Borchert Theater: Eine Frage des Stils

Borchert Theater – Eine Frage des Stils: Das Philosophische Café im Wolfgang Borchert Theater in Münster widmete sich am vergangenen Sonntag (14. Juni) den Fragen nach Stil, Mode, Geschmack und Design, nach Takt und Benehmen, Höflichkeit und anderen Verhaltensweisen, die das menschliche Zusammenleben angenehmer und erträglicher machen.

Borchert Theater: Eine Frage des Stils

Sebastian Laukötter (li) und Götz Alsmann beim Philosophischen Café im Wolfgang Borchert Theater – Foto Jörg Bockow

Sebastian Laukötter, Professor für Philosophie und Ethik ging als Moderator seinen Fragen wie gehabt publikumswirksam auf den Grund. Diesmal hatte er als Gesprächspartner Tausendsassa Götz Alsmann eingeladen. Es entwickelte sich ein ebenso hintergründiges wie launiges Gespräch. Immer wieder griff Laukötter auf Stichworte und Zitate von bekannten Philosophen zurück, bemühte als es um den guten Geschmack und die Ästhetik ging sogar Adorno und Immanuel Kant. Unterhaltsamer kann ein philosophischer Frühschoppen kaum sein. Das Publikum im vollen Theatersaal kam jedenfalls ganz auf seine Kosten: Die philosophische Lehrstunde in den Kulissen der erfolgreichen Komödie “Nein zum Geld!” brachte so ganz nebenbei echten Tiefgang. So kann Philosophie also auch sein.

Darf man im Pyjama zum Einkaufen gehen? Braucht eine freie Gesellschaft überhaupt noch Benimmregeln? Und weshalb kann ausgerechnet ein Smoking ein Zeichen von Gleichheit sein? Das Philosophische Café widmete sich mit viel Witz und Humor einem Thema, das viele vermutlich zunächst für oberflächlich halten und das doch überraschend tief reicht: Stil.

Borchert Theater: Eine Frage des Stils

Götz Alsmann: ” Stil ist das, wozu man sich selbst bekennt.“ – Foto Laura Ritter

Sebastian Laukötter hatte mit Götz Alsmann, dem Mann mit der unübersehbaren Haartolle als Markenzeichen, einen Gesprächspartner auf der Bühne geholt, der für dieses Thema kaum passender hätte sein können. Der Musiker, Entertainer und bekennende Liebhaber guter Formen erschien wie immer elegant geschniegelt, formvollendet im karierten Anzug mit grau-gemusterter Krawatte und einem Einstecktuch und wusste zum Thema wunderbare Geschichten beizusteuern.

Schon früh formulierte Alsmann eine These, die sich wie ein roter Faden durch den Vormittag zog: „Mode ist das, was die Modeindustrie einem sagt. Stil ist das, wozu man sich selbst bekennt.“ Stil, so wurde schnell deutlich, hat wenig mit Marken oder Trends zu tun. Er entsteht aus Haltung, Geschmack und Erfahrung. Man könne modisch sein, ohne Stil zu besitzen und man könne sich stilvoll kleiden, ohne der aktuellen Mode hinterherzulaufen. Erlaubt ist alles, was zu einem passt und was man glaubwürdig und mit Würde tragen kann.

Dabei verteidigte Alsmann keineswegs starre Regeln oder verstaubte Konventionen. Ganz im Gegenteil: Individualität, so seine Überzeugung, entsteht erst dort, wo man die Spielregeln bestens kennt. „Man muss die Regeln erst kennen, um bewusst von ihnen abweichen zu können“, sagte er und verwies auf Beispiele aus Kunst, Jazz und Kleidung. Wer gegen Formen und Konventionen verstoßen wolle, müsse zunächst verstehen, warum es sie überhaupt gibt.

Als Beispiel erzählte Alsmann von seiner Jugend. Als Schüler beschloss er, mit Anzug und Krawatte ausgerechnet dort aufzutauchen, wo Gleichaltrige Jeans und Parka trugen. Die vermeintlich spießige Kleidung wurde damals zur Provokation. Stil könne eben auch darin bestehen, gegen den Strom zu schwimmen. Auf die Frage von Laukötter, was denn Spießigkeit überhaupt sei, antwortete Alsmann wie aus der Pistole geschossen: „Spießig sind immer die anderen!“

Borchert Theater: Eine Frage des Stils

Sebastian Laukötter gelang es Götz Alsmann mitunter aus der Reserve zu locken – Foto Laura Ritter

Überhaupt erwies sich Alsmann als glänzender Erzähler. Fast beiläufig wechselte er zwischen persönlichen Erinnerungen, Kulturgeschichte und feinen Beobachtungen des Alltags.

Besonders anschaulich war sein Plädoyer für den Smoking. Was heute oft als Symbol steifer Förmlichkeit gilt, beschrieb Alsmann als erstaunlich demokratische Erfindung. Im Smoking sähen zunächst alle Männer gleich aus. Rang, Vermögen und Status träten in den Hintergrund. Die Aufmerksamkeit richte sich auf die Menschen. So wurde deutlich: Einen Smoking zu tragen hat weniger mit Selbstdarstellung als mit Rücksichtnahme zu tun. Übrigens trat Alsmann deswegen auch für eine einheitliche Schulkleidung ein. “Sie macht unterschiedliche Herkunft und Sozialstatus unsichtbar.” Das Publikum war ganz bei ihm und applaudierte seiner Position.

Immer wieder führte Laukötter das Gespräch geschickt von der Kleidung zu den größeren Fragen des Zusammenlebens. Was bedeuten Höflichkeit, Takt und Benehmen in einer Zeit, in der Individualität häufig wichtiger erscheint als gemeinsame Regeln? Alsmann steuerte seine Beobachtung bei, dass man immer häufiger einfach geduzt werde. “Ich kann nur mit dem Kopf schütteln, wenn ich in der Warteschleife eines Unternehmens einfach mit ‘Du’ angesprochen werde.” Er halte es lieber beim “Sie” und sprach Laukötter an: “Darf ich Dich ‘Siezen’?”

Damit widersprach Alsmann dem Zeitgeist auf angenehm unaufgeregte Weise. Höflichkeit sei keine Unterwerfung und keine nostalgische Sehnsucht nach vergangenen Zeiten. „Höflichkeit ist eine Form der Aufmerksamkeit für andere Menschen“, sagte er. So sollte man auch in Zeiten der Emanzipation seiner Begleiterin in den Mantel helfen.

Der Begriff des Takts spielte dabei eine zentrale Rolle. Takt bedeute nicht Anpassung um jeden Preis. Vielmehr gehe es darum, ein Gespür für Situationen und Menschen zu entwickeln. Wer taktvoll handelt, schützt andere vor unnötigen Kränkungen. Er schafft Raum für Begegnung.

Besonders sympathisch war dabei Alsmanns Skepsis gegenüber einer völligen Beliebigkeit. Als das Gespräch auf Schlafanzüge im Supermarkt, T-Shirts – sprich Unterhemden – im öffentlichen Raum oder gar Männer in kurzen Hosen mit „stacheligen Beinen“ bei offiziellen Anlässen kam, formulierte er seinen Widerwillen mit feinem Humor, aber ohne jede Rechthaberei. Nicht alles, was möglich sei, müsse deshalb auch sinnvoll sein. Ein T-Shirt bleibe ein Unterhemd, ganz gleich in welcher Farbe, sagte Alsmann. Das Publikum reagierte mit viel Gelächter und Zustimmung. Denn hinter solchen Beobachtungen verbarg sich stets ein größerer Gedanke. Stil beginnt nicht im Kleiderschrank, Stil zeigt sich in der Haltung, in der Aufmerksamkeit für andere und in der Bereitschaft, sich selbst nicht ständig zum Mittelpunkt der Welt zu machen.

Richtig leidenschaftlich wurde Alsmann, als das Gespräch auf die deutsche Sprache kam. Er wandte sich entschieden gegen ihre zunehmende Verhunzung. Selbst in Nachrichten und in der öffentlichen Kommunikation werde häufig kein wirklich gutes und schon gar kein grammatikalisch richtiges Deutsch mehr gesprochen. Besonders kritisch sah er die Flut von Anglizismen, die immer stärker in den Alltag einsickern.

Zum Ende der Lehrstunde brachte Alsmann noch einige Designklassiker aus seiner privaten Sammlung auf die Bühne. Er bekannte sich dazu, ein leidenschaftlicher Sammler zu sein und schon seit Jugendtagen regelmäßig über Flohmärkte zu streifen. Zwei Orchideenvasen von Rosenthal aus den fünfziger Jahren, darunter die berühmte „Schwangere Luise“, wurden zum Ausgangspunkt einer einfachen Frage: Warum überdauern manche Dinge Jahrzehnte, während andere längst vergessen sind? Die Antwort fiel überraschend schlicht aus: Gute Gestaltung verbindet Qualität, Handwerk und Schönheit.

Vielleicht lag genau darin die eigentliche Erkenntnis dieses Vormittags im Borchert Theater: Stil hat wenig mit Eleganz, Mode oder teuren Dingen zu tun. Stil zeigt sich dort, wo Menschen aufmerksam bleiben, Rücksicht nehmen und ihrer Umgebung mit Respekt begegnen. Oder, um eine der zentralen Botschaften des Philosophischen Cafés aufzugreifen: Stil beginnt nicht im Kleiderschrank, er beginnt im Kopf. (Jörg Bockow)

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