Spielzeit startet: Furioses Stück

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Spielzeit startet: Turbulenter hätte man kaum in die neue Spielzeit starten können: Im Wolfgang Borchert Theater in Münster hatte am Wochenende Dario Fos Farce „Bezahlt wird nicht“ Premiere. Das ebenso saukomische wie sozialkritische Stück ging derartig rasant über die Bühne, dass dem Publikum kaum Zeit zum Atemholen blieb. Die neue Spielzeit startet mit einem unterhaltsamen Abend erster Güte.

Diebesgut unter dem Mantel: Start in eine neue Spielzeit mit Dario Fos „Bezahlt wird nicht“ – Foto: Klaus Lefebvre

Zudem schadet der kurzfristig notwendige Rollenwechsel der Inszenierung von Tanja Weidner keineswegs. Monika Hess-Zanger hat sich bei den Proben zu dem Stück so verletzt, dass sie vorläufig nicht mehr spielen kann. Rosana Cleve übernimmt daraufhin kurzfristig ihren Part. Eine sehr textlastige Partie, die Rosana Cleve mit Bravour und großer Textsicherheit löst als wäre sie von Anfang an für diese Rolle vorgesehen gewesen.

Markus Hennes urkomisch als schwangere Margherita: Start in eine neue Spielzeit mit Dario Fos „Bezahlt wird nicht“ – Foto: Klaus Lefebvre

Sie und auch Markus Hennes, der in die Rolle der Margherita schlüpft, hatten nur drei Proben, um sich innerhalb von nur einer Woche Vorbereitungszeit auf dieses Theaterabenteuer einzulassen. Keine Frage: Die Spielzeit startet mit einer Meisterleistung.

Markus Hennes macht zudem aus seiner Rolle eine wundervoll überdrehte Travestiedarstellung, die dem Stück gleich eine Reihe zusätzlicher Gags beschert, sodass man sich beim Lachen beinahe verschluckt. Dabei bietet das Stück „Bezahlt wird nicht“ bereits eine unglaubliche Fülle an seltsamen Begegnungen, überdrehten Szenen und verrückten Rollenwechseln, voller Komik und Slapstick, die die Regisseurin Tanja Weidner obendrein noch mit zahlreichen Corona-spezifischen Pointen angereichert hat.

Florian Bender in der Rolle des rechtschaffenen Arbeiters: Start in eine neue Spielzeit mit Dario Fos „Bezahlt wird nicht“ – Foto: Klaus Lefebvre

Markus Hennes als scheinschwangere Magherita, der auf der Bühne die eingebildete Fruchtblase platzt und sich dabei die unter dem Mantel versteckte Salatsauce mitsamt der eingelegten Oliven ergießt, ist schrill, überaus komisch und passt vorzüglich zu der überdrehten Geschichte.

Die ursprüngliche Fassung von „Bezahlt wird nicht“ spielt im Mailand der 70er Jahre. Es ist eine Zeit ökonomischer Verwerfungen, die den Zusammenhalt in der italienischen Gesellschaft auf eine harte Probe stellt. Die Arbeiterfamilien haben kaum Geld, um zu überleben. Dabei werden die Preise der Lebensmittel, Miete, Gas und Strom permanent erhöht. Antonia und ihre Freundin Margherita wissen einfach nicht mehr, wie sie ihre Familien durchbringen und wie sie ihre Männer satt bekommen.

Als es im nächsten Supermarkt zu einem Aufstand zwischen den Frauen und dem Besitzer kommt, nutzen die Frauen die Gunst der Stunde, um den Laden im Nullkommanix leerzuräumen und zu plündern. Mundraub könnte man es auch nennen. Aber die Plünderung ist natürlich ein Diebstahl und die Frauen müssen fürchten, gefasst und anschließend bestraft zu werden.

Das Dilemma von Antonia und ihrer Freundin Margherita besteht darin, die geklauten Waren vor ihren Männern zu verstecken, denn im Gegensatz zu ihnen halten die sich streng an Gesetz, Ordnung und Ehre. Sie würden lieber verhungern als zu stehlen.

Jürgen Lorenzen gleich in mehreren Rollen zu sehen: Start in eine neue Spielzeit mit Dario Fos „Bezahlt wird nicht“ – Foto: Klaus Lefebvre

Kurz nach dem Vorfall im Lebensmittelladen beginnt die Polizei mit einer Razzia, bei der sie alle Wohnungen des Viertels nach dem Diebesgut durchsucht. Jürgen Lorenzen brilliert dabei in einer „Doppelrolle“ als Polizist, Carabinieri, Bestatter und alter Herr, einschließlich seines blitzschnellen Kostümwechsels. Das ist Volkstheater wie man es selten zu sehen bekommt.

Die beiden Frauen verbergen die geklaute Ware in den Einkaufstaschen unter ihren Mänteln und geben sich gegenüber der Polizei (und auch gegenüber ihren Männern) als schwanger aus, um die Waren aus dem Haus zu schaffen. Mit dieser Entscheidung beginnt eine ganze Reihe von turbulenten Verwicklungen, die Antonia und Margherita vollends zwischen den Mühlen des Gesetzes und ihren rechtschaffenen aber auch leicht debilen Männer zu zermahlen drohen. Das Verwirrspiel steckt voller absurder Ideen von erfundenen Schwangerschaften und einem angeblich verstorbenen Polizisten.

Den Männern werden Vogelfutter und gefrorene Kaninchenköpfe zum Essen angeboten: Start in eine neue Spielzeit mit Dario Fos „Bezahlt wird nicht“ – Foto: Klaus Lefebvre

Trotz der Komik und Übertreibungen bis zum Klamauk wird der sozialkritische Hintergrund nicht preisgegeben, der in den 70er Jahren in Italien tatsächlich zu einigen politischen Auseinandersetzungen geführt hat. Aktuell reflektieren die Zuschauer die Abhängigkeit von Leben und Arbeit, wiewohl der anarchistische Ansatz des Autors und Satirikers Dario Fo weniger als aufrührerisches Vorbild aber doch als Gedankenanstoß dient. Was kann man mehr von einem Theaterstück erwarten. „Bezahlt wird nicht“ ist geistreiche Unterhaltung mit gut platzierten Pointen, die zum Nachdenken und Diskutieren anregt.

Im Programmheft gibt Regisseurin Tanja Weidner noch einen Hinweis auf den unübersehbaren Zeitbezug und die Aktualität des Stückes. In einem Interview sagt sie: „Die Wahl ausgerechnet dieser Komödie für den aktuellen Spielplan fiel bereits vor dem Ausbruch der Pandemie – doch passt das Stück zur Krise wie kein zweites. – Man denke nur an die geplünderten Supermärkte in Palermo Ende März dieses Jahres. So verquicken sich aktuelle Geschehnisse diesmal ganz besonders mit der Inszenierung.“

Das Prekariat muckt auf: Start in eine neue Spielzeit mit Dario Fos „Bezahlt wird nicht“ – Foto: Klaus Lefebvre

„In ‚Bezahlt wird nicht‘ entwarf der italienische Literatur-Nobelpreisträger Dario Fo eine bissige politische Utopie, die in der Tradition des italienischen Volkstheaters steht“, heißt es in der Ankündigung des Theaters. „Dem Stück wurden zur Zeit der Veröffentlichung (1974) kommunistische und aufrührerische Tendenzen unterstellt. Wenige Monate später verübten Wagemutige, vom Stück inspiriert, tatsächlich ‚proletarische Einkäufe‘, die der Autor aber als unrechtmäßige Bereicherung verurteilte.“

Wolfgang Borchert Theater, Am Mittelhafen 10, 48155 Münster, Karten-Tel. 0251/40019, www.wolfgang-borchert-theater.de

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