MKK:  Schöner Fund aus „kleinem germanischen Dorf“

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Dortmund – Das „Objekt des Monats September“ hat Philipp Sulzer, Sammlungsleiter für Archäologie im Museum für Kunst und Kulturgeschichte (Hansastr. 3, 44137 Dortmund, mkk.dortmund.de) ausgesucht und beschrieben. Es ist das verzierte Fragment eines Mühlsteins, genauer: des Läufers einer Handdrehmühle zur Verarbeitung von Getreide aus der Jüngeren Römischen Kaiserzeit. Gefunden wurde es bei der Ausgrabung einer germanischen Siedlung in Dortmund-Oespel in den Jahren 1995 bis 1997.

Das Dortmunder Mühlenfragment besteht aus rheinischem Basalt. Foto – Joana Maibach, MKK

Mit Einführung der Landwirtschaft in der Jungsteinzeit wurden Hilfsmittel notwendig, die es ermöglichten, aus dem angebauten Getreide Mehl für den unmittelbaren Verbrauch herzustellen. So wurden in landwirtschaftlichen Siedlungen jeder Größe zunächst Mahlsteine genutzt: Auf einen „Unterlieger“-Stein wurde Getreide gestreut und mit dem von Hand über diesen geführten „Läufer“-Stein zu Mehl zerrieben.

Etwa ab dem letzten Viertel des 1. Jahrtausends v. Chr. vollzieht sich in Mitteleuropa der Übergang zur Drehmühlentechnik. Der jeweils überschaubare akute Bedarf an Mehl konnte mit Handdrehmühlen gedeckt werden, die ebenfalls aus einem nun kreisrunden Unterlieger und einem zu diesem passenden Läufer bestanden. Der Läufer, der auf einer festen Achse mittig über dem Unterlieger fixiert war, wurde mittels eines eingesteckten Griffes von Hand im Kreis gedreht. Zur Versorgung größerer, organisierter Siedlungen wurden ab dem 1. Jahrtausend n. Chr. auch tier- oder wasserkraftbetriebene „Kraftmühlen“ deutlich größeren Kalibers errichtet. Die übliche Größe einer Handdrehmühle lag bei einem Steindurchmesser von ca. 38 bis 44 cm.

Das im MKK ausgestellt Mühlenfragment ist wissenschaftlich besonders interessant, da es aus rheinischem Basalt besteht, also trotz seines Gewichts von weither transportiert wurde. Vermutlich machte dieser Umstand die Mühle zu einem begehrten wie auch kostspieligen Alltagsobjekt der späten Römischen Kaiserzeit.

Da beim Mahlen je nach Gesteinsart der Mühle auch immer ein wenig Steinabrieb mit in das Lebensmittel gelangte, war man bereits in der Jungsteinzeit darauf bedacht, durch die Materialauswahl diese Verunreinigung zu minimieren. Gute Eigenschaften als Mahl- oder Mühlsteine bieten bestimmte europäische Basaltvorkommen, die zu diesem Zwecke weithin verhandelt wurden. Jedoch war nicht jedes Lavagestein gleich gut geeignet.

Besonders hervorzuheben sind die Lavaströme des Bellerberg-Vulkans in der Osteifel. Nahe der Stadt Mayen kann ein Abbau dieses für Getreidemühlen gut geeigneten Basalts nachgewiesen werden, der sich über Jahrtausende hinweg nahezu unterbrechungsfrei bis in die letzten Jahrhunderte hinein fortsetzte. Schon vor Einführung der Drehmühlentechnik wurden aus Mayener Basalt in großem Umfang Mahlsteine, z. B. sogenannte „Napoleonshüte“, gefertigt und entlang der europäischen Wasseradern verhandelt. Spätestens seit der späten Bronzezeit kann ein organisierter Abbau nachgewiesen werden – noch heute liegen viele beeindruckende Halbfertigprodukte der Drehmühlenproduktion der Römischen Kaiserzeit im Abbaugebiet verstreut.

Als die Abbauregion zu Beginn der Römischen Kaiserzeit Teil der römischen Provinz wurde, begannen die Römer mit dem Abbau im großen Stil. Als „Legionärsmühlen“ führte die römische Armee sie mit sich, aber auch als Handdrehmühlen und Kraftmühlen gelangten Mühlen aus Mayener Basaltlava in verschiedene Teile des Römischen Imperiums. Auch im nichtbesetzten Germanien erfreuten sie sich großer Nachfrage und wurden weithin verhandelt. So gelangte wohl auch das im MKK ausgestellte und auf typische Weise an der Oberseite verzierte Fundstück in das „kleine germanische Dorf“ bei Dortmund-Oespel.  Katrin Pinetzki

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