„Das Schloss“ als großer Tanzabend

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Münster – Düster, beängstigend und beklemmend: „Das Schloss“ von Franz Kafka ist einer jener Klassiker der deutschen Literatur, der einem unter die Haut kriecht und an den Knochen nagt wie die klirrendes Kälte des Winters und der sich einem ins Hirn bohren kann wie eine fixe Idee, die einen nicht mehr loslässt. Kein noch so schriller Psychothriller entfaltet solch eine klaustrophobische Wirkung. Ein ahnungsvolles Dokument. Denn über die Psychose des Dichters hinaus, drückt sich in „Das Schloss“ ein allmächtiger Machtapperat aus, der in Zeiten von staalichen Bespitzelung und Abhörskandalen á la NSA längst Wirklichkeit geworden zu sein scheint.

Groartige Ensembleleistung in "Das Schloss" - Foto: Oliver Berg, Theater Münster

Großartige Ensembleleistung in „Das Schloss“ – Foto: Oliver Berg, Theater Münster

Henning Paar hat aus dem Romanfragment (posthum und gegen den letzten Willen des Dichters von Freund Max Brod herausgegeben) einen Tanztheaterabend gemacht, der die Grenzen der Sparte zu sprengen droht und zugleich einen Abend der Extraklasse bot. Ganz neu war dieses Experiment freilich nicht: Henning Paar hatte diesen Tanzabend bereits zu seiner Zeit in München auf die Bretter gebracht. Übrigens mit großem Erfolg und überaus positiver Resonanz.

Cornelius Mickel und Anna Caviezel in "das Schloss" - Foto: Oliver Berg, Theater Münster

Cornelius Mickel und Anna Caviezel in „das Schloss“ –
Foto: Oliver Berg, Theater Münster

Am 18. Januar war im Theater Münster Premiere von „Das Schloss“ – im beinahe vollbesetzten, ausverkauften  Großen Haus. Also keine kleine, esoterische Produktion, wie man es ansonsten früher oft vom Tanzensemble gewöhnt war, sondern ein Ballettabend, der alle Register zog und nicht mit  Schaueffekten sparte. Mit von der Partie: das Sinfonie Orchester und nicht zuletzt Bühnenbild und Bühnentechnik, die mitunter sogar in Konkurrenz zu den ausgezeichneten Tänzern des Münsteraner Ensembles standen.

Cornelius Mickel als Franz K in "Das Schloss" - Foto: Oliver Berg, Theater Münster

Cornelius Mickel als Franz K in „Das Schloss“ – Foto: Oliver Berg, Theater Münster

Aus dem Graben kam Live-Musik von  Dimitri Schostakowitsch, Alfred Schnittke, Henryk Góreki und Krysztof Penderecki. Und Klangkollagen mit Pauken und Posaunen, die ein Gänsehautfeeling verursachten.

Henning Paar und das Ensemble sind ein Wagnis eingegangen, und sie haben gesiegt. Das Publikum war zurecht begeistert und feierte diese Cross-Over-Produktion mit Standing Ovations.

Großartige Ensembleleistung in "Das Schloss" - Foto: Oliver Berg, Theater Münster

Beeindruckende Ensembleleistung in „Das Schloss“ – Foto: Oliver Berg, Theater Münster

In einer Winternacht gelangt der Landvermesser K. in ein Dorf, das von einem mysteriösen Schloss und dessen Beamten beherrscht wird. Erfolglos versucht K. während der kommenden sieben Tage ins Schloss vorzudringen, um dort eine Legitimation seiner beruflichen und privaten Existenz zu erhalten.

Die Dorfbewohner, von denen er sich Hilfe erhofft, bringen den Beamten eine unerklärliche Ehrfurcht entgegen und bleiben, ebenso wie die Regeln, die in diesem Dorf gelten, rätselhaft …

In surrealen Bildern zeigt Hans Henning Paars Choreografie die Aussichtslosigkeit von K.s Handeln, seine vergeblichen Versuche, sich dem Schloss und dessen Bürokratie zu nähern.

Wie in einem Alptraum bewegen sich die Protagonisten durch ein Labyrinth undurchsichtiger Verhältnisse, in dem selbst materielle Objekte sich eigenartig zu verselbstständigen scheinen.

Großartige Einzelleistungen der Tänzer waren zu sehen, wie bereits bei den vorherigen Produktionen einmal mehr mit großem körperlichem und beinahe artistischem Einsatz. Beeindruckend zudem das Ensemble und die Synchronleistung der Compagnie. Soetwas hat man lange nicht mehr in Münster gesehen. Unbedingt empfehlenswert!

Theater Münster / Neubrückenstr. 63 / 48143 Münster
Telefon 0251 – 5909-0
www.theater-muenster.com

 

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