Erschrecken und Erstaunen. Die Ruhrfestspiele 2026: Das berühmte Festival in Recklinghausen findet vom 1. Mai bis 13. Juni statt. Rund 600 Künstler aus der ganzen Welt werden mit ihren Produktionen und Vorstellungen Teil der diesjährigen Ruhrfestspiele sein. Der Spielplan 2026 enthält 80 Produktionen mit 220 Veranstaltungen, davon u. a. drei Uraufführungen, sechs Deutschlandpremieren und eine Europapremiere. Insgesamt sechs Produktionen sind koproduziert.
„Erschrecken und Erstaunen“ ist das Motto der Ruhrfestspiele 2026. In diesem Jahr jährt sich der legendäre Kohletausch zum 80. Mal. Der diesjährige Spielplan steht im Zeichen dieses Ursprungsmoments, nicht als Jubiläum im klassischen Sinn, sondern als Moment des Erinnerns an die Kraft des Anfangs: an Solidarität, den Willen zum Neubeginn und die Überzeugung, dass Kultur Menschen verbinden kann, über geografische und kulturelle Grenzen, soziale Unterschiede und Generationen hinweg.
In einer Zeit, in der weltweit Fakten infrage gestellt, demokratische Institutionen untergraben und autokratische Denkweisen wieder salonfähig werden, setzen die Ruhrfestspiele 2026 mit dem Motoo Erschreckenn und Erstaunen auf Kunst, die empathisch ist, komplex sein darf und gesellschaftliche Verantwortung einfordert.
Olaf Kröck: „Angesichts sich überlagernder Krisen, Kriege, politischer Verwerfungen, gesellschaftlicher Spannungen, wirtschaftlicher Umbrüche und der spürbaren Folgen des Klimawandels scheint das Erschrecken oft das Erstaunen zu verdrängen. Zugleich gerät die Fähigkeit zur Empathie unter Druck. Doch eine Demokratie, die Mitgefühl und Solidarität misstraut, gräbt an ihrem Fundament. Solidarität ist keine bloße Geste, sondern die verbindende Kraft, aus der Respekt und Zusammenhalt entstehen. Seit vielen Jahren thematisieren die Ruhrfestspiele mit den Mitteln des Theaters die Widersprüche und Herausforderungen der Gegenwart. Auf unseren Bühnen zeigen wir, was Künstler weltweit bewegt und öffnen einen Raum für künstlerische Formen und Perspektiven.“
Olaf Kröck und sein Team stellen auch 2026 unter dem Motto Erschrecken und Erstaunen wieder einen politischen Spielplan vor, der alle Genres umfasst, von Schauspiel und Tanz, Literatur und Dialog, Theater für Junges Publikum, aber auch im Neuen Zirkus, in der Musik und im Kabarett. Während die Bühnentechnik im Großen Haus des Ruhrfestspielhauses saniert wird, begrüßen die Ruhrfestspiele ihr Publikum in dieser Spielzeit im neuen Großen Festspielzelt, das im Stadtgarten hinter dem Ruhrfestspielhaus Platz für knapp 500 Gäste bietet, aber auch in den bewährten Räumen im Kleinen Haus des Ruhrfestspielhauses, im Theater Marl, in der Halle König Ludwig 1/2 und im Bürgerhaus Süd.
Die Eröffnung von Erschrecken und Erstaunen findet im Großen Festspielzelt statt. Die im vergangenen Jahr mit dem Georg-Büchner-Preis ausgezeichnete Schriftstellerin Ursula Krechel, deren vielfältiges Werk von der gegenwärtigen Kraft der Literatur zeugt, wird in ihrer Eröffnungsrede das Motto „Erschrecken und Erstaunen“ literarisch umspielen.
Die Eröffnungsinszenierung ist die Tanzproduktion „HUANG YI & KUKA“. Der taiwanesische Tänzer und Choreograf Huang Yi tritt in dieser außergewöhnlichen Choreografie in einen poetischen Dialog mit einem Industrieroboter, eine ebenso genaue wie berührende Begegnung zwischen Körper und Technologie, die grundlegende Fragen nach Nähe, Verantwortung und Zukunft aufwirft. Die Schauspieleröffnung der Ruhrfestspiele 2026 ist die iranische Produktion „Das Kind (بچه)“ von Naghmeh Samini. Das Stück verhandelt Fragen von Flucht, Verantwortung und Menschlichkeit an den Grenzen Europas. Die vielfach ausgezeichnete Schauspielerin Fatemeh Motamed-Arya verkörpert alle drei zentralen Rollen und verleiht dem Abend eine besondere eindringliche Präsenz.

Die Produktion “Valentina”: Für „Valentina“ recherchierte die international renommierte Autorin, Regisseurin und Filmemacherin Caroline Guiela Nguyen in der rumänischen Community in Straßburg, in Kindergärten und Grundschulen – Foto Jean.Louis Fernandez
Uraufführungen und Deutschlandpremieren prägen den Schauspiel-Spielplan: In „Maus, Geld, Gespenst“, ausgezeichnet mit dem neuen „Volksbühnenpreis für Theaterliteratur“, thematisiert Sunan Gu die Erfahrungen asiatischer Einwander*innen. Entstanden ist ein Stück zwischen den Kulturen, über Rassismus und Diskriminierung, über das Menschsein und die Suche nach Antworten in einer zerklüfteten Welt.
Aufgrund des Umbaus im Ruhrfestspielhaus findet die Uraufführung, eine Koproduktion mit dem Schauspiel Essen, im Grillo-Theater in Essen statt, Regie führt Theater- und Filmregisseurin Ruth Mensah. werkgruppe2 hat für ihr neues Projekt „Catladies“ Frauen im Ruhrgebiet, die das Leben vermeintlicher Catladies führen, interviewt. Fragen nach der Lebensqualität der Frauen über 70 aber auch nach ihren Lebensleistungen, die häufig verborgen bleiben, sind der Ausgangspunkt der Inszenierung. Die Uraufführung entsteht als Koproduktion mit dem Theater Oberhausen. Für den neuen Abend kombiniert werkgruppe2 erstmals szenische Inszenierung und Livemusik mit den dokumentarischen Videoaufnahmen der Frauen.
Die Antarktis, staatenloses „Niemandsland“, gilt bis heute als utopischer Ort internationaler Zusammenarbeit und zugleich als zentraler Schauplatz der Klimaforschung. Ihre Abgeschiedenheit macht sie zum Experimentierraum, in dem sich ökologische, politische und zutiefst menschliche Fragestellungen bündeln. Zu Beginn des Jahres war das künstlerische Team – Regisseur Jan-Christoph Gockel, Dokumentarfilmer Lion Bischof sowie die Schauspieler*innen Julia Gräfner und Wolfram Koch – in Kooperation mit dem Alfred-Wegener-Institut zu Gast in der Neumayer-Station III. Vor Ort begleiteten sie den Forschungsalltag, sammelten Bilder, Stimmen und Erfahrungen und brachten dieses Material zurück nach Europa. Auf dieser Grundlage entsteht aktuell das neue Stück „Polaris“. Die Koproduktion mit dem Deutschen Theater in Berlin, ein surreales Mockumentary-Theaterstück zwischen Fiktion und filmischer Dokumentation, wird bei den Ruhrfestspielen uraufgeführt.
Für „Valentina“ recherchierte die international renommierte Autorin, Regisseurin und Filmemacherin Caroline Guiela Nguyen in der rumänischen Community in Straßburg, in Kindergärten und Grundschulen. Entstanden ist eine moralische und politische Erzählung über die unverhältnismäßige Verantwortung, die Kinder von Migranten tragen müssen, aber auch eine zeitgenössische Parabel über Wahrheit und ihre schmerzhaften Herausforderungen, über das Verhältnis zwischen Eltern und Kindern, ihre Liebe und die Perspektive von Kindern.

“Israel & Mohamed”, eine Deutschlandpremiere von und mit Israel Galván und Mohamed El Khatib – Foto Laurent Philippe
Neben den bereits genannten sind zahlreiche weitere bekannte Künstlern 2026 bei den Ruhrfestspielen zu Gast, darunter die Schauspielerinnen Katja Riemann („Ein Wenig Licht. Und diese Ruhe.“ von Sibylle Berg, Schauspiel Hannover), Fritzi Haberlandt und Meike Droste („AUF ALLEN VIEREN“ nach dem Roman von Miranda July), Kathrin Wehlisch und Constanze Becker („K.”, Berliner Ensemble), und die Regisseure Antú Romero Nunes („Hard Times“, Koproduktion mit dem Thalia Theater), Barrie Kosky („K.“) und Helgard Haug („All right. Good Night.“, Rimini Protokoll).
Im Tanz sind in diesem Jahr fünf Arbeiten im Programm von Erschrecken und Erstaunen. Neben der Eröffnung „HUANG YI & KUKA“ zeigen die Ruhrfestspiele kurz nach der Uraufführung in Mainz die neue Choreografie von Marco da Silva Ferreira: „Sugar Rush“ (tanzmainz Ensemble), zudem die neue Produktion „La Langue de Molière“ von La Fleur (Monika Gintersdorfer) und „Maldonne“ der französischen Choreografin Leïla Ka. Jérôme Bels „Gala“ knüpft an eine prägende Linie im Programm der Ruhrfestspiele an, die – wie bereits Jeremy Dellers’ „What Is the City but the People“ (2019) – Menschen aus Recklinghausen und der Region aktiv ins Zentrum stellt. „Gala“ hinterfragt die Konventionen der Revue. Ausgebildete und nicht ausgebildete Tänzer, Menschen mit und ohne Behinderung, Rentner und Kinder stehen gemeinsam auf der Bühne, eine Galerie lebender Porträts der beteiligten Menschen.
Im Genre Literatur laden die Ruhrfestspiele 2026 neben der Eröffnungsrede zu einem Programm mit Lesungen und Gesprächen. Gaea Schoeters „Trophäe“ ist als Schauspiel-Version der Bühnen Bern zu sehen. Mit Denis Scheck spricht die Autorin über ihren neuen Roman „Das Geschenk“, eine kluge, satirische Parabel über Verantwortung in der globalen Gegenwart. Nora Gomringer gewährt Einblicke in ihren ersten Roman „Am Meerschwein übt das Kind den Tod“ und reflektiert über Erinnerung, Abschied und Trauer. Bibiana Beglau liest Erzählungen von Carson McCullers, Joachim Król Erzählungen von Franz Kafka, und Katharina Thalbach führt durch „Kästners Berlin“. Bjarne Mädel, Angelika Richter und Bettina Stucky lesen drei Monologe aus Ingrid Lausunds „Bin nebenan. Monologe für zuhause“ und im Genre Dialog diskutieren Max Czollek und Hadija Haruna-Oelker im Rahmen ihrer Buchpräsentation „Alles auf Anfang“ mit Moderatorin Azadê Peşmen über Erinnerungskultur, gesellschaftliche Verantwortung und die Chancen eines solidarischen Miteinanders.
Auch im Neuen Zirkus sind erneut stilprägende Arbeiten eingeladen: Mit „Ten Thousand Hours“ von Gravity & Other Myths kehrt die australische Kompanie nach ihren gefeierten Ruhrfestspiele-Auftritten der vergangenen Jahre zurück und zeigt in sieben Vorstellungen für die ganze Familie eine eindringliche Arbeit über Ausdauer, Vertrauen und gemeinschaftliches Scheitern auf dem Weg zur Perfektion.
Die Deutschlandpremiere „Anitya – impermanence“ von der israelisch-französischen Zirkuskünstlerin Inbal Ben Haim („PLI“, 2023) verbindet Luftakrobatik und Bildende Kunst zu einer poetischen Performance über Unbeständigkeit und gemeinsames Tragen. Als Europapremiere ist die wortlose Clownsshow „GREEF“ von Christina Gelsone zu sehen, die den Tod ihres Lebens- und Spielpartners ins Zentrum stellt. Eine berührende, persönliche Arbeit über Verlust und die tröstende Kraft des Humors und ein Plädoyer für Empathie und das Zulassen von Trauer. Ergänzt wird das Programm durch weitere internationale Arbeiten, darunter „Concrete“ von Knot on Hands, „OPA FASHION“ von Grind Art Club, „Ballroom“ von Post Uit Hessdalen (performt in einem Truck) und „Elements of Freestyle“ des ISH Dance Collective, die die Vielfalt zeitgenössischer Zirkusformen zwischen Akrobatik, Musik, Tanz und urbaner Bewegungskunst auf die Bühne bringen.
In Zeiten, in denen politische Debatten oft laut, aggressiv und vereinfachend geführt werden, wollen die Jungen Ruhrfestspiele Raum für Differenzierung, Empathie und Imagination schaffen. Theater als ein Ort für Partizipation und kritische Reflexion. Ein Ort an dem Neues entstehen kann. Ein Ort, an dem der Funke überspringen kann. Das Programm reicht von frühen ästhetischen Erfahrungen bis zu partizipativen Formaten für junge Erwachsene: Das Krabbelkonzert (Künstlerische Leitung: Andrea Apostoli) richtet sich an die Allerkleinsten, während das Soundtheater „murmur“ von Grensgeval/Aifoon (4–7 Jahre) mit Geräuschen imaginative Welten eröffnet.
Eine Vielzahl weiterer Programmpunkte sind geplant. Im Genre Musik ist erneut das Vokalensemble VOCES8 zu Gast. Die Neue Philharmonie Westfalen spielt Werke von Wolfgang Amadeus Mozart und Anton Bruckner, das Mundorgel-Project lädt zum Mitsingen und die Sparkassenkonzerte präsentieren verschiedene Bands im Großen Festspielzelt. Eine Foyerzelt-Konzertreihe ist in Planung. Kabarett im Theater Marl (u. a. mit Katrin Bauerfeind) und im Großen Festspielzelt (u. a. mit Sebastian 23) ergänzen das Programm.
Weitere Informationen zum Programm, den beteiligten Künstler*innen und ihren Produktionen finden Sie im Programmbuch 2026 und auf der Website der Ruhrfestspiele.
Der Kartenvorverkauf für die Ruhrfestspiele 2026 beginnt am Samstag, 7. März, um 9:00 Uhr.

















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