Kiepenkerl-Blog: Brexit Chaos

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Mit der Wahl von Boris Johnson zum Premierminister geht das Brexit-Chaos in die vermutlich letzte Runde. Der Premier will die EU im Zweifel auch ohne Vertrag verlassen – das „Schwarze Loch“ des No-Deals vor Augen. Die Schwerkraft des „Schwarzen Lochs“ wird die unhaltbaren Versprechungen oder unrealistischen Lösungsvorschläge von Boris Johnson verschlucken.

Im britischen Unterhaus, das mehrheitlich für einen geregelten Austritt stimmte, besteht eine so starke Antigravitation zwischen Tory- und Labour-Abgeordneten, dass keine Kompromiss-Signale die jeweilige Umgebung verlassen konnten. Im Bereich von Grenzwissenschaften und Science-Fiction gibt es zahlreiche Konzepte für eine gravitative Abschirmung. Relativ bekannt wurden die Experimente von Quirino Majorana, der um 1920 eine abschirmende Wirkung durch schwere Elemente entdeckt haben will. Bei dem Hardliner Boris Johnson handelt es sich um ein solches Element.

Gerade passend zur denkwürdigen Entwicklung im gespaltenen „Vereinigten Königreich“ gelang es Forschern, über ein weltweites Netzwerk von Teleskopen erstmals ein „Schwarzes Loch“ im Weltall zu fotografieren. Im Gegensatz zum Weltall geht das „Schwarze Loch“ des Inselreichs auf ein Netzwerk der Unfähigkeit zum politischen Kompromiss zurück. Dieser Mangel der Urdemokratie ist vermutlich im britischen Wahlrecht begründet. In den 650 Wahlbezirken wird nämlich nach dem Mehrheitswahlrecht entschieden. Der Gewinner eines Wahlbezirks erhält den Parlamentssitz, die restlichen Stimmen gehen verloren. Die so gewählten Siegertypen haben es nicht gelernt, ideologische Grenzen zu überwinden. Sichtbar wird das im Parlament an der „roten Linie“, die zwischen den gegenüberliegenden Sitzreihen von Tory- und Labour-Abgeordneten verläuft.

Die rote Linie stammt aus dem Mittelalter und diente dazu, Handgreiflichkeiten oder blutige Raufereien zu verhindern. Heute hat sie nur noch symbolischen Charakter, denn im politischen Machtkampf standen sich der vor Selbstverliebtheit berstende Boris Johnson und der eher farblose Labour-Chef Jeremy Corbyn in ihren ideologischen Wagenburgen gegenüber. Und mittendrin lamentierte die beratungsresistente Theresa May, die ihren mit der EU ausgehandelten Austrittsvertrag dreimal unverändert zur Abstimmung stellt und dreimal krachend scheiterte.

Trotzdem brachte May die Gleichberechtigung von Mann und Frau voran, denn sie hat bewiesen, dass auch völlig unfähige Frauen in Führungspositionen gelangen können. Unter ihrer Regie hat die Regierung für jeden erkennbar bewiesen, dass sie unfähig ist, zu regieren.Schließlich ist es nicht nachvollziehbar, alles abzulehnen, aber nicht zu sagen, wie man eine Lösung erreichen will. Deshalb ist der Brexit weniger ein Streit mit Brüssel, sondern ein Streit zwischen Regierung und Opposition.

Die Briten begleiten das absurde Theater mit „schwarzem Humor“.Vielleicht liegt es an dem überwiegend trüben und nasskalten Wetter auf den britischen Inseln, dass die Insulaner neben einer gewissen Schwermut auch den bissigen schwarzen Humor hervorbrachten. Im Grunde ist schwarzer Humor eine Art Situationskomik, der auch beim Wähler ein Kopfkino ablaufen lässt. Es zeigt die Folgen bestimmter Ereignisse auf, die vermutlich nicht wirklich passieren, die sich aber wunderbar vorstellen und instrumentalisieren lassen.

Mit dem Brexit haben die Briten einen Humor bewiesen, dem allerdings die Pointe fehlt, denn das Volk wurde von einigen Irren über Horrorszenarien systematisch belogen. Am Brexit-Chaos lässt sich ablesen, was geschieht, wenn Populisten das Sagen haben. Das Versprochene wird nicht ansatzweise geliefert und die gravierenden Probleme werden nicht angesprochen. So hat die Grenzfrage in Nordirland beim Stimmenfang keine Rolle gespielt.

Im weltoffenen London stimmte weniger als ein Drittel der Bevölkerung für den Brexit. Den Ausschlag aber gaben die sturen und stolzen alten Leute vom Lande, die vom Glanz des Vereinigten Königreichs und alter Glorie träumen. Vielleicht war es aber auch der Glaube an die britische Demokratie, der Urmutter aller Demokratien, die es dem zusammengewürfelten Haufen in Brüssel schon zeigen werde. Bei dieser Art des „schwarzen Humors“ spielt die Schadenfreude eine wichtige Rolle. Wer kennt aus seinem Umfeld nicht die eine oder andere Person, der alles, jedoch nichts Gutes gewünscht wird.

Es ist auch nicht ausgeschlossen, dass das Unterhaus vor dem Austrittstermin am 31. Oktober abgewählt wird und Neuwahlen stattfinden. Bei einer erneuten Abstimmung über den Brexit Ende 2019 wären zwischenzeitlich viele alte Brexit-Befürworter gestorben und der Rest würde informierter abstimmen.

Der erste Brexit liegt über 220 000 Jahre zurück. Damals wurde Großbritannien durch eine Flutkatastrophe vom europäischen Festland getrennt. Im zweiten Brexit versuchen die Insulaner, sich von den Kontinentaleuropäern zu trennen. In diesem Durcheinander ist nicht klar, ob sich die Schotten, Waliser und Nordiren in einem dritten Brexit von Großbritannien trennen werden. Einen Vorgeschmack von der Ablehnung in diesen Regionen bekam Boris Johnsonbei seinen spontanen Besuchen in den letzten Wochen.

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