„Antigone“ als musikalisches Drama im WBT

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„Antigone“ als schrilles musikalisches Drama im WBT: Das Stück von Sophokles ist alt aber keineswegs verstaubt, die Fassung im Borchert Theater Münster ist modern und ganz zeitgemäß. Gerade weil sie kabarettistisch überdreht und überaus unterhaltsam ist, trifft sie mit ihrer Aussage und Kritik Kopf und Herz des Publikums. Der Konflikt zwischen Macht und Moral ist aktuell und kann kaum präziser auf den Punkt gebracht werden. So muss Theater sein: unterhaltsam, nachdenklich und mit vielen Widerhaken.

"Antigone" als musikalisches Drama im WBT

„Antigone“ von Bodo Wartke mit Stefanie Rave, Rosana Cleve und Erika Jell auf der Bühne des Wolfgang Borchert Theaters – Foto Klaus Lefebvre

Diese „Antigone“ hat das Zeug zum Kultstatus. Autor Bodo Wartke hat dem Ensemble des Wolfgang Borchert Theaters eine Steilvorlage an die Hand gegeben, die kaum mehr zu übertreffen ist. Er selbst ist als Akteur zusammen mit seiner Kollegin Melanie Haupt damit bereits erfolgreich auf Tournee gewesen und spielt das Stück weiter auf unterschiedlichen Bühnen. Der ursprüngliche, zugegebenermaßen sehr spröde und gewöhnungsbedürftige Text von Sophokles ist von Bodo Wartke gegen den Strich gekämmt, mit überdrehten Reimen und Knittelversen, mit Hipp-Hopp, Rap und eingängigen Songs a la Blues Brothers getunt worden, dass man beim Zuhören kaum Zeit zum Atem holen hat. Die Pointen sitzen auf den Punkt, die Musik spielt virtuos mit mehreren Genres, die Songs laden zum Mitschnipsen ein.

"Antigone" als musikalisches Drama im WBT

„Antigone“ von Bodo Wartke mit Stefanie Rave, Erika Jell und Rosana Cleve auf der Bühne des Wolfgang Borchert Theaters – Foto Klaus Lefebvre

Das kleine, große Theaterwunder: Bei allem Spiel mit Text und Form, Bodo Wartke hat mit seinem Stück keine Parodie geliefert, sondern bleibt inhaltlich seinem Sophokles treu. Das muss ihm erst einmal einer nachmachen: Das, worum es dem großen Griechen ging, wird vom sprachgewandten Musikkabarettisten nicht verraten. Bodo Wartke behandelt den antiken Stoff mit gebührendem Respekt. Die antike Tragödie nimmt unerbittlich auf der Bühne ihren tödlichen Lauf.

„Antigone“ von Bodo Wartke mit Stefanie Rave, Rosana Cleve und Erika Jell auf der Bühne des Wolfgang Borchert Theaters – Foto Klaus Lefebvre

Die Götter haben, wie es die großen Mythen und antiken Sagen berichten, die Konstellation der Personen zwar vorherbestimmt und das Orakel von Dephi weiß wohl immer wie es weitergeht, aber die Akteure haben es gründlich vermasselt, sie haben den ihnen eingeräumten Handlungs- und Entscheidungsspielraum nicht genutzt, sondern sind dem Schicksal auf den Leim gegangen. „Die Macht macht wie immer Probleme!“ Die Aufrechten bleiben in der Minderzahl und werden ganz ohne Not geopfert. In einer Gesellschaft, die vom Gesetz und der Selbstgerechtigkeit der Herrschenden bestimmt ist, hat Moral keinen Platz. Die Freiheit ist ein kostbares Gut und die Freiheit des Einzelnen ist allerorten bedroht. Kritik und Widerstand werden niedergeschlagen. Das könnte, das sollte durchaus ans Hier und Jetzt erinnern!

"Antigone" als musikalisches Drama im WBT

„Antigone“ von Bodo Wartke mit Rosana Cleve und Erika Jell auf der Bühne des Wolfgang Borchert Theaters – Foto Klaus Lefebvre

Die Inszenierung von Florian Bender ist bis in kleinste Details, in winzige Gesten, Positionen und Ausdrücke bedacht, sie lässt die drei überaus spielfreudigen Schauspielerinnen brillieren und förmlich über sich hinauswachsen. Es macht einfach Spaß Rosana Cleve, der Neuen im Ensemble: Erika Jell und als Gast Stephanie Rave bei ihrem Spiel, Gesang und Tanz zuzuschauen. Meisterhaft sind die zahlreichen, teilweise blitzschnellen Rollenwechsel. Die drei Mimen müssen in insgesamt 19 verschiedene Rollen schlüpfen und jede Figur wiedererkennbar unterschiedlich verkörpern. Nie hat man Rosana Cleve besser gesehen. Sie gibt die „Antigone“, die älteste Tochter des König Ödipus, überzeugend als die unbeirrbare moralische Heldin und springt in jede neue Rolle mit einer unglaublichen Präzision und wunderbarer Spielfreude. Geradezu hinreißend. Mehr davon!

"Antigone" als musikalisches Drama im WBT

„Antigone“ von Bodo Wartke mit Rosana Cleve auf der Bühne des Wolfgang Borchert Theaters – Foto Klaus Lefebvre

Fast zehn Jahre nach der Kultvorstellung „König Ödipus“ rollt nun das zweite Antikendrama von Klavierkabarettist Bodo Wartke über die Bühne des Wolfgang Borchert Theaters – und wieder ist der Abend gespickt mit spritzig-jazzigen Songs. Diesmal steht „Antigone“, die älteste Tochter des König Ödipus im Zentrum. Der hat längst seinen Fluch erkannt und sich in schierer Verzweiflung die Augen ausgestochen. Gegen den ausdrücklichen Befehl von Thebens König Kreon bringt Antigone ihren toten Bruder Polyneikes unter die Erde – denn trotz aller Politik: die Würde des Menschen ist auch im Tod unantastbar. Gemäß ihrem Grundsatz „einer muss schließlich ein Exempel statuieren / damit künftig alle anderen davon profitieren“.

„Antigone“ von Bodo Wartke mit Rosana Cleve (vorne) und Erika Jell auf der Bühne des Wolfgang Borchert Theaters – Foto Klaus Lefebvre

Wartkes Kunstgriff funktioniert während des Stückes ganz trefflich. Ein Erzähler springt wo es nötig ist in der Geschichte hin und her, verdichtet die Ereignisse, erzählt die Vorgeschichte und fasst zusammen, was der Zuschauer wissen sollte, um die Konstellation der Personen und das Drama in seinen unterschiedlichen Dimensionen zu verstehen. Der Zuschauer mag durchaus von der Fülle der Akteure überfordert sein und den Lauf der Geschichte aus den Augen verlieren. Die Hauptperson, nämlich Antigone aber bleibt über das ganze Stück im Fokus. Sie wird am Ende, wie es der selbstherrliche König will, in eine Höhle eingemauert, wo sie nach seinem Willen ersticken möge. Sie allerdings wählt als letzten Triumpf gegenüber dem Herrschen den Freitod, um ihn zu desavouieren, was letztlich mehrere weitere Selbstmorde auslöst. Die Moral hat letztendlich doch obsiegt.

"Antigone" als musikalisches Drama im WBT

„Antigone“ von Bodo Wartke mit Rosana Cleve (vorne) und Erika Jell (hinten) auf der Bühne des Wolfgang Borchert Theaters – Foto Klaus Lefebvre

Entstanden ist die Idee zu dieser Zusatzproduktion im Borchert Theater während des zweiten Lockdowns im November 2020. Kopfschüttelnd und genervt von den Beschränkungen des Lockdowns hatte Rosana Cleve trotzig gemeint, dann wolle sie jetzt ein Ein-Personen-Stück halt ohne Begegnungen auf der Bühne machen. Ensemblemitglied und Schauspielerkollege Florian Bender hatte dies gehört und gemeint, dann wolle er aber auch die Regie führen. Gesagt getan: Intendant Meinhard Zanger ergriff die Chance und machten den beiden Kollegen einen Vorschlag. Gut so: Denn nur diesem glücklichen Umstand verdankt das Publikum diese Meisterleistung und das bemerkenswerte Regiedebüt von Florian Bender.

Das Premierenpublikum honorierte den Abend mit tosendem Applaus und Standing Ovations. Es forderte und bekam am Ende sogar eine Zugabe. Der letzte Song wurde noch einmal intoniert und die Zuschauer waren hingerissen. „Antigone“ im Borchert Theater ist die antike Tragödie im Gewand eines Anarcho-Theaters mit einem unüberhörbaren Faible fürs Musical. Unbedingt anschauen und sich von der Spielfreude des Ensembles mitreißen lassen! (Jörg Bockow)

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