Mitläufer im Nazireich, fragt der Kiepenkerl

Als Mitläufer unter den Nazionalsozialisten? Wie hätten wir uns im Nazireich entschieden? Zum Glück hat sich diese Frage für unsere Generation nicht gestellt. Doch mal ehrlich: Wo hätten meine Grenzen gelegen? Den Job aufs Spiel setzen, ins Gefängnis kommen oder sozial ausgegrenzt zu werden?

Mitläufer im Nazireich, fragt der Kiepenkerl

Die meisten Mitläufer haben vor der Realität der Konzentrationslager die Augen verschlossen – Foto JUlia Taubitz/unsplash

Hätte ich wirklich nicht mitgemacht, als Hitler 1933 in kurzer Zeit eine Diktatur in Deutschland errichtete? Mit den bekannten Folgen: Gleichschaltung von Gesellschaft und Staat, Überfälle auf benachbarte Länder, Entfesselung eines Weltkrieges, Verfolgung und Ermordung der Jüdinnen und Juden in Deutschland sowie in besetzten Gebieten.

Die Wahrscheinlichkeit, dass man selbst damals nicht widersprochen hätte und Mitläufer gewesen wäre, ist groß. Es war nur eine sehr kleine Minderheit der Deutschen, die sich von Beginn an dem nationalistischen Taumel des NS-Staates verweigerte, und es blieb eine kleine Minderheit, die nach anfänglicher Begeisterung umschwenkte und sich abwand. Noch viel weniger Menschen leisteten aktiven Widerstand, indem sie Befehle verweigerten, Verfolgte versteckten oder das Regime bekämpften.

Hitler war anfänglich kein irrer Tyrann, der sich gewaltsam an die Spitze eines Landes setzte und die Bevölkerung mit Dauerterror unter seinen Willen zwang. Hitler wurde demokratisch ins Amt gewählt – und er blieb dort, weil die große Mehrheit mit seiner Politik einverstanden war. Von einem Grundkonsens in der Bevölkerung, auf den sich Hitler stützen konnte, auch von Zustimmungsdiktatur ist in der Forschung die Rede. Mit anderen Worten: Viele Deutsche fanden den Nationalismus fast bis zum Schluss zumindest irgendwie okay und waren gerne Mitläufer.

Unser Vater hat als Ortsgruppenleiter der NSDAP (Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei) in Breckerfeld seinen eigenen Weg gefunden. Anfänglich war er ein überzeugter Nazi. Doch im Krieg erlebte er als Leutnant hautnah die Verbrechen, zu denen das Nazi-System fähig war. Doch mit Rücksicht auf die Familie zog er den offenen Protest nicht in Betracht. Er entschied sich, den Juden in Breckerfeld eine sichere Heimat zu bieten. Die Stadtverwaltung folgte seinem Weg und in der Bevölkerung fielen die Juden nicht auf, weil sie keinen Judenstern tragen mussten.

Weil unser Vater als Ortsgruppenleiter überwiegend in der Heimatverteidigung eingesetzt war, konnte er die Familie häufig besuchen. Über Politik und den Krieg wurde mit den Kindern nicht gesprochen.

Weil die Familie in Bühren wohnte, einem kleinen Dorf, das zur Hansestadt Breckerfeld gehört, spürten wir Kinder kaum etwas vom Schrecken des Krieges. Lediglich der Feuerschein der brennenden Städte Hagen und Wuppertal störte nach den verheerenden Bombenangriffen die Idylle des dörflichen Lebens. Hier war sogar die Versorgung mit Lebensmitteln durch die nahen Bauernhöfe und unseren großen Garten sowie den Obsthof mit eigenen Hühnern gesichert, so dass unsere Mutter nur selten zu Hamstertouren ins Münsterland aufbrechen musste.

In den tristen Kriegsnächten schrieb unser Vater insgesamt zehn Märchen, die ich in den „Erzählungen und Sagen um die Hansestadt Breckerfeld“ redigiert und zusammengefasst habe.

Gegen Ende des Krieges kam unser Vater als Leiter einer Abschussrampe für V2-Raketen an der niederländischen Grenze bei einem Angriff englischer Bomber ums Leben und wurde vor Ort beigesetzt.

Unsere Mutter brauchte unbedingt einen Ort zum Trauern in Breckerfeld. Lehrer Philipp Herminghaus, ein Freund der Familie, stand für die Überführung zur Verfügung, doch es fehlten ein LKW und der nötige Kraftstoff.

In ihrer Not wandte sich unsere Mutter an der von der Besatzung eingesetzten Bürgermeister von Breckerfeld. Das war ein Jude, der in Breckerfeld untergetaucht war. Er kannte die Verdienste unseres Vaters um die Juden und stellte sogleich einen LKW und den Kraftstoff für die Umbettung zur Verfügung. Damit konnte Lehrer Herminghaus den Leichnam unseres Vaters zur Beisetzung in der Reihe der Kriegsgefallenen auf dem Breckerfelder Friedhof überführen.

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