Der Kiepenkerl bloggt: Glücksgefühle

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Viele Russen empfanden nach der völkerrechtswidrigen Krim-Annexion echte Glücksgefühle. Und bei Wladimir Putin muss der Botenstoff Dopamin Purzelbaum geschlagen haben. Derweil floss Krim-Sekt in Strömen.

Glücksgefühle1_© dpa

Foto: dpa

In unserem Kulturkreis gelten als Glück nicht nur Gesundheit, materieller Erfolg oder ein Lottogewinn sondern auch das Ausbleiben von Unglück: Ein glimpflich verlaufener Unfall oder das Erreichen des letzten Flugzeugs vor einem Pilotenstreik. Glück kann auch dem beschert sein, der sich mit dem Unglück nicht abfindet.

Glück ist neuronal ein kurzer Moment der Glücksgefühle im Gehirn, der den ganzen Körper mit einbezieht. Auch längerfristiges Glück in der Ehe oder im Betrieb ist das Ergebnis von drei Botenstoffen im Gehirn.

Dopamin steuert das Motivationssystem, Serotonin und Adrenalin regen das Emotions-/Stress-System an und Oxytocin beeinflusst das Empathie-System.
Dementsprechend ordnet der Neurobiologe Professor Ulrich Mußhoff die Menschen drei Modell-Typen zu:

  • Typ-1-Glück: Spaß an der Herausforderung und Bewältigung
    Funktion: Wollen
    Botenstoff: Dopamin
  • Typ-2-Glück: Sicherheit und Vermeidung von Angst
    Funktion: Überwinden
    Botenstoffe: Serotonin oder Adrenalin
  • Typ-3-Glück: Soziale Verbundenheit und Akzeptanz; tiefe Zufriedenheit
    Funktion: Haben
    Botenstoff: Oxytocin

In der arabischen Welt dominiert der Inschallah-Glücks-Typ. Er lebt nach dem Grundsatz „So Gott will“. Diese phlegmatische Glücks-Definition ist Christen fremd. Sie glauben, dass der Mensch sehr wohl durch eigenes Handeln großen Einfluss auf seine Lebensumstände hat. So stärkt die soziale Zufriedenheit in einem erfüllten Leben das körperliche und geistige Glück und damit die Abwehrkräfte des Organismus‘ gegen Krankheiten.

Der Volksmund sagt: „Jeder ist seines Glückes Schmied.“ Doch nicht jeder Schmied hat Glück. In diesem Sinne hängt die Fähigkeit zum Glücklichsein neben den äußeren Umständen auch vom eigenen Engagement ab. Erstaunlicherweise hat das Streben nach Glück als originäres Freiheitsrecht der Menschen Eingang in die Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten von Amerika gefunden. Dort wird es als „Pursuit of Happiness“ (Glücksstreben) bezeichnet. Doch die Regierenden haben durch Fehleinschätzungen und Fehlsteuerungen wenig zum individuellen Glück der Menschen in den USA beigetragen. Das hatte sich Thomas Jefferson 1776 anders vorgestellt, denn nach calvinistischer Überzeugung wird in der materiellen Erfüllung die Gnade Gottes sichtbar.

In diesem Sinne agierte Präsidialautokrat Wladimir Putin bei der Krim-Annexion als Menschen vom Typ-1-Glück. Um dem „Wollen“ zum Durchbruch zu verhelfen ließ er kurzerhand die erforderlichen Gesetze über den territorialen Anschluss im Eiltempo von der Duma beschließen und die Verfassung passgenau ändern. Beim Anschluss der Halbinsel an Russland scherte er sich nicht um die Reaktionen der Weltgemeinschaft oder die Sanktionen von Europa, Amerika und Japan.

© von Travelpleb:Wikimedia Commons

Grafik: Travelpleb/Wikimedia Commons

Dank und Lob aus der Bevölkerung machten sein Glück über den Landraub perfekt. Dabei musste sich Putin wie einst Grigori Jefimowitsch Rasputin fühlen, jenem russischen Wunderheiler der Zarenfamilie, dem jedoch am Ende der Erfolg versagt blieb. Nach dem Untergang der Sowjetunion gebärdet er sich als Erneuerer der ehemaligen Supermacht. Bei den Konflikten in Abchasien, Tschetschenien, Dagestan, Adscharien, Berg-Karabach oder Südossetien hat der Kremlchef seine Finger im Spiel.

Es ist längst nicht ausgemacht, dass Wladimir Putin mit der Krim seinen territorialen Hunger gestillt hat und sich zu einem Menschen vom Typ-3-Glück entwickelt. Doch für ihn war der Bruderkuss bei der Geburtstagsparty von Altbundeskanzler Gerhard Schröder in St. Petersburg ein symbolträchtiger und öffentlichkeitswirksamer Schritt zum Typ-3-Glück. Die eindeutige Geste brachte die SPD allerdings in Erklärungsnot und löste in der westlichen Welt einen Schock aus. Während Europa und Amerika erste Sanktionen gegen Russland wegen der Unterstützung von Separatisten in der West-Ukraine verhängen, konterkariert Schröder die Strafmaßnahmen und sorgt für fröhliche Stimmung beim Kreml-Chef.

 

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