JEEPS: schrille Dystopie auf der WBT-Bühne

JEEPS, die schrille, überdrehte Dystopie von Nora Abdel-Maksoud, geht jetzt auch in Münster über die Bühne. Am vergangenen Donnerstag (1. Oktober) war Premiere im Wolfgang Borchert Theater.

JEEPS: schrille Dystopie auf der WBT-Bühne

JEEPS von Nora Abdel-Maksoud in der Inszenierung von Hans Dreher im Wolfgang Borchert Theater mit Gregor Eckert, Ivana Langmajer und Katharina Hannappel – Foto Lea Schulte-Hillen

Es war nur eine Frage der Zeit, wann JEEPS, das landauf, landab gefeierte Stück der Münchner Theaterautorin, Regisseurin und ehemaligen Schauspielerin, auch im Wolfgang Borchert Theater gespielt wird. Wo denn auch sonst.

Seit seiner Uraufführung an den Münchner Kammerspielen 2021 ist das Stück auf vielen Bühnen zu sehen. Das überrascht nicht, denn selten wird über Vermögen, Herkunft und soziale Ungleichheit so respektlos und komisch gesprochen. Das gesellschaftskritische Stück dreht sich vor allem ums Erben, nimmt aber nebenbei auch Bürokratie, Gerechtigkeit, Sozialhilfe, Bürgergeld und einiges mehr aufs Korn. Den Wahnsinn des Erbens und Armseins verhandelt Abdel-Maksoud als rasanten Schlagabtausch zwischen Betroffenen und Behördenmitarbeitern.

JEEPS: schrille Dystopie auf der WBT-Bühne

JEEPS von Nora Abdel-Maksoud in der Inszenierung von Hans Dreher im Wolfgang Borchert Theater mit Niclas Kunder und Gregor Eckert – Foto Lea Schulte-Hillen

„Schluss mit der Eierstocklotterie. Willkommen bei der neuen Erbschaftsreform.“ So einfach kann Revolution sein. Jedenfalls im Theater. In JEEPS wird die familiengebundene Erbfolge abgeschafft und durch ein „bedarfsgerechtes Zufallsverfahren“ ersetzt. Wer stirbt, vererbt nichts mehr an Kinder oder Verwandte. Das Vermögen wandert in einen großen Topf und wird verlost. Jeder darf mitspielen. Zuständig für die Lose sind ausgerechnet die Jobcenter.

Das klingt nach einer ziemlich verrückten Idee und nach einem Stück, das hohe Erwartungen weckt. Schließlich geht es um eine der großen Gerechtigkeitsfragen unserer Gesellschaft. So absurd die Versuchsanordnung klingt, so real ist ihr Hintergrund. Immer wieder flammt die Diskussion darüber auf, wie Erbschaften und große Vermögen besteuert werden sollen. Grundlegend geändert hat sich bislang wenig. Die schreiende Ungerechtigkeit scheint zementiert.

JEEPS von Nora Abdel-Maksoud in der Inszenierung von Hans Dreher im Wolfgang Borchert Theater mit Katharina Hannappel und Ivana Langmajer – Foto Lea Schulte-Hillen

Vermögen ist in Deutschland extrem ungleich verteilt. Die reichsten zehn Prozent besitzen rund zwei Drittel des gesamten Privatvermögens. Beim reichsten einen Prozent konzentriert sich etwa ein Drittel. Unternehmens- und Immobilienbesitz ballt sich besonders stark an der Spitze. Ein erheblicher Teil dieser Vermögen wird vererbt oder verschenkt. Schätzungen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung gehen von bis zu 400 Milliarden Euro jährlich aus, wobei ein großer Teil wegen der Freibeträge in keiner Erbschaftsteuerstatistik auftaucht. Die ärmere Hälfte der Bevölkerung besitzt dagegen zusammen nur einen verschwindend kleinen Anteil. Das ist und bleibt ein Skandal.

JEEPS: schrille Dystopie auf der WBT-Bühne

JEEPS von Nora Abdel-Maksoud in der Inszenierung von Hans Dreher im Wolfgang Borchert Theater mit Niclas Kunder und Gregor Eckert – Foto Lea Schulte-Hillen

Das ist der Sprengstoff, mit dem Abdel-Maksoud spielt. Während über ein paar Euro mehr oder weniger Bürgergeld erbittert gestritten wird, wandern große Vermögen von einer Generation zur nächsten. Wer in die richtige Familie geboren wird, hat das große Los gezogen, bevor er überhaupt laufen kann. Abdel-Maksoud dreht das Prinzip um. Das Ende der Eierstocklotterie. Was bisher Schicksal war, wird nun qua Gesetz tatsächlich zur Lotterie.

JEEPS beginnt mit einem Prolog und zerlegt seine Versuchsanordnung anschließend in kleine Kapitel und Szenen. Fast wie ein Pamphlet wird eine Behauptung aufgestellt und anschließend durchgespielt: Schluss mit der familiengebundenen Erbfolge. Her mit dem Zufall. Dann sehen wir mal, was passiert.

JEEPS von Nora Abdel-Maksoud in der Inszenierung von Hans Dreher im Wolfgang Borchert Theater mit Ivana Langmajer – Foto Lea Schulte-Hillen

Im Amt sitzen Gabor (Gregor Eckert) und Armin (Niclas Kunder). Gabor liebt Vorschriften und seinen Mercedes G 400, auf den er 13 Jahre gespart hat. Weil er gesichtsblind ist, gilt er als geradezu idealer Beamter für die „Losvergabe ohne Ansehen der Person“. Armin bezeichnet sich selbst als „seelischen Wasserbüffel“. Dann tauchen Silke (Ivana Langmajer) und Maude (Katharina Hannappel) auf.

JEEPS: schrille Dystopie auf der WBT-Bühne

JEEPS von Nora Abdel-Maksoud in der Inszenierung von Hans Dreher im Wolfgang Borchert Theater mit Katharina Hannappel – Foto Lea Schulte-Hillen

Silke sollte eigentlich zwei Wohnungen und ein Bootshaus ihres verstorbenen Vaters erben. Daraus wird nun nichts. Reich findet sie sich trotzdem nicht. Das Geld war schließlich fest für ihr Start-up eingeplant, das aus gebrauchten Reitklamotten modische Taschen macht. Maude wiederum ist „Bürgergeldempfängerin im Langzeitbezug“ und hat mit Gabor noch eine Rechnung offen. Er hat sie beim Pfandflaschensammeln erwischt und den Erlös auf ihre Leistungen angerechnet. Ihr bleiben nur ein paar Euro. Jetzt wollen beide Frauen etwas vom Staat. Und beide finden, dass ihnen Unrecht geschieht.

Damit ist Abdel-Maksouds Versuchslabor eingerichtet. Vier Menschen, vier Interessen und ziemlich unterschiedliche Vorstellungen von Gerechtigkeit. Die Sache wird allerdings kompliziert, sobald es ums eigene Geld geht.

JEEPS von Nora Abdel-Maksoud in der Inszenierung von Hans Dreher im Wolfgang Borchert Theater mit Ivana Langmajer und Gregor Eckert – Foto Lea Schulte-Hillen

Selbst Gabor gerät ins Wanken. Der pflichtbewusste Sachbearbeiter, der eigentlich über die korrekte Durchführung des neuen Verfahrens wachen soll, hortet heimlich Lose. Auch er möchte sich lieber ein schönes Erbe herauspicken, als sein Glück dem Zufall zu überlassen. So viel zur Unbestechlichkeit des neuen Systems.

Abdel-Maksoud macht daraus keinen sozialpolitischen Vortrag. Ihr Text ist selbst schon grell, schnell und ziemlich durchgeknallt. Peniswitze treffen auf Klassengesellschaft, Sozialhilfe auf Start-up-Sprech, Gewalt auf Bürokratie. Was passiert, wenn ein Bürgergeldempfänger tatsächlich zur Waffe greift? Auch diese Bedrohung gehört zur Versuchsanordnung.

Das Stück greift tief in die Trickkiste des Theaters. Szenen werden angehalten, zurückgespult und noch einmal gespielt. Maude trägt dafür eine imaginäre Videokamera vor der Brust, dargestellt durch eine kleine Käsereibe. Rückblenden kippen in die Gegenwart, Figuren kommentieren ihre eigene Geschichte.

JEEPS: schrille Dystopie auf der WBT-Bühne

JEEPS von Nora Abdel-Maksoud in der Inszenierung von Hans Dreher im Wolfgang Borchert Theater mit Katharina Hannappel und Ivana Langmajer – Foto Lea Schulte-Hillen

Dabei verweigert JEEPS die bequeme moralische Sitzordnung. Silke ist privilegiert. Natürlich. Aber ist es deshalb gerecht, ihr das Erbe ihres Vaters wegzunehmen? Maude hat fast nichts und versucht, mit Flaschensammeln über die Runden zu kommen. Die neue Ordnung produziert ihre eigenen Absurditäten.

Gastregisseur Hans Dreher setzt in seiner Inszenierung noch eins drauf. Gesprochen wird schnell, oft viel zu schnell. Stimmen überschlagen sich. Es wird geschrien, gesprungen und gestritten. Trinkbecher und Gläser fliegen in die Kulissen. Bei der Bestattung von Silkes Vater knallt ein Blecheimer auf den Bühnenboden, ein Blechtablett geht lärmend zu Boden. Es scheppert und kracht zuverlässig. Fast könnte man meinen, der Text brauche akustische Verstärkung.

Dabei gibt es schöne, genau beobachtete Einfälle, etwa das Modellauto, das Gabors ganzen Stolz auf seinen Jeep im Spielzeugformat vorführt. Das Modellauto steht wie eine Devotionalie auf seinem Schreibtisch. Oder die Bleistifte: Gabor spitzt sie immer wieder sorgfältig an, um sie im nächsten Anfall der Verzweiflung zu zerbrechen und wegzuwerfen. Das hat etwas von Louis de Funès, diesem zwischen Pedanterie und Explosion pendelnden Meister der kontrollierten Hysterie.

Das Ensemble wirft sich mit beträchtlichem körperlichem Einsatz in diesen Irrsinn. Gregor Eckert macht aus Gabor einen verbohrten Diener der Vorschrift, dessen Ordnungsliebe jederzeit in Kontrollverlust umschlagen kann. Niclas Kunder gibt Armin, eine Mischung aus Amtsautorität und Absurdität. Katharina Hannappel treibt Maudes Sprach- und Gedankensprünge ins Groteske. Sie leidet unter Wortfindungsstörungen und sieht jedes Mal „etwas in der Hose“ des pflichtversessenen Beamten.

Ivana Langmajer lässt hinter Silkes Empörung immer wieder die verzweifelte Tochter erkennen. Diese Frau hält sich selbst keineswegs für reich. Sie möchte lediglich das behalten, von dem sie ihr Leben lang angenommen hat, dass es irgendwann ihr gehören würde. Und plötzlich ist der Gedanke nicht mehr ganz so abwegig, ihren Ärger zu verstehen.

JEEPS bringt alles mit für eine böse, intelligente und verstörende Komödie über eine Gesellschaft, die bei Gerechtigkeit gern große Worte macht und beim eigenen Geld erstaunlich kleinlich wird. Hans Dreher vertraut diesem Text jedoch nicht wirklich. Er überdreht, was bereits überdreht geschrieben ist und dadurch wird es streckenweise albern.

JEEPS: schrille Dystopie auf der WBT-Bühne

JEEPS von Nora Abdel-Maksoud in der Inszenierung von Hans Dreher im Wolfgang Borchert Theater mit Ivana Langmajer, Gregor Eckert, Niclas Kunder und und Katharina Hannappel – Foto Lea Schulte-Hillen

Das schadet vor allem der Sprache. Abdel-Maksouds Sätze sind schnell. Eine Pointe jagt die nächste. Wenn die Schauspieler auf höchster Drehzahl sprechen, die Stimmen sich schrill überschlagen und der nächste Gegenstand schon auf den Boden kracht, bevor die Pointe angekommen ist, wird es schwer, dem Text zu folgen. Manches ist schlicht kaum zu verstehen. Argumente und Bosheiten verschwinden im Lärm. So wird aus einer präzise gesetzten Pointe ohrenbetäubende Schrillheit, aus der Groteske stellenweise Klamauk. Das ist vor allem anstrengend und leider nur mäßig unterhaltsam.

Das ist umso bedauerlicher, weil JEEPS eine spannende Frage stellt und die Antwort erfreulich offenlässt. Eine radikale Erbschaftsreform soll die Ungerechtigkeit der alten Ordnung beseitigen. Stattdessen entstehen neue Ungerechtigkeiten, neue Tricks und neue Begehrlichkeiten. Selbst der Beamte greift in die Lostrommel.

Eigentlich müsste einen diese Dystopie beunruhigt und aufgewühlt aus dem Theater schicken. Die Münsteraner Inszenierung erreicht allerdings das Gegenteil. Nach all dem Geschrei, Geschepper und Chaos ertappt man sich bei einem erstaunlich konservativen Gedanken: Um Gottes willen, lasst es doch einfach beim Alten.

Das ist die unfreiwillige Dialektik dieses Abends. Eine Farce, die das bestehende Erbrecht erschüttern will, endet als dessen Bestätigung.

Jörg Bockow

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