Untertan

Das Bild des hässlichen Opportunisten

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Münster – Das Bild des hässlichen Opportunisten zeichnet ein Bühnenklassiker im Wolfgang Borchert Theater gar nicht klassisch und schon gar nicht altbacken: „Der Untertan“ nach dem Roman von Heinrich Mann. Chefdramaturgin Tanja Weidner zieht alle Register und beeindruckt durch eine artifizielle, abstrakte und höchst intellektuelle Inszenierung.

Opportunisten

“Der Untertan” in der Inszenierung von Tanja Weidner mit Markus Hennes und Johannes Langer – Foto: Klaus Lefebvre

Viel gewagt – alles gewonnen. Das Wolfgang Borchert Theater hat „Der Untertan“ nach dem weltberühmten Roman von Heinrich Mann auf die Bühne gebracht. Die Adaption fürs Theater stammt von Chefdramaturgin Tanja Weidner, die auch das komplexe Stück inszeniert hat. Die Premiere war am vergangenen Donnerstag.

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“Der Untertan” in der Inszenierung von Tanja Weidner mit Florian Bender, Rosana Cleve und Jürgen Lorenzen – Foto: Klaus Lefebvre

Alle auf der Bühne sind Diederich Heßling und jener „Untertan“, das könnten auch wir im Publikum sein. Tanja Weidner hält uns und unserer Zeit den Spiegel vor. Aus der Erzählung des Romans mit seiner ironisch, karikaturhaften Überzeichnung wird ein Lehrstück, das vielfältige Lesarten zulässt. Es scheint den Zuschauer davor warnen zu wollen, dass sich die Geschichte des angepassten, populistischen Opportunisten, der skrupellos nur sein eigenes Fortkommen im Blick hat und sich wie ein Fisch im Wasser den Strömungen anpasst in unserer Zeit wiederholen könnte.

“Der Untertan” in der Inszenierung von Tanja Weidner mit Florian Bender, Markus Hennes und Jürgen – Foto: Klaus Lefebvre

Tanja Weidner versetzt den gegenläufigen, satirischen Entwicklungsroman, der vor 100 Jahren erschienen ist und die Mentalität des Kaiserreiches zum Thema hat, in einen abstrakten Raum. Zwei große Treppen beherrschen den Spielraum. Auf ihnen und mit ihnen wird der Aufstieg des Unternehmers und Politikers Diedrich Heßling sinnfällig umgesetzt. Die Treppe als Symbol für Klassenunterschiede, die Treppe als Karriereleiter und Podest zugleich. Die Inszenierung lebt nicht zuletzt von dem herausragenden Bühnenbild und den Kostümen für die Annette Wolf verantwortlich zeichnet.

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“Der Untertan” in der Inszenierung von Tanja Weidner mit Markus Hennes, Johannes Langer, Jürgen Lorenzen, Ivana Langmajer, Florian Bender und Monika Hess-Zanger – Foto: Klaus Lefebvre

Die sieben Protagonisten (großartig gespielt von Florian Bender, Rosana Cleve, Markus Hennes, Monika Hess-Zanger, Johannes Langer, Ivana Langmajer und Jürgen Lorenzen) stecken in den gleichen schwarzen Anzügen und schieben einen prallen Schmerbauch vor sich her. Sie sind alle in der gleichen Weise schrill, weiß-schwarz und expressiv geschminkt. Ihre Gesichter sind zu beängstigende Fratzen überzeichnet.

“Der Untertan” in der Inszenierung von Tanja Weidner mit Markus Hennes und Ivana Langmajer – Foto: Klaus Lefebvre

In den rasend schnell wechselnden Szenen der Lebensgeschichte verkörpert jeder der sieben einmal den Opportunisten Heßling, wechselt seine Rolle und springt mit zusätzlich eingesetzten Masken auch in die Rolle anderer Persönlichkeiten wie die des Kontrahenten Wolfgang Buck oder die der Mutter, der Schwester und die der Geliebten Agnes Göppel. Als Zeitraffer nutzt Tanja Weidner einen Chor, indem alle sieben Darsteller die Geschehnisse zusammenfassen, kommentieren und die Erzählung vorantreiben.

„Diederich Heßling geht seinen Weg: Vom beschaulichen Netzing ins extravagante Berlin und nach dem Studium und dem Tod des Vaters wieder zurück nach Netzing. In Berlin lernt er in der Burschenschaft worauf es ankommt: buckeln, treten, Kaisertreue und das Militär – da würde er auch gerne hin, aber der Fuß tut so weh . . . Zurück in Netzing übernimmt er erst die Papierfabrik des Vaters und dann die ganze Stadt. Mit Verleumdung, Schmeichelei und Erpressung schafft er im liberalen Netzing eine Stimmung aus Neid, Missgunst und Hurrapatriotismus.“ (Zusammenfassung des WBT)

„Der Untertan“ erzählt die Lebensgeschichte eines besinnungslosen Opportunisten, der brutal und rücksichtslos nach unten tritt, um immer weiter nach oben zu kommen. Vor dem Kaiser wird gekuscht und gekatzbuckelt. Diedrich Heßling erscheint wie die Vorlage und Blaupause jenes „autoritären Charakters“ den Theodor W. Adorno in seinen Studien 1950 beschrieben hat, um damit das Aufkommen des Faschismus zu verstehen und einzuordnen. Und wer sich bei dem Stück an den populistischen Charakter eines Donald Trump  erinnert sieht, dürfte mit seiner Interpretation nicht falsch liegen.

“Der Untertan” im Wolfgang Borchert Theater ist ein herausragender Theaterabend, der noch lange nachhallt – Jörg Bockow

www.wolfgang-borchert-theater.de

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