Kognitive Beeinträchtigung ist kein Hindernis

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Gelsenkirchen – Kognitive Beeinträchtigung muss im Beruf kein Hindernis sein: Marvin Kubitza hat den meisten Menschen etwas voraus: Er beherrscht die Kunst, schon bei Arbeitsbeginn im Verwaltungsgericht Gelsenkirchen gut gelaunt und motiviert zu sein. Für den 22-Jährigen ist das selbstverständlich: „Ich habe hier ja auch einen super Job.“ Der wiederum ist alles andere als selbstverständlich. Denn der junge Mann hat eine kognitive Beeinträchtigung. Trotz dieses Handicaps eine Arbeitsstelle auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt zu bekommen, das ist nicht selbstverständlich. Dabei gibt es inzwischen viele Beispiele für Arbeitgeber, die inklusive Arbeitsbereiche anbieten. Geholfen hat dem jungen Mann das Angebot „Schule trifft Arbeitswelt“ (kurz: STAR) des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL) und der örtlichen Integrationsfachdienste (IFD).

Kognitive Beeinträchtigung ohne Bedeutung: Justizwachtmeister Daniel Bassenhoff (r.) schätzt seinen jungen Kollegen – Foto LWL

Vollwertiges Teammitglied
Kubitzas Aufgaben umfassen neben der regelmäßigen Kontrolle des Außenbereichs und des Parkplatzes vor allem die Verteilung der Post. Das klingt nicht allzu kompliziert, ist aber innerhalb des Gerichts eine wichtige Aufgabe. Schließlich müssen über 30 Richterinnen ihre Post erhalten. Viele Schriftstücke erfordern eine eilige Zustellung, eine Verspätung oder gar Falschzustellung kann gravierende Konsequenzen für Kläger oder Angeklagte haben.

Als Kubitza vor zwei Jahren seinen Arbeitsvertrag als Angestellter am Verwaltungsgericht in Gelsenkirchen unterschrieben hat, hatte er dort bereits im Vorfeld ein mehrwöchiges Praktikum absolviert – und sowohl Vorgesetzte als auch Kollegen überzeugt. „Marvin war von Anfang an vollwertiges Mitglied in unserem Team“, sagt sein Kollege Daniel Bassenhoff. „Er kommt mit allen hier super klar, geht offen auf andere zu und ist sehr hilfsbereit.“

Kognitive Beeinträchtigung kaum zu merken: Zu Kubitzas Tätigkeiten gehört das Verteilen der Post. Über 30 Richterinnen und Richter müssen jeden Tag pünktlich ihre Briefe bekommen – Foto LWL

Wenn Zeit dafür ist, begleitet der Justizvollzugsbeamte seinen jungen Arbeitskollegen gerne bei seinen Rundgängen. Nicht, weil Kubitza Unterstützung bräuchte, „sondern weil er immer gute Laune hat und wir gegenseitig viel voneinander lernen können.“ Ein Umstand, das gibt er zu, den er so nicht erwartet hätte: „Ich hatte vorher nie Kontakt mit behinderten Menschen, darum hat es mich anfangs erstaunt, zu merken, dass ich durch Marvin geduldiger werde und viele Dinge gelassener sehe.“ Wenn Bassenhoff sagt, er habe einen Freund gewonnen, ist das nicht nur so daher gesagt: Mittlerweile haben die beiden auch persönlich Kontakt. „Da geht’s um alles Mögliche, aber nicht um die Arbeit.“

Trotz einer kognitiven Beeinträchtigung ist Marvin Kubitza (r.) ist immer ein Teil des Teams – Foto LWL

Win-Win-Situation für alle Beteiligten
„Für uns ist die Einstellung von Herrn Kubitza eine Win-Win-Situation“, sagt Wolfgang Tewes, Vorsitzender Richter am Gelsenkirchener Verwaltungsgericht. „Er hat trotz seiner Behinderung eine Arbeit, die ihm Spaß macht und wir haben einen hochmotivierten Mitarbeiter für Aufgaben, die bis jetzt auf verschiedene Kollegen aufgeteilt werden mussten.“ Tewes kann sich gut vorstellen, künftig auch andere junge Menschen mit Behinderung zu beschäftigen. „Als öffentlicher Arbeitgeber sehe ich uns in der Pflicht, auch Menschen eine Chance zu geben, die auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt nur geringe Chancen haben.“

Dass der öffentliche Dienst bei der Beschäftigung von Menschen mit Behinderung eine Vorreiterrolle einnehmen sollte, sieht auch Kristina Steffen vom LWL-Inklusionsamt Arbeit so: „Viele junge Menschen mit Behinderung möchten auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt zeigen, was in ihnen steckt – öffentliche Arbeitgeber bieten hierfür einen guten Rahmen, weil sie nicht in erster Linie von wirtschaftlichen Interessen gelenkt werden. Gleichzeitig leben sie so auch Unternehmen aus der Privatwirtschaft vor, dass eine Beschäftigung von Menschen mit Behinderung ein echter Gewinn sein kann.“

Marvin Kubitza braucht wenige Worte: „Ich fühle mich hier angekommen und akzeptiert. Und ich habe einen unbefristeten Arbeitsvertrag. Da würde doch jeder, auch ohne meine Behinderung, sagen: Hier bleibe ich.“

www.lwl-inklusionsamt-arbeit.de

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