Schauspielhaus Bochum feiert Jubiläum

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Bochum – Mit einem außergewöhnlichen Festakt hat das Schauspielhaus Bochum am Samstag, 13. April, seinen 100. Geburtstag gefeiert. Angefangen hat alles mit einem Varieté-Theater: Das von Clemens Erlemann, dem Entwickler des Bochumer Stadtviertels Ehrenfeld, nach den Plänen des Architekten Paul Engler 1907–1908 erbaute Varietétheater “Orpheum” war bei seiner Eröffnung im Oktober 1908 die größte Bühne des Ruhrgebiets. Es erhielt schon bald den neuen Namen „Apollo-Theater“, litt aber wegen mangelnder Auslastung anhaltend unter wirtschaftlichen Schwierigkeiten. Es zeigte sich, dass das von Erlemann aus nicht bekannten Gründen favorisierte Konzept eines Varietétheaters mit unterhaltsam-volkstümlichen Stücken am Publikumsgeschmack vorbeilief, wobei die mangelnde Resonanz in der Bevölkerung auch auf die miserable Akustik des Gebäudes und die schlechte Sicht auf die Bühne zurückzuführen war. Da schon nach kurzer Zeit eine zunehmende Anzahl der 2.000 Plätze freiblieb, musste Erlemann das Theater 1909 schließen und begann im Juni 1912 auf eigene Kosten mit den Arbeiten zum Umbau in eine Theaterbühne. Erlemanns finanzielle Basis erwies sich jedoch als unzureichend, sodass er wenig später Konkurs anmelden musste.

 

Festveranstaltung zum 100-jährigen Bestehen des Schauspielhauses Bochum – Foto: Daniel Sadrowski

Das Theater wurde von der Stadt Bochum übernommen, 1914/1915 durch den als Theater-Spezialisten geltenden Kölner Architekten Carl Moritz vollständig umgebaut und 1915 als Stadttheater wiedereröffnet. Durch den Umbau wurden die Fassaden mit ihren Jugendstilelementen verändert und im Stil des Neoklassizismus umgestaltet.

Während des Ersten Weltkriegs gastierte die städtische Bühne aus Düsseldorf in dem Bochumer Theater. Ein eigenes Schauspielensemble unter Intendant Saladin Schmitt bekam Bochum im Jahr 1919, in dem gleichzeitig die Bochumer Symphoniker gegründet wurden. Ferner war der Intendant auch nominell der Leiter der Bochumer Schauspielschule, übertrug diese Aufgabe aber dem Ensemblemitglied Willi Busch.

Nach Gründung der Duisburger Oper im Jahr 1921 schloss die Stadt Bochum mit der Stadt Duisburg einen Vertrag, wonach die Schauspielaufführungen vom Schauspielhaus Bochum nach Duisburg und gleichzeitig musikalische Aufführungen der Duisburger Oper nach Bochum übernommen wurden. Der gemeinsame Generalintendant beider Häuser war Saladin Schmitt. Unter ihm machte sich das Theater schon bald als Shakespeare-Bühne einen Namen, die sich auch konsequent mit den deutschen Klassikern auseinandersetzte. Schmitt prägte mit der weitgehend werkgetreuen Inszenierung deutscher Klassiker den „Bochumer Stil“. Zu den Stars des Bochumer Ensembles dieser Zeit gehörten Gisela Uhlen und Horst Caspar. Zum Ende der Spielzeit 1934/1935 wurde die Theatergemeinschaft mit Duisburg beendet. Bei einem Luftangriff der Royal Air Force auf Bochum am 4. November 1944 wurde das Theatergebäude dann bis auf die Grundmauern zerstört.

 

Schauspielhaus Bochum

Podiumsdiskussion: Festveranstaltung zum 100-jährigen Bestehen des Schauspielhauses Bochum – Foto Daniel Sadrowski

In den acht Jahren von 1945 bis zum Wiederaufbau wurde im Stadtpark-Restaurant, dem so genannten „Parkhaus“, im Stadtpark Bochum gespielt. Zwischen Sommer 1951 und Herbst 1953 entstand auf den alten Fundamenten das heutige Bochumer Schauspielhaus nach den Entwürfen des Architekten Gerhard Graubner. Das unter Denkmalschutz stehende heutige Theatergebäude wurde als „vorbildliches Bauwerk seiner Zeit” ausgezeichnet. Den Zuschauerraum des Schauspielhauses konzipierte Graubner nach dem Vorbild des antiken griechischen Theaters mit stark ansteigenden halbrunden Zuschauerreihen, einem ebenfalls halbrunden Rang und einigen wenigen Logen. Ferner rückte das Spiel näher an den Zuschauer heran, da der Eiserne Vorhang erstmals in einem deutschen Theater halbrund und vor der Vorderbühne angelegt wurde. Bühnenbilder können so bis zur Bühnenrampe gestaltet werden.

Nierenförmig angelegte Rauchersalons, Bar- und Garderobenbereiche, aber auch Balkone sind ebenso stilprägend wie die berühmten Bochumer „Tulpenlampen“ (Wand- und Deckenleuchten in floraler Form), Kronleuchter, Nierentische und geschwungene Sofas als typisches Interieur der 1950er-Jahre. Nach Graubners Plänen entstanden rund ein Jahrzehnt später in direkter Nachbarschaft des Schauspielhauses auf dem Gelände des im Krieg zerstörten Adelssitzes Haus Rechen aus dem 15. Jahrhundert auch die Kammerspiele Bochum, die im Oktober 1966 eröffnet wurden, mit einer Zuschauerkapazität von 410 Plätzen gebaut und 1966 eingeweiht.

Intendant Hans Schalla vermehrte ab 1949 den Ruhm der Shakespeare-Bühne durch zahlreiche Shakespeare-Inszenierungen. Gleichzeitig etablierte er in den 1950er- und 1960er-Jahren Stücke moderner Autoren durch stilistisch ausgefeilte Inszenierungen. Hans Schalla und sein über mehr als zwei Jahrzehnte am Schauspielhaus wirkender Bühnen- und Kostümbildner, Ausstattungsleiter, Regisseur und stellvertretender Intendant Max Fritzsche entwickelten gemeinsam den „Bochumer Stil“. Dieser machte das Schauspielhaus über Deutschlands Grenzen hinweg berühmt. Charakteristisch für den „Bochumer Stil“ ist eine verknappte, nachexpressionistische Spielweise in Räumen von analytischer Klarheit, welche die geistige Dimension sinnlich fassbar machten.

Schauspielhaus Bochum

Das Schauspielhaus in Bochum heute – Foto Schauspielhaus Bochum/Hans Jürgen Landes Fotografie

Zahlreiche Einladungen zu Gastspielen ins In- und Ausland, nach Paris, Venedig oder Berlin, zeugen vom Ruf dieses Theaters. Die Aufführung von Sartres Der Teufel und der liebe Gott beim III. Festival de Paris 1956 wurde zu einem triumphalen internationalen Erfolg. Stars wie Bernhard Minetti, Hannes Messemer, Rolf Boysen, Eva-Katharina Schulz, Rosel Schaefer, Rolf Henniger, Claus Clausen, Manfred Heidmann, Rolf Schult und viele andere waren am Schauspielhaus engagiert.

Auf Hans Schalla folgte Peter Zadek, der seine erste Spielzeit als Intendant mit der großen Revue “Kleiner Mann – was nun?” von Hans Fallada eröffnete. Bei Zadek inszenierte Rainer Werner Fassbinder “Liliom” von Ferenc Molnár, Rosa von Praunheim “Menschen im Hotel” von Vicki Baum, und Werner Schroeter brachte “Salomé” von Oscar Wilde fast opernartig auf die Theaterbühne. Schauspieler waren unter anderem Hannelore Hoger, Rosel Zech, Ulrich Wildgruber, Hermann Lause, Fritz Schediwy und Herbert Grönemeyer. 1972 eröffnete Peter Zadek unter dem Zuschauerraum des großen Hauses eine dritte, kleinere Spielstätte für Studioproduktionen, das „Theater Unten“.

Eine weitere Blütezeit erreichte das Schauspielhaus unter der Intendanz von Claus Peymann Anfang der 1980er-Jahre. Sein Bochumer Ensemble mit Stars wie Gert Voss, Kirsten Dene oder Traugott Buhre galt als innovativstes Theater der Bundesrepublik. Auch Peymann setzte einen Schwerpunkt auf die Uraufführung zeitgenössischer Autoren wie Thomas Bernhard, Heiner Müller oder Peter Turrini. Nach Peymanns Abschied zum Burgtheater Wien übernahm Frank-Patrick Steckel die Intendanz an der Königsallee. Er brachte nicht nur Regisseure wie Andrea Breth und Jürgen Gosch zum ersten Mal nach Bochum, er holte auch Reinhild Hoffmann in das Direktorium des Hauses und ihr Tanztheater nach Bochum – ein Novum auf der Bühne des Schauspielhauses.

Festveranstaltung zum 100-jährigen Bestehen des Schauspielhauses Bochum – Foto Daniel Sadrowski

Im Jahr 1995 kam Leander Haußmann als damals jüngster Intendant Deutschlands an die Bühne. Er strebte zusammen mit seinen Regiekollegen Jürgen Kruse und Dimiter Gotscheff, in bewusstem Kontrast zu seinem Vorgänger, ein lautes, „spaßiges“ Theater an – und machte sich damit in Bochum nicht nur Freunde, schaffte es aber, ein jüngeres Publikum als sein Vorgänger zu begeistern. Das „strahlende Herz“, Logo der Intendanz Haußmann, wurde bundesweit bekannt. Ihm folgte mit dem damals 37-jährigen Matthias Hartmann ein weiterer „Jungintendant“, der ebenfalls in Bochum seine erste Intendanz übernahm. Hartmann gelangen in seiner Amtszeit ebenso öffentlichkeitswirksame Coups wie die Verpflichtung von Harald Schmidt wie auch weithin gefeierte Inszenierungen. Von Fachzeitschriften wurde das Schauspielhaus Bochum deshalb mehrfach als eine der besten deutschsprachigen Bühnen seiner Zeit ausgezeichnet. Wie sein Vorgänger verließ Hartmann nach nur einer Vertragszeit 2005 das Haus.

Mit Beginn der Spielzeit 2005/2006 übernahm der ehemalige Oberspielleiter des Münchner Residenztheaters, Elmar Goerden, die Bochumer Intendanz, der das Haus bis in das Kulturhauptstadt-Jahr 2010 führte. Neuer Intendant mit Beginn der Spielzeit 2010/2011 war Anselm Weber, ehemaliger Intendant des Schauspiels Essen (bis 2017). Er hat sowohl deutsche als auch internationale Künstler nach Bochum eingeladen, einen Spielplan aus Klassikern der Theaterliteratur, modernen Stücken und Uraufführungen zeitgenössischer Autoren zu gestalten. 2017/2018 leitete Olaf Kröck für ein Jahr als Intendant das Schauspielhaus, bevor ab 2018 Johan Simons, früherer Intendant der Ruhrtriennale, die Intendanz des Theaters übernahm.

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Ministerpräsident Armin Laschet: Festveranstaltung zum 100-jährigen Bestehen des Schauspielhauses Bochum – Foto Daniel Sadrowski

Den Auftakt der Feierlichkeiten zum 100. Geburtstag des Schauspielhauses in Bochum machte eine prominent besetzte Podiumsdiskussion mit den ehemaligen Schauspielhaus-Intendanten Leander Haußmann, Matthias Hartmann, Elmar Goerden, Anselm Weber und Olaf Kröck sowie dem langjährigen Bochumer Chefdramaturgen Hermann Beil, Tanztheater-Pionierin Reinhild Hoffmann und Schauspielhaus-Intendant Johan Simons.

Vor 800 Besuchern und geladenen Gästen im ausverkauften Großen Saal ging es nicht nur um die Geschichte des Bochumer Theaters, sondern auch um Fragen zur politischen Verantwortung und aktuellen Entwicklungen der Darstellenden Kunst. Dabei entwickelte sich unter der Moderation von TV-Journalistin Sonia Seymour Mikich und Bochums Chefdramaturg Vasco Boenisch eine spannende und teils auch kontroverse Diskussion.

Es folgte eine spezielle Geburtstagsausgabe der Jubiläumsinszenierung „O, Augenblick”. Bei dem Liederabend über 100 Jahre Theater in Bochum standen einige der ehemaligen Intendanten selbst auf der Bühne und überraschten das Publikum mit Gast-Auftritten. Feierlicher Höhepunkt der Geburtstagsinszenierung von Regisseur Tobias Staab war der Auftritt eines „Chores der Vergessenen”, bei dem Mitarbeiter des Bochumer Schauspielhauses, die normalerweise nicht im Rampenlicht stehen, das Bochumer Jungenlied sangen.

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Intendant Johan Simons: Festveranstaltung zum 100-jährigen Bestehen des Schauspielhauses Bochum – Foto Daniel Sadrowski

Beim anschließenden Festakt gehörten unter anderem Ministerpräsident Armin Laschet sowie Bochums Oberbürgermeister Thomas Eiskirch zu den Gratulanten. In seiner Ansprache unterstrich Laschet den überregionalen Stellenwert des Bochumer Theaters: „Als das Schauspielhaus Bochum vor 100 Jahren gegründet wurde, war der Hunger nach Kultur in der Region besonders groß. In Bochum entstand schnell eine Bühne mit Strahlkraft für das gesamte deutschsprachige Theater. Hier wurde Theatergeschichte geschrieben.” Der Ministerpräsident weiter: „Theater bleibt auch in Zeiten von Streaming und Smartphone ein spannendes Angebot. Theater verlangt unsere volle Aufmerksamkeit und es belohnt uns mit dem Besten: Mit einem tiefen Einblick in die Vielfalt der Menschen, der Charaktere, des Lebens. Das Schauspielhaus Bochum ist einer der herausragenden und bedeutenden Orte des Diskurses und der Theaterkunst im gesamten deutschsprachigen Raum”.

Oberbürgermeister Thomas Eiskirch sagte, Bochum sei stolz und dankbar für sein Theater: „Und Bochum freut sich auf die kommenden 100 Jahre Schauspielhaus mit seinen Ecken und Kanten, seiner nicht immer leichten Kost und dem Versprechen, dass von hier noch zahlreiche Impulse und ganz viel Theater ausgeht.”

Intendant Johan Simons betonte, das Bochumer Schauspielhaus stehe für eine offene Gesellschaft: „In der Mitte unserer Gesellschaft gibt es heute weniger Weiße. Es gibt unterschiedliche Kulturen, unterschiedliche Sprachen, unterschiedliche Biografien. Eine neue Identität. In der Mitte gibt es heute weniger Eindeutigkeit. Es gibt unterschiedliche Ideen, unterschiedliche Formen, unterschiedliche Ausdrucksweisen. Eine neue Vielfalt. Und sie alle treffen jetzt aufeinander.” Das sei der Reichtum einer Mitte am Rand. „Ein neuer, ein anderer Reichtum. Und das Schauspielhaus Bochum ist der Ort für diesen neuen Reichtum. Jetzt und in Zukunft.”

www.schauspielhausbochum.de

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