„Abstrakte Evolution“ in der Overhead Gallery Münster zeigt vom 29. November bis zum 17. Januar 2026 zwei künstlerische Positionen aus unterschiedlichen Epochen. „Abstrakte Evolution“ in der Overhead Gallery: Zwei Generationen, ein offener Blick auf die Zukunft
Wenn die Overhead Gallery Münster am kommenden Samstag um 19.00 Uhr ihre Türen für die Vernissage der Ausstellung „Abstrakte Evolution“ öffnet, begegnen sich dort zwei Künstler, die ein halbes Jahrhundert trennt und die doch in einen Dialog treten. Auf der einen Seite der 1900 geborene Maler Hans Vincenz, dessen Werk von expressiven Frühphasen bis zu nahezu abstrakten Farbfeldern reicht. Auf der anderen Seite die 1992 geborene Künstlerin Rubica von Streng, deren Zyklus „PortLand“ Landschaften entwirft, die mehr mit künftigen Biotopen zu tun haben als mit gegenwärtigen Orten.
Vincenz’ Bilder sind Momentaufnahmen und Sehnsuchtsorte. Sie beginnen oft dort, wo ein Spaziergang enden würde: am Rand eines Flusses, an einer Böschung, irgendwo zwischen Industrie und Aue. Er hält fest, was ihn umgibt, was er liebt, aber auch das, was ihm entgleitet: Industrielandschaften des Ruhrgebiets, stille Rheinwiesen, idyllische Gewässer. Man sieht noch Uferlinien, Strukturen, Horizonte, doch sie werden weicher, geraten ins Gleiten. In den fünfziger Jahren schließlich kippt die Balance: Die Formen lösen sich weitgehend auf, die Farbflächen gewinnen das Übergewicht. Aus Erinnerung wird Rhythmus, aus Natur ein Spannungsfeld von Klängen. Hans Vincenz ist fasziniert von der Abstraktion.
Während Vincenz sich von konkreten Orten entfernt, beginnt Rubica von Streng gleich jenseits des Abbilds. „PortLand“ bildet keinen geografischen Raum ab, eher eine gedankliche Klimakammer. Die gezeigten Gemälde sind weder utopische Wunschlandschaften noch düstere Warnsignale, sondern beides zugleich: farbintensiv, pulsierend, manchmal fast heiter, und doch nie ohne den Unterstrom der Frage, wohin sich unsere Umwelt eigentlich bewegt.
Dass die Künstlerin an der Universität der Künste Berlin studiert hat und bereits in Häusern wie der Kunsthalle Düsseldorf oder dem Haus der Kunst München ausgestellt wurde, merkt man der Souveränität dieser Bildwelten an: Sie argumentieren mit Farbe, nicht mit Zeigefinger. Die Zukunft, die sie zeigt, ist offen. Darin aber liegt auch eine Warnung vor der drohenden Dystopie.
Gerade im Nebeneinander der beiden Positionen entsteht der Reiz dieser Ausstellung. Vincenz’ kontemplative Ruhe – ein Schweigen, das aus dem Rückblick kommt – trifft auf die energetischen, manchmal lyrisch vibrierenden Flächen von Streng. Die Spannung dazwischen bildet den eigentlichen Kern von „Abstrakte Evolution“: eine Bewegung von der erinnerten Natur zur möglichen Natur, vom Erlebten zum Gedachten, von der Erfahrung in die Vorahnung.
Die Schau macht erfahrbar, dass Abstraktion keine Abkehr von der Welt ist, sondern ein offenes System. Sie kann aus einer Sehnsucht geboren werden oder aus einer Ahnung, aus Verlust ebenso wie aus Hoffnung. Und genau darin liegt der gemeinsame Boden dieser beiden sehr ungleichen Künstler.
„Abstrakte Evolution“ zeigt, wie Vergangenheit und Zukunft sich im Bild begegnen können, nicht als Widerspruch, sondern als erweiterter Horizont als Ergänzung unseres Erfahrungsschatzes.
Die Ausstellung ist zugleich der Auftakt einer Reihe von Museumsausstellungen zum 50. Todestag des Malers Hans Vincenz im kommenden Jahr.
(Jörg Bockow)

















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