Beim Abendessen fallen alle Masken

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Recklinghausen – Eine Lösung ist nicht in Sicht, das Ende bleibt seltsam offen. Position zu beziehen, überlässt der amerikanische Erfolgs-Autor geschickt dem Publikum. Dafür hat Ayad Akhtars in seinem Stück “Geächtet” eine höchst explosive Mischung angerichtet, die ausgerechnet bei einem Abendessen unter Freunden in die Luft geht. Zur Feier des Tages gibt es Schweinelende, Fenchelsalat und viel Alkohol, also eigentlich weder etwas für Muslime noch für Juden. Aber egal. Alle fühlen sich längst als aufgeklärte Amerikaner.  Doch plötzlich fliegen Worte wie Fäuste, da gehen Gläser mit vielen Scherben zu Bruch wie die vermeintliche Freundschaft zwischen Amir, Emily, Isaac und Jory. Unversehens stehen sich Kulturen und Religionen unversöhnlich gegenüber als hätte es nie Bemühungen um eine Verständigung oder Integration gegeben. Multikulti ade. Immer wieder drängt sich einem ein Vergleich mit “Gott des Gemetzels” von Yasmina Reza auf.

Katharina Lorenz (Emily), Fabian Krüger (Amir), Nicholas Ofczarek (Isaac), Isabelle Redfern (Jory) – Foto: Georg Soulek

Das Wiener Burgtheater gastiert mit “Geächtet” in der vielbeachteten Inszenierung von Tina Lanik bei den diesjährigen Ruhrfestspielen in Recklinghausen. Das ist Theater wie man es sich nur wünschen kann. Mitreißend, pointiert, streckenweise durchaus unterhaltsam und unter die Haut gehend. Schnörkellos verläßt sich Tina Lanik dabei auf ihr wirklich herausragendes Ensemble. Fabian Krüger brilliert als Amir, Katharina Lorenz als Emily, Isabelle Redfern als Jory, Christoph Radakovits als Abe und vor allem Nicholas Ofczarek als Isaac. Letzterer gibt den arroganten jüdischen Intellektuellen. Das Bühnenbild von Stefan Hageneier ist schlicht, monochrom Weiß aber durchaus funktional. Es bietet den Figuren allen Raum, um sich zu entfalten und der Katastrophe entgegen zu steuern. Sie agieren im cleanen, aseptischen und gleißenden Licht einer Versuchsanordnung. Die Zuschauer werden zu Zeugen eines sozialen Experimentes.

Katharina Lorenz (Emily), Fabian Krüger (Amir), Nicholas Ofczarek (Isaac), Isabelle Redfern (Jory) – Foto: Georg Soulek

Kulturelle Unterschiede, die bis dahin hinter einer schicken Fassade verborgen waren, brechen sich in “Geächtet” explosionsartig Bahn. Mühsam erarbeitete, bis zur Selbstaufgabe betriebene Anpassung wie bei Amir verliert ihre Fassung. Die Lüge, mit der er seine Karriere als Anwalt in einer erfolgreichen Kanzlei jüdischer Partner aufgebaut hat, wird jäh entlarvt und fliegt ihm um die Ohren. Er hat halbherzig auf Bitten seiner Frau Emily einen Imam verteidigt, der des Terrorismus verdächtigt worden ist. Statt endlich Partner in der Kanzlei zu werden, wird er von Jory übervorteilt. Seine Chefs haben ihn wegen seines Auftritts vor Gericht längst fallen gelassen. Der jüdische Intellektuelle Isaac, vermeintlicher Förderer der Künstlerin Emily, entpuppt sich als sexistisches Monster, als überheblicher Scheißkerl und glühender Rassist. Einmal Moslem – immer Moslem hält er Amir vor. Aber auch Amir “erinnert” sich an die Herrschaft des Mannes gegenüber der Frau im Islam. Als er nicht mehr weiter weiß, stößt er Emily brutal gegen ein Bücherbord und vergreift sich anschließend an ihr.

Am Ende werden mit bewußtem Kalkül von allen Figuren alle Klischees bedient, die aus der Mottenkiste der Vorurteile zu stammen scheinen. Der Cousin Abe verwandelt sich in einen Islamisten und kündigt an, Rache zu nehmen: “Seit dreihundert Jahren nehmen sie uns das Land weg, ziehen neue Grenzen, setzen unser Recht außer Kraft, sorgen dafür, dass wir sein sollen wie sie. Aussehen wie sie. Ihre Frauen heiraten. Sie haben uns geächtet. Und dann tun sie so, als könnten sie unseren Zorn nicht verstehen?” Da bleibt einem als Zuschauer die Spucke weg.

In Zeiten, da politisch allerorten das Thema Flüchtlinge und ihre (vermeintlich gescheiterte) Integration auf der Tagesordnung steht und von Populisten benutzt wird, reaktionäres und rassistisches Gedankengut zu befeuern, kann “Geächtet” auch gründlich mißverstanden werden, so als wenn Ayad Akhtars Parteigänger der Rechten wäre. Dass der Autor weit davon entfernt ist, lässt sich allerdings nur durch eine gründliche Betrachtung und Auseinandersetzung klären. In Amirs Versuch sich vollständig in der amerikanischen Gesellschaft zu assimilieren korrespondiert mit der eigenen Lebensgeschichte von Ayad Akhtar. Auch er ist ein Aufsteiger mit Migrationshintergrund. Auch er hat seine familiären Wurzeln in Pakistan. In der Versuchsanordnung von “Geächtet” versucht der Autor seinen eigenen Standort zu finden.

Für “Geächtet” hat der US-amerikanische Autor 2013 den Pulitzer-Preis bekommen. In Deutschland wird das Stück gleich an mehreren Bühnen gegeben und ist von “Theater heute” zum besten ausländischen Stück gekürt worden. Die österreichische Erstaufführung steht seit Dezember des vergangenen Jahres im Burgtheater auf dem Programm. Unbedingt sehenswert! (Jörg Bockow)


 

 


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