200 Jahre Gernheimer Glasturm

Petershagen – Seit 200 Jahren prägt der Gernheimer Glasturm nicht mehr wegzudenken: der historische Kegelturm. 1826 gebaut als Produktionsstätte für die Glashütte Gernheim, war es das Engagement der Bürgerinnen und Bürger, die vor 50 Jahren das Erbe der Glashüttenzeit wieder in den Fokus der Öffentlichkeit rückten.

Gernheimer Glasturm

Der Gernheimer Glasturm wird in diesem Jahr 200 Jahre alt – Foto: LWL / Peter Hübbe

Im Herbst eröffnet das Museum des Landschaftsverbands Westfalen-Lippe (LWL) in Petershagen eine Sonderausstellung zum Jubiläum des Turmes und sucht dafür nun Objekte und Geschichten der letzten 200 Jahre. Im Rahmen von Erzählcafés sollen Erinnerungen rund um den Turm der Glashütte Gernheim ausgetauscht werden. Das erste findet am Mittwoch (8.7.) von 15 bis 17 Uhr statt.

Ein besonderes Augenmerk liegt auf den letzten 75 Jahren der Geschichte des Turmes: zwischen Verfall, bürgerlichem Engagement und Anfängen der musealen Betrachtungen, bis zum heutigen Herzstück des Museums. In vier Erzählcafés können bei einem Kaffee oder Tee in entspannter Atmosphäre Erinnerungen geteilt und gesammelt werden. Auch ist das Museum an (alten) Fundstücken rund um die Glashütte Gernheim interessiert. Die Teilnahme ist kostenfrei, um eine vorherige Anmeldung wird gebeten unter glashuette-gernheim-anmeldung@lwl.org oder telefonisch unter 05707 9311-213 (Mo – Fr 8 – 12 Uhr).

Eindrucksvolles Industriedenkmal

Der Gernheimer Glasturm gehört zu den eindrucksvollsten Industriedenkmälern Deutschlands – und seine Geschichte ist eng mit dem Aufstieg und Niedergang der frühen Industrialisierung an der Weser verbunden. Heute ist er das Wahrzeichen der Glashütte Gernheim. Gernheim ist kein eigenständiger Ort im klassischen Sinne, sondern eine historische Werkssiedlung, die Anfang des 19. Jahrhunderts eigens für die Glashütte gegründet wurde. Heute gehört Gernheim zum Ortsteil Ovenstädt der Stadt Petershagen im Kreis Minden-Lübbecke.

Standort an der Weser

Die Geschichte beginnt im Jahr 1811. Der Bremer Kaufmann Johann Christoph Friedrich Schrader suchte entlang der Weser nach einem geeigneten Standort für eine moderne Glashütte. Der Überlieferung nach soll er beim Anlanden am Steilufer bei Ovenstädt ausgerufen haben: „Hier bin ich gern heim!“ – daraus entwickelte sich später der Name „Gernheim“. Gemeinsam mit seinem Geschäftspartner Cornelius Lampe gründete er dort 1812 eine Glashütte, in der bereits am 1. Oktober desselben Jahres die erste Flasche geblasen wurde.

Komplettes Fabrikdorf

Die Lage direkt an der Weser war ideal: Rohstoffe wie Sand, Kalk und Kohle konnten per Schiff angeliefert werden, und die fertigen Glaswaren gelangten über Bremen bis nach Spanien, Portugal sowie nach Nord- und Südamerika. Schon bald entwickelte sich Gernheim zu einer der bedeutendsten Glashütten Nordwestdeutschlands. Rund um die Fabrik entstanden Arbeiterhäuser, Werkstätten, eine Schule, eine Korbflechterei und das Wohnhaus der Fabrikanten – ein komplettes Fabrikdorf.

Zuckerhutförmiges Erscheinungsbild

Der berühmte Glasturm selbst wurde 1826 errichtet. Er ist etwa 20 Meter hoch und besitzt einen Durchmesser von fast 18 Metern. Sein markantes, zuckerhutförmiges Erscheinungsbild geht auf englische Vorbilder zurück, die sogenannten “Glass Cones”. Im Inneren befand sich ein großer Schmelzofen, dessen gewaltige Hitze durch die Höhe des Turms und ausgeklügelte Luftzüge beherrscht werden konnte. Der Turm diente vor allem der Herstellung von Fensterglas und stellte damals modernste Industriearchitektur dar.

1877 erloschen die Öfen

In seiner Blütezeit beschäftigte die Glashütte bis zu 280 Menschen. Doch der Erfolg hielt nicht ewig. Nach dem Tod des Gründers Schrader geriet die Glashütte zunehmend unter wirtschaftlichen Druck. Vor allem der fehlende Eisenbahnanschluss wurde zum Problem: Während andere Fabriken ihre Produkte günstig per Bahn transportieren konnten, blieb Gernheim auf den teureren Transport über die Weser angewiesen. Die Wirtschaftskrise nach 1873 besiegelte schließlich das Ende. 1877 erloschen die Öfen endgültig.

Glasturm blieb stehen

Danach verfielen große Teile der Anlage. Viele Gebäude wurden abgerissen oder dienten als Steinbruch. Der Glasturm jedoch blieb – beschädigt, aber erstaunlich vollständig erhalten. Das macht ihn heute so außergewöhnlich: Er ist einer der letzten beiden historischen Glashüttentürme Deutschlands und einer der wenigen erhaltenen Glaskegel Europas überhaupt.

1998 als Museum  neu eröffnet

Erst Ende des 20. Jahrhunderts begann seine Rettung. Der Landschaftsverband Westfalen-Lippe übernahm die Anlage, restaurierte sie aufwendig und eröffnete 1998 das Museum. Heute wird im Gernheimer Glasturm wieder Glas hergestellt – zwar nicht industriell, aber in Schauvorführungen, bei denen Besucher erleben können, wie aus glühender Glasmasse mit Pfeife, Holzform und Schere kunstvolle Gefäße entstehen.

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