Der Turm – Tanztheater eröffnet den Spielbetrieb

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Der Turm – Tanztheater eröffnet den Spielbetrieb des Theaters in Münster: Es wird tatsächlich nur eine kurze Spielzeit werden, bis man wie gewohnt in die Theaterferien entschwindet. Aber die Freude ist an diesem Abend auf beiden Seiten mit Händen zu fassen. Endlich wieder ein Kulturevent vor Publikum! Auf der Bühne scheint noch mehr Energie als sonst die Tänzerinnen und Tänzer anzutreiben, die Zuschauer blicken noch aufmerksamer und gespannter auf die Bühne. Und der Schlussapplaus schließt selbstredend auch die Freude und die Erleichterung zum Neustart des Theaters mit ein.

Der Turm – Tanztheater eröffnet den Spielbetrieb

„Der Turm“ Tanzabend von Hans Hennig Paar mit dem Tanzensemble des Theater Münster – Foto Oliver Berg

Nach dem Ende des Lockdowns scheint wieder so etwas wie Normalbetrieb in den Kultureinrichtungen der Stadt möglich. Behutsam wird dieser gerade ausgetestet. Wann er jemals wieder so sein wird wie vor der Zeit der Pandemie, steht noch in den Sternen. Aber Münster hat die Zahlen der Neuinfektionen stark gedrückt. Die Inzidenz ist tatsächlich bemerkenswert niedrig. Allerdings ist der Neustart am Theater Münster noch mit zahlreichen Einschränkungen und auch nur mit stark ausgedünntem Publikum möglich. Aber immerhin. Darüber freuen wir uns sehr.

Auf dem Programm stand am vergangenen Wochenende „Der Turm“, ein Tanzabend von Hans Henning Paar aufgeführt vom überragenden Tanzensemble der städtischen Bühnen. Und wie konnte es auch anders sein, der Tanzabend hatte die Auswirkungen der Pandemie auf uns als Menschen und die Gesellschaft zum Thema: Angst und Verlorenheit, Isolation und Einsamkeit, Sprachlosigkeit, aber auch Hoffnung auf Besserung sowie die ungestillte Sehnsucht nach einem Ende und immer wieder die allerorten stark eingeschränkte Kommunikation. Für einen Choreographen bieten diese Stichworte die Chance, aus dem Vollen zu schöpfen. Emotionen und Gefühlsausdrücke von einer unglaublichen Vielfalt wurden von den Tänzerinnen und Tänzern auf die Bühne gebracht. Selten hat man das hiesige Ensemble in einer solchen virtuosen Dynamik erleben dürfen. Es war eine große Freude.

Der Turm – Tanztheater eröffnet den Spielbetrieb

„Der Turm“ Tanzabend von Hans Hennig Paar mit dem Tanzensemble des Theater Münster – Foto Oliver Berg

Hans Hennig Paar hatte einfache Stühle zum wichtigsten Requisit der Choreographie bestimmt. Anfänglich boten diese ein höchst befremdliches, ja verstörendes Bild, zumal der Himmel dieses Mal nicht voller Sterne hing, sondern über den Tänzern baumelten weitere Stühle als könnten sie sich jederzeit auf die Tänzer stürzen. Das Bild hatte etwas Bedrohliches – fast wie aus einem schlechten Traum. Und im Hintergrund türmte sich aus unzähligen Stühlen jener Turm, der dem Stück seinen Namen gab. Ein Turm mit seinen vielfältigen Assoziationen: Schutzraum und Gefängnis in einem.

Auf den Stühlen auf der Bühne fanden die Tänzerinnen und Tänzer Platz und sie hielten mit diesem Requisit zugleich den gebotenen Abstand. Erstaunlich zu wie vielen Bildern Stühle genutzt werden können. Auf und unter, vor und dahinter und immer wieder auch dazwischen. Mitunter hat man den Eindruck, dass sich die Protagonisten ihre Plätze streitig zu machen versuchten, als wenn im Verborgenen die Reise nach Jerusalem gespielt würde.

Der Turm – Tanztheater eröffnet den Spielbetrieb

„Der Turm“ Tanzabend von Hans Hennig Paar mit dem Tanzensemble des Theater Münster – Foto Oliver Berg

Die Bühne wird zu „einem Ort, an dem eine seltsame Poesie der Verlorenheit herrscht.“ Immer wieder vermittelt sich der Eindruck der Einsamkeit. Die Protagonisten tanzen und agieren vor allem alleine und für sich. Nur zum Schluss gab es Interaktionen, schienen die Protagonisten miteinander in Beziehung zu treten.

Die Gesellschaft befindet sich in einem Wartezustand, erklärt Hans Hennig Paar, pendelt hin und her zwischen Hoffnung und Rebellion, zwischen Schockstarre und Agonie. „Seit Monaten befinden wir uns in einer Zeit der Ungewissheit, die uns vermehrt mit unseren Ängsten und Sehnsüchten konfrontiert. Es fällt uns nicht leicht, die ungewohnten Freiheitseinschränkungen zu akzeptieren. Hin- und hergerissen zwischen Gefühl und Vernunft, taumeln wir zwischen Hoffnung und Resignation, Aktionismus und Schreckstarre. Es ist eine intensive Zeit der Selbstbegegnung, die bei einigen zu emotionalen Ausbrüchen, bei anderen wiederum zum Rückzug in die eigene innere Welt führt als Flucht vor der Realität.“ (Programmheft)

Hans Hennig Paar inszeniert "Der Turm"

„Der Turm“ Tanzabend von Hans Hennig Paar mit dem Tanzensemble des Theater Münster – Foto Oliver Berg

Die Inszenierung spiegelt das Gefängnis unserer Gedankenwelt wider und spielt mit der Deutungsvielfalt der Turmsymbolik. Zugleich vermittelt sich unübersehbar eine unglaubliche Hoffnung auf Begegnung und Nähe. Über allem scheint die Frage zu stehen: Wann dürfen wir uns endlich wieder umarmen und uns in den Armen liegen, ohne uns davor fürchten zu müssen, angesteckt zu werden.

Neben den verstörenden Stühlen als Requisiten, mag auch die sperrige und ungewohnte Musik ihre Irritationen zu entfalten. Hans Hennig Paar hatte als Musikscore Stücke des amerikanischen Komponisten Philip Glass (*1937) ausgewählt. Es entstand dadurch eine große Spannung zwischen der minimalistischen Musik einerseits und den großen Gefühlen andererseits, die durch die schier unglaubliche Choreographie auf die Bühne gebracht wurden. Das Ensemble bewies einmal mehr, dass es ein im doppelten Sinne bewegender und inspirierender Körper sein will. Atemberaubende, teilweise artistisch anmutende Bewegungen und wunderbare Einzelleistungen formierten sich auf der Bühne des Großen Hauses zu einem großen Ganzen. Der Gesamteindruck war geradezu zauberhaft!

Hans Hennig Paar beschreibt die Vorarbeit zur Choreographie: „Ausgangspunkt für die Bewegungsfindung war die tänzerische Auseinandersetzung mit dem Gefühl der Einsamkeit und der Sehnsucht nach Freiheit. Außerdem inspirierte uns die Vieldeutigkeit des Turm-Symbols bei der Entwicklung der Choreografie, sowie auch das Spiel der Gegensätze von Imagination und Wirklichkeit wichtige Impulse setzte.

Starke Gefühle im Tanztheater Münster

„Der Turm“ Tanzabend von Hans Hennig Paar mit dem Tanzensemble des Theater Münster – Foto Oliver Berg

Der Begriff ‘Turm’ ruft eine Vielzahl von Bildern und Assoziationen hervor: Im positiven Sinne steht er für Über- und Weitblick, Streben nach Erkenntnis aber auch für Introspektion und den dazu erforderlichen Schutzraum. Andererseits steht er für starre, verfestigte Regeln, Überheblichkeit, Hochmut und Realitätsverlust. Auch spielt der Turm in Märchen häufig eine zentrale Rolle. ‚Es war einmal …‘

Für mich ist ‚Der Turm der vergessenen Träume‘ eine Konfrontation mit Bildern des Unterbewusstseins, mit fremden Wesen und Situationen, die häufig mit kindlichem Angstempfinden verbunden sind. Es sind Figuren aus Märchen und Mythen, die eine große Einsamkeit in sich tragen und deren Ambivalenz mich fasziniert. Ich möchte den Zuschauer in eine Welt entführen, in der Unerwartetes passiert.“

Nach einem starken Schlussapplaus mit zahlreichen Aufzügen, trat Choreograph Hans Henning Paar ins Rampenlicht und erklärte, dass dies der vorläufig letzte Auftritt des herausragenden Ensemblemitgliedes Keelan Whitmore gewesen sei. Er bedankte sich für die großartige Zusammenarbeit. Whitmore möchte sich künftig anderen Aufgaben und anderen Herausforderungen widmen, was vom Publikum mit frenetischem und langanhaltendem Applaus und Standing Ovations quittiert wurde. Applaus kam auch von den Tänzerinnen und Tänzern: María Bayarri Pérez, Marieke Engelhardt, Eleonora Fabrizi, Ilario Frigione, Fátima López García, Matteo Mersi, Adrián Plá Cerdán, Enrique Sáez Martínez, Raffaele Scicchitano a.G., Charla Tuncdoruk und Leander Veizi. Keelan Whitmore war seit sieben Jahren Mitglied der Compagnie und ihr – nicht nur von seiner Körpergröße her – herausragender Star. Keelan Whitmore wird uns sicherlich bei den weiteren Aufführungen des Ensembles fehlen. (Jörg Bockow)

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