und Dozent. Für „Oh mein Gott!“ ist er an einen Ort zurückgekehrt, an dem seine Theaterlaufbahn begann.

Maria Goldmann und Konrad Haller nutzen die Nähe zum Publikum und die kleine Bühne, die kaum größer als ein Saunatuch ist. Hier kann man keine Regung verstecken. Ein Blick, ein kurzes Zögern, eine veränderte Körperspannung werden unmittelbar sichtbar. Beide spielen die Wechsel des Stückes mit großer Genauigkeit. Maria Goldmann lässt Elas professionelle Sicherheit immer wieder brüchig werden, Konrad Haller seinen Gott zwischen Selbstherrlichkeit, Wut und kindlicher Verzweiflung schwanken. So entsteht auf der kleinen Bühne eine Spannung, für die es weder Umbauten noch große Gesten braucht.

Anat Gov wusste sehr genau, wie man solche schweren Fragen leicht macht, ohne sie leichtzunehmen. Die 1953 in Tiberias geborene israelische Autorin studierte Theaterwissenschaft in Tel Aviv, schrieb zunächst für Comedy und Satire im Fernsehen und später zahlreiche erfolgreiche Theaterstücke. „Oh mein Gott!“ wurde 2008 am Cameri Theatre in Tel Aviv uraufgeführt. 2010 nahm die European Theatre Convention das Stück in ihre Auswahl von 120 zeitgenössischen europäischen Theaterstücken auf. Die deutschsprachige Erstaufführung folgte aber erst 2024 am Landestheater Linz. Gov starb 2012 mit 58 Jahren an Krebs.

Dass „Oh mein Gott!“ erst so spät auf deutschsprachigen Bühnen angekommen ist und offenbar so selten gespielt wird, verwundert. Gerade für kleine Häuser ist das großartige Stück ein Geschenk: zwei starke Rollen, ein überschaubarer Raum und ein Text, der sein Publikum gleichermaßen zum Lachen und Nachdenken bringt.

Und er passt erstaunlich gut in diese Zeit. Der Kleine Bühnenboden hat seine neue Saison unter das Motto „wohin. jetzt.“ gestellt. Es geht um eine Welt, in der Gewissheiten brüchig geworden sind und einfache Antworten Hochkonjunktur haben. Anat Gov liefert keine einfachen Antworten. Nicht einmal Gott hat eine. Sie belässt die Verantwortung beim Menschen. Bei uns.

„Oh mein Gott!“ ist eine hintergründige, geistreiche und überraschend komische Auseinandersetzung mit Gott und der Welt. Das Kammerspiel fesselt von der ersten bis zur letzten Minute. Es ist dank seiner Darsteller ein hinreißendes Stück. Sehenswert!

Jörg Bockow

Speak Your Mind

*