Über die Naziherrschaft, schreibt der Kiepenkerl

Über die Naziherrschaft, schreibt der Kiepenkerl: Bis heute sind die Gründe nicht vollständig erforscht, warum Millionen Menschen in Deutschland den Nationalismus bedingungslos unterstützten und weshalb sie Adolf Hitler verfielen, obwohl der nie einen Hehl aus seinem Judenhass und seinen Kriegsplänen gemacht hatte. Sie folgten dem Führer bis zum Untergang des Deutschen Reiches.

Auschwitz steht weltweit als Symbol und Synonym für die nationalsozialistischen Gewaltverbrechen, insbesondere den massenhaften und systematischen Mord an Jüdinnen und Juden. Das Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz war das größte Gefangenenlager der Nationalsozialisten. Zeit seines Bestehens zwischen 1940 und 1945 wurden schätzungsweise rund 1,3 Millionen Menschen in den Lagerkomplex Auschwitz deportiert. Von ihnen wurden etwa 1,1 Millionen dort ermordet. Am 27. Januar 1945 wurde Auschwitz von der Roten Armee befreit. – Foto Pixabay

Der Journalist und Exilant Sebastian Haffner schrieb bereits im Januar 1940, dass es vor allem die loyale Bevölkerung das System schütze. Also jene 40 Prozent der Deutschen, die dem Naziregime treu dienten, ohne Nazis zu sein. Die Mitläufer seien autoritätshörig und wünschten sich einen Sieg Deutschlands im Krieg. Im Privaten seien sie oft anständig, sympathisch und liebenswürdig gewesen. Gleichzeitig wurden im Namen dieser zivilisierten Leute Gräueltaten begangen.

Der Historiker Michael Wildt führt den Erfolg der Nationalisten auch auf die Macht der Emotionen und Hitlers Anziehungskraft zurück. In Massen strömten die Deutschen bereits vor der nationalsozialistischen Machtübernahme am 30. Januar 1933 zu dessen Veranstaltungen. Sie gingen mit dem erhebenden Gefühl nach Hause, Teil eines großen Zukunftsprojektes zu sein, ohne sich ständig mit Argumenten auseinandersetzen oder politische Entscheidungen treffen zu müssen.

Nachdem die Nazis mit der Unterstützung der konservativen Eliten aus Politik und Militär 1933 an die Macht gekommen waren, umgarnten sie die deutsche Bevölkerung, indem sie die Arbeitslosigkeit bekämpften oder Urlaubsreisen zu niedrigen Preisen anboten. Gleichzeitig sperrten die Nationalisten zehntausende Oppositionelle in Folterlager.

Der Wegfall der Meinungsfreiheit in der Naziherrschaft durch die Gleichschaltung von Parteien, Verbänden, Vereinen und Medien verstärkte die demagogische Wirkkraft Hitlers.

Das Naziregime definierte ethisch und ideologisch, wer zur arischen Volksgemeinschaft zählte. Wer nicht arisch war, musste um sein Leben fürchten. Hunderttausende Bürgerinnen und Bürger flohen ins Ausland. Die Pogrome gegen jüdische Deutsche im November 1938 zählen zu den schwärzesten Tagen in der deutschen Geschichte. Insgesamt fielen der Schoah mehr als sechs Millionen Menschen zum Opfer.

Derweil standen Millionen Volksgenossen bis zuletzt loyal zum Führer. Sie genossen die finanziellen Vorteile aus der Arisierungen und dem Massenraub an den europäischen Juden. Zur gleichen Zeit fielen dem Rasse- und Vernichtungskrieg europaweit Millionen sowjetische und alliierte Soldaten sowie Zivilisten zum Opfer.

Der spätere Nobelpreisträger Heinrich Böll empfand den Militärdienst als sinnlose Störung seines unterbrochenen Studiums.

Nach der totalen Niederlage 1945 brauchten die Deutschen lange, um sich selbst und der Welt die epochale Schuld einzugestehen, die sie durch den Vernichtungskrieg und den Holocaust auf sich geladen hatten. Erst in den sechziger Jahren bröckelte die Fassade des unschuldigen Volkes, das angeblich von den Nazis betrogen worden war.

Erst in den Achtziger Jahren setzte sich in der Öffentlichkeit ein kritischer Umgang mit der NS-Vergangenheit und Naziherrschaft durch.

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