Der Hochzeitsbitter kam statt einer Einladungskarte

Bevor es Einladungskarten gab, kam der Hochzeitsbitter, um ganz persönlich zu einer anstehenden Hochzeit einzuladen.

Der Hochzeitsbitter kam statt einer Einladungskarte

Die Aussteuer war das Schaustück, um das sich die Gäste nach dem Kaffee versammelten. Diesen Platz hat die Torte übernommen – Foto Pixabay

Wer im Münsterland zur Hochzeit eingeladen wurde, bekam keinen Brief. Er bekam Besuch. Vor der Tür stand ein Mann im Gehrock, einen Rosmarinstrauß am Zylinder, in der Hand einen Stab so groß wie er selbst, behängt mit bunten Bändern, vor allem roten. Mit einem kräftigen Stoß dieses Ladestabs kündigte er sich an. Dann sagte er seine Verse auf. Bewirtet wurde er selbstverständlich, manchmal gab es noch ein Handgeld dazu.

Woran man den Hochzeitsbitter erkannte

Der Mann war der Gästebitter. So heißt in Westfalen, was überregional als Hochzeitsbitter bekannt ist und im Süden als Hochzeitslader. Im Kreis Coesfeld war er allgemein verbreitet, bis er ab den 1920er Jahren an Bedeutung verlor.

Aufgeschrieben hat das der Landschaftsverband Westfalen-Lippe in der Sammlung „Westfälische Sitten und Bräuche im Lebenslauf“. Sie hält auch fest, was sonst rund um den Hochzeitstag passierte. Das meiste davon würde heute niemand mehr erwarten.

Der Brautwagen fuhr montags

Die Aussteuer der Braut wurde nicht geliefert, sie wurde gefahren. Möbel, Wäsche mit eingestickten Monogrammen, ein „Schapp“ – der Küchenschrank – und Truhen kamen auf einen geschmückten Kastenwagen und fuhren zum Hof des Bräutigams. Obenauf saß ein Reisigbesen mit einem Hahn. Kistenwagenfahren hieß das, plattdeutsch „Brutwagenföern“. Der Brautwagen fuhr meist am Montag, dem Tag vor der Hochzeit. Der Brauch hielt sich lange, bis etwa 1970.

Was da transportiert wurde, war nicht nur Hausrat. „Se hat ne graute Utstuer!“ – sie hat eine große Aussteuer – war ein Satz, der im Dorf hängenblieb.

Nach dem Kaffee wurde die Aussteuer begutachtet

Am Hochzeitstag selbst wurde die Aussteuer regelrecht besichtigt und begutachtet, direkt im Anschluss an das Kaffeetrinken. Das Schlafzimmer richteten die Nachbarn ein, angeführt von der „Soltmoer“. Die Brautleute durften dabei ausdrücklich nicht anwesend sein und mussten damit rechnen, dass ihnen jemand einen Schabernack ins Bett gebaut hatte.

Die Nachbarschaft war überhaupt der eigentliche Veranstalter. Sie half beim Aufbau, sie musizierte, sie kochte mit. Geschlachtet wurde zu jeder Hochzeit. Auf den Tisch kamen Suppe, Fleischbraten mit Gemüse und Kompott.

Was Plattdeutsch über den Hochzeitstermin verrät

Vor der Trauung stand die Verkündigung an drei aufeinanderfolgenden Sonntagen von der Kanzel. Im Volksmund: „Se wüören van de Kanzel smierten“ – sie wurden von der Kanzel gerufen. Drei Wochen vorher wusste es also das ganze Dorf. Den Termin bestimmte der Hof, nicht das Paar. Geheiratet wurde „tüsken Seihen und Meihen“, zwischen Säen und Mähen, oder nach der Ernte. Die Monate dazwischen waren auf den Feldern verplant.

Was von den westfälischen Hochzeitsbräuchen geblieben ist

Fast alle diese Bräuche sind verschwunden. Was sie für die Feier erledigt haben, erledigt heute etwas anderes.

 

BrauchWas er leisteteWas heute an seiner Stelle steht
GästebitterLud persönlich ein und sprach dabei Verse aufEinladungskarte – und der freie Redner, der durch den Tag führt
KistenwagenfahrenZeigte dem Dorf, was die Braut mitbrachteHochzeitsgeschenke, oft als Geldgeschenk
Aussteuer begutachtenDas Schaustück, um das sich alle versammeltenDie Hochzeitstorte und ihr Anschnitt
Schlafzimmer aufstellenDie Nachbarschaft machte die Ehe zu ihrer SacheJunggesellenabschied, Spalier vor der Kirche

 

Beim Gästebitter sieht man das am deutlichsten. Seine Arbeit bestand nicht darin, Zettel zu verteilen, sondern zu sprechen: für jedes Haus die passenden Verse zu finden. Diese Aufgabe gibt es weiterhin, sie heißt nur anders. Ein freier Trauredner spricht vorher mit dem Paar, sammelt dessen Geschichte ein und trägt sie durch die Zeremonie.

Die Aussteuer war das Schaustück, um das sich die Gäste nach dem Kaffee versammelten. Diesen Platz hat die Torte übernommen, bis ins Detail: Auf der obersten Etage sitzt ein Paar. Figuren für die Hochzeitstorte gibt es inzwischen auch personalisiert.

Drei Bräuche, die sich zurückholen lassen

Die meisten dieser Hochzeitstraditionen lassen sich nicht wiederbeleben – einen Kastenwagen voller Aussteuer wird niemand mehr durchs Dorf fahren. Drei Dinge funktionieren aber auch auf einer heutigen Feier:

  • Die Einladung persönlich überbringen. Nicht bei allen Gästen, aber bei den fünf Menschen, bei denen es zählt. Das war der Kern der Sache und kostet bis heute nichts außer Zeit.
  • Einen plattdeutschen Satz in die Traurede nehmen. „Tüsken Seihen und Meihen“ funktioniert als Anspielung auf den Termin. Vorher mit dem Redner absprechen, sonst sitzt die Betonung nicht.
  • Den Hahn auf dem Reisigbesen als Motiv verwenden. Auf der Menükarte, auf dem Schild am Hofeingang, auf der Torte. Kennt kaum jemand mehr, und genau deshalb fragt jeder nach.

Häufige Fragen

Was machte ein Hochzeitsbitter?

Er ging von Haus zu Haus und lud die Gäste persönlich ein. Vorgetragen wurde in Versform, meist eigens für das jeweilige Haus.

Warum heißt er in Westfalen Gästebitter?

Das ist die westfälische Bezeichnung für dieselbe Rolle. Überregional ist sie als Hochzeitsbitter bekannt, im süddeutschen Raum als Hochzeitslader.

Woran erkannte man ihn?

Am Gehrock, am Rosmarinstrauß auf dem Zylinder und am Ladestab: einem körpergroßen Stab mit bunten, vor allem roten Bändern.

Was war Kistenwagenfahren?

Die Fahrt der Aussteuer zum Hof des Bräutigams, auf einem geschmückten Kastenwagen. Der Brautwagen fuhr meist am Montag vor der Hochzeit.

Wann wurde in Westfalen geheiratet?

Bevorzugt „tüsken Seihen und Meihen“, also zwischen Säen und Mähen, oder nach der Ernte. Den Termin bestimmte der Hofkalender.

Gibt es diese Hochzeitsbräuche noch?

Der Gästebitter verlor ab den 1920er Jahren an Bedeutung. Das Kistenwagenfahren hielt sich deutlich länger, bis etwa 1970.

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