Dahlheim: Ein Kloster putzt sich raus

Print Friendly, PDF & Email

Lichtenau-Dalheim – Der Frühling bringt auch eine ungeliebte Pflicht: den Frühjahrputz. Von der Tradition dieses Brauchs berichtet Dr. Christiane Wabinski, museumspädagogische Referentin im Kloster Dalheim bei Paderborn, dem ehemaligen Augustiner-Chorherrenstift und heutigen LWL-Landesmuseum für Klosterkultur: “Das alljährliche Großreinemachen gab es schon in den mittelalterlichen Klöstern.” Ein Blick in die mittelalterlichen Klosterregeln zeige, dass es dabei um mehr ging als um blanke Böden und keimfreie Oberflächen: “Putzen sollte nicht nur den Lebensraum reinigen, sondern auch den Geist”, weiß Wabinski.

Efeu und Seifenkraut: Im Dalheimer Klostergarten wachsen noch heute Pflanzen, die als Seifenersatz genutzt wurden. Foto: LWL/Thünker

Efeu und Seifenkraut: Im Dalheimer Klostergarten wachsen noch heute Pflanzen, die als Seifenersatz genutzt wurden. Foto: LWL/Thünker

“Ora et labora” – “Bete und arbeite” lautet das Motto der Ordensgemeinschaft der Benediktiner. Neben der eigentlichen Aufgabe der Mönche und Nonnen – dem Gebet – spielte auch die Arbeit eine wichtige Rolle im klösterlichen Alltag. Vom Bestellen der Äcker über das Kochen bis hin zur Anfertigung wertvoller Handschriften: Jeder Klosterbewohner hatte seine Aufgabe, die das materielle Überleben des Klosters und ein geregeltes Zusammenleben sicherte. Auch das Putzen gehörte zu diesen Pflichten. “Bereits die mittelalterlichen Mönche und Nonnen reinigten einmal im Jahr gründlich ihre Schlafsäle und wechselten das Heu in ihren Betten”, berichtet Wabinski. Auch Kreuzgang, Kirche und die übrigen Klosterräume wurden vor Ostern gründlich gereinigt. Die Mönche und Nonnen fegten die Räume, wischten die Böden und verstreuten frische Binsen, die als Bodenbelag dienten.

Sauberkeit wurde auch an den als heilig angesehenen Orten eines Klosters großgeschrieben. So wurde im Kreuzgang zum Beispiel Wäsche aufgehängt, wie Dr. Christiane Wabinski, museumspädagogische Referentin LWL-Landesmuseum für Klosterkultur, zu berichten weiß. - Foto: LWL/Eggers

Sauberkeit wurde auch an den als heilig angesehenen Orten eines Klosters großgeschrieben. So wurde im Kreuzgang zum Beispiel Wäsche aufgehängt, wie Dr. Christiane Wabinski, museumspädagogische Referentin LWL-Landesmuseum für Klosterkultur, zu berichten weiß. – Foto: LWL/Eggers

Die Verfasser der mittelalterlichen Klosterregeln legten genau fest, wie oft die Mönche und Nonnen die verschiedenen Räume und Gebäudeteile ihres Klosters zu reinigen hatten. “Putzregeln sichern die Sauberkeit im Kloster”, weiß Wabinski zu berichten und verweist auf die Putzpläne, die noch heute manches Zusammenleben regeln: “Nur mit festen Regeln lässt sich sicherstellen, dass alle ihren Aufgaben nachkommen.” Reinlichkeit war gerade im Kloster besonders wichtig. “Wo viele Menschen zusammenleben, sind Krankheiten nicht weit”, betont Wabinski.

Einst Ort der Stille, heute LWL-Landesmuseum: das Kloster Dalheim. Foto: Andreas Lechtape

Einst Ort der Stille, heute LWL-Landesmuseum: das Kloster Dalheim. Foto: Andreas Lechtape

Feste wöchentliche Termine ergänzten die jährlich stattfindenden Reinigungsaktionen. Der Samstag, noch heute ein beliebter Putztag, war auch im Kloster von besonderer Bedeutung: An diesem Tag reinigten die Klosterbrüder und -schwestern Küche und Latrine, denn bei mangelnder Sauberkeit konnten gerade diese Orte zu Ansteckungsherden werden. So bestimmen beispielsweise die Klosterregeln der italienischen Benediktinerabtei Farfa aus dem 11. Jahrhundert: “Samstags soll die Küche gereinigt und gefegt werden.” Entsprechend ist hier zu lesen, dass die Tischtücher des Speisesaals alle 15 Tage gewechselt werden müssten und das Geschirr sauber zu halten sei.

Ihre Wäsche wuschen die Klosterbewohner gewöhnlich dienstags. Zum Trocknen hängten sie ihre Hosen, Tuniken oder Socken in den Kreuzgang. “Dieser war ein wichtiger Aufenthaltsort im Kloster, zugleich jedoch ein Ort der Kontemplation, der Grablege und der Prozession – ein heiliger Ort also”, sagt Wabinski. Dennoch war das Bedürfnis nach Sauberkeit den Klosteroberen wichtig genug, um hier das Wäschetrocknen zu gestatten.

Seifen waren im Mittelalter ein Luxusgut. Zum Wäschewaschen kam daher Seifenkraut zum Einsatz, ein in Europa verbreitetes, im Wasser stark schäumendes Gewächs. Schon Hieronymus Bock, ein deutscher Botaniker des 16. Jahrhunderts, berichtete, dass die Bettelmönche ihre Kappen mit Seifenkraut wuschen. Daneben verwendeten die Mönche und Nonnen unter anderem auch Efeu und Rosskastanien. All diese Nutzpflanzen wuchsen in den Klostergärten und können noch heute in den wiederhergestellten Gärten des Dalheimer Klosters geerntet werden.

Auch vor den wichtigsten Feiertagen wie Weihnachten, Ostern, Pfingsten oder Allerheiligen pflegten die Klosterbewohner In Dahlheim ihr Kloster gründlich zu reinigen, wie die Bestimmungen Lanfrancs, Erzbischof von Canterbury, aus dem 11. Jahrhundert verraten. Noch heute säubern die meisten Menschen vor bedeutenden Anlässen sorgfältig ihre Wohnung. Zugrunde liegt damals wie heute der Wunsch, den Festtag in besonderer Weise auszuzeichnen und Gäste in einer sauberen Umgebung zu empfangen. Ein weiterer Grund dürfte jedoch noch wichtiger gewesen sein: Im Kloster liegen körperliche und spirituelle Reinheit nah beieinander. “Wer äußerlich rein ist, der ist auch im Geiste rein”, beschreibt Wabinski die mönchische Überzeugung.

Die Stiftung Kloster Dalheim. LWL-Landesmuseum für Klosterkultur ist eines der 17 Museen des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL) und Deutschlands einziges Landesmuseum für klösterliche Kulturgeschichte. Es wird gemeinsam vom LWL und der Stiftung Kloster Dalheim getragen und ist beheimatet in dem rund 800 Jahre alten ehemaligen Kloster Dalheim. Ausgehend von der eindrucksvollen eigenen Geschichte lädt das Haus ein, die Welt der europäischen Klosterkultur zu entdecken.

Stiftung Kloster Dalheim / LWL-Landesmuseum für Klosterkultur / Am Kloster 9 / 33165 Lichtenau-Dalheim
www.stiftung-kloster-dalheim.lwl.org

WERBUNG

 

Speak Your Mind

*