Verstörende Karikaturen der Widersprüchlichkeit

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Dortmund – Ausstellungen des Dortmunder Kunstvereins gehören traditionell zu den Höhepunkten im Kulturleben der größten Stadt Westfalens. Bis zum  22. Dezember 2012 zeigt die honorige Gesellschaft Arbeiten von Nadja Verena Marcin. ACTION MANUAL bringt die auf Performance basierende Arbeit, der in Deutschland und New York lebenden Künstlerin Nadja Verena Marcin, in einem Kooperationsprojekt des Dortmunder Kunstvereins mit der Werkstatt Bleichhäuschen Rheda-Wiedenbrück als erste Einzelausstellung nach Deutschland.

Dortmund Ausstellungen

Der Sitz des altehrwürdigen Dortmunder Kunstvereins – Foto Kunstverein Dortmund

Die Marcin-Schau ist das Finale des Kulturjahres in Dortmund – Ausstellungen wie diese mehren das Renomme der einstigen Stahl- und Biermetropole als Kulturstadt. In der laufenden Schau „ACTION MANUAL Vol. I“ werden die Fotografien “Eve” (2005), „Man“ (2007) und eine Auswahl der Serie “No Country” (2009) zu sehen sein. Der dokumentierende Clip “Are you lonesome tonight” (2009) und die neueste filmische Arbeit “//KIDS//” (2012) ermöglichen einen tieferen Blick in die Arbeitsweise der Künstlerin. Sie werden von Requisiten und Zeichnungen flankiert. Die Fotografie “Eve” – ein Selbstportrait der Künstlerin, unbekleidet und verloren auf dem Waldboden ausgestreckt – trägt provokant einen religiös besetzten Titel.

Das semi-politische Statement der mehrteiligen Foto-Arbeit “No Country” kombiniert eine ähnlich melancholische Grundstimmung mit staatlicher Zugehörigkeit und den teilweise absurd wirkenden Liebesposen des Kamasutra. Die Blicke wirken ähnlich den historisch-indischen Bildzeugnissen leer und abwesend.

„Man“  zeigt die Skulptur des „Geldzählers“ von 1912 von Ernst Wenck an der Berliner Invalidenstrasse, an die sich Marcin im roten Höschen anschmiegt. Der Geldzähler wirkt wie geschaffen für die Umarmung und mutiert zu King Kong, dem bedrohlichen Liebenden.

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Nadja Marcin vor „Man“ (2007), Foto: Roland Baege Kunstverein Dortmund

„Are you lonesome tonight“  dokumentiert den dynamischen Überfall Marcins auf eine Tagestrinkerbar im Rahmen der Kaunas Biennale in Litauen 2009. Die vorherrschende Hoffnungslosigkeit der Szenerie in der Bar, die dem obersten Polizeikommissar der Stadt gehört, wird durch Marcins Auftritt gestört. Ihr Kostüm changiert zwischen jenem einer deutschen Gymnastin und einem erotischen Dessous. Indem Marcin versucht in Interaktion mit den angetrunkenen Bargästen – wie einer Gruppe von schachspielenden älteren Männern oder einer Frau, die beginnt sich zu entkleiden – zu treten, transformiert sie die Bar zur Bühne ihrer eigenen Show . Marcins Selbstverständlichkeit, mit der sie es schafft eine physische, energetische Präsenz zu kreieren, tritt in Konflikt mit der vorherrschenden Stagnation. Es entsteht eine Spannung zwischen der Selbstverständlichkeit der Anwesenheit der Stammgäste und dem Eindringling, die einem gegenseitigen Angriff gleichkommt. Der zu hörende Liedtitel, Elvis Presleys Knastsong „Jailhouse Rock“ wird in der Untertitelung zum „Artistic Rock“, einer Reflektion über ihre Künstlerfreunde. Marcin entwirft eine Karikatur der Widersprüchlichkeit innerhalb der junge, provokative, post-feministische Attitüde und zugleich über das Stigma der Unbeweglichkeit einer älteren Generation.

In Marcins neuester Videoarbeit „//KIDS//“ (13.30 min, 4K, Video, New York, 2011/12) agiert eine Gruppe Jugendlicher zwischen der Adaption einer düsteren Subkultur und angepasstem Partyhipstertum im Rhythmus der Global Community. Der in New York und in deutscher Sprache gedrehte Kurzfilm verwendet Referenzen zur Bodyart und bedient sich dabei einer von Marcin geschaffenen poetischen Metasprache, um die Oberfläche des Kult- und Szenefilms „Kids“ von Larry Clark zu perforieren und sich wie eine Second-Hand-Klamotte anzueignen. Installiert wird der Film gemeinsam mit dem skulpturalen Requisit „crazy car“, das aus Retro Cordstoff eigens für den Film geschneidert wurde.

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Eine Foto-Arbeit von Nadja Verena Marcin – Foto Kunstverein Dortmund

Ergänzt wird das Ensemble durch Tuscheskizzen, die für das emotionale Interieur des Films entstanden. Die Vorlage für Marcins Videoarbeit – Larry Clarks gleichnamiger erster Film „Kids“ – hatte vor allem die Verbreitung des in den 90er Jahren hochaktuellen Themas Aids im Fokus und zeigt Minderjährige beim Geschlechtsverkehr. Original und Remake zeigen ähnliche Figurenkonstellationen, es scheint als habe sich die Künstlerin darüber hinaus auch an den Kameraeinstellungen und dem Setting des Originals von Clark orientiert. Durch die besondere Mischung aus Zitaten, Umkehrung, Ironie, zwielichtigen Verhaltensweisen und Übertreibungen erschafft Marcin eine Gesellschaft, in der das Wort „Kids“ zur Beschreibung eines Zustandes wird, in dem Konformität und Verantwortungslosigkeit vorherrschen und Gewissenhaftigkeit in Vergessenheit geraten ist. Dortmund-Ausstellungen wie diese kann es ruhig häufiger geben.

www.dortmunder-kunstverein.de

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