Keine Fließbandarbeit im OP: Dr. Hamid Joneidi Jafari vom Ästhetik-Centrum am Husemannplatz in Bochum setzt auf das 1-zu-1-Prinzip.

Die Patienten stehen im Mittelpunkt: Deswegen heißt es im Ästhetik-Centrum am Husemannplatz in Bochum: “Wer operiert, muss auch die Nachsorge machen.” – Foto Pixabay
Das Geschäftsmodell ist längst etabliert: Patient kommt, Chefarzt operiert, Assistenzarzt übernimmt die Nachsorge, Pflegekraft zieht die Fäden. Wer schon einmal in einer großen Klinikkette war, kennt das Prinzip. Man wird von Station zu Station gereicht, sieht verschiedene Gesichter, hört unterschiedliche Aussagen. Effizienz nennt man das. Oder eben: Delegation. Das klingt nach Fließbandarbeit.
Das Ästhetik-Centrum am Husemannplatz in Bochum macht es anders. Dort begleitet ein Facharzt seinen Patienten vom ersten Händedruck bis zur letzten Kontrolluntersuchung. Klingt banal? Ist es nicht. Denn während in der Industrie Arbeitsteilung längst Standard ist, stellt sich in der Chirurgie eine unbequeme Frage: Lässt sich medizinische Verantwortung überhaupt sinnvoll aufteilen?
“Wer operiert, muss auch die Nachsorge machen”
Dr. Hamid Joneidi Jafari, Facharzt für Plastische und Ästhetische Chirurgie sowie Orthopädie und Unfallchirurgie, hat eine klare Meinung dazu. „Wer operiert, muss auch die Nachsorge machen”, erklärt er. Das sei keine Philosophie, sondern schlicht medizinische Notwendigkeit. Warum? Weil nur der Operateur wisse, wie tief er geschnitten, wie viel Gewebe er entfernt, welche Strukturen er präpariert habe. „Wenn drei Tage später eine Schwellung auftritt, macht es einen Unterschied, ob ich das selbst beurteile oder ob jemand anderes rät.”
Das Dilemma zwischen Wirtschaftlichkeit und Qualität
Die Rechnung scheint simpel: Je mehr Patienten pro Tag, desto höher der Umsatz. Viele Privatkliniken setzen deshalb auf Rotation also eine Art Fließbandarbeit. Der Chef operiert morgens, mittags wird der nächste Patient vorbereitet, nachmittags übernimmt ein Assistenzarzt die Nachbesprechung. So lässt sich der OP-Saal auslasten wie eine Produktionshalle. Nur: Ein menschlicher Körper ist keine Maschine.
„Chirurgie ist keine Fließbandarbeit”, sagt Dr. Joneidi Jafari. Und er sagt es nicht aus Idealismus, sondern aus Erfahrung. Der 48-Jährige hat als Unfallchirurg Nächte in der Notaufnahme verbracht, als Handchirurg mikrochirurgische Präzisionsarbeit geleistet. Wer dort lernt, wie viel von Details abhängt, überträgt das auch auf elektive Eingriffe. Eine Bauchdeckenstraffung mag planbar sein. Aber Wundheilungsstörungen sind es nicht. Und die erkennt am besten, wer die Wunde selbst gesetzt hat.
Spezialisierung statt Bauchladen
Wo liegt dann das Problem? Im System. Denn wer als Klinik wirtschaftlich denken muss steht vor einem Dilemma. Entweder man spezialisiert sich extrem und macht weniger Eingriffe auf höchstem Niveau. Oder man bietet alles an und delegiert die Nachbetreuung, um Kapazitäten zu schaffen. Viele Häuser wählen den zweiten Weg. Das Ästhetik-Centrum den ersten.
500 körperformende Eingriffe pro Jahr führt das dreiköpfige Ärzteteam durch. Brustoperationen, Bauchdeckenstraffungen, Fettabsaugungen – nichts anderes. Keine Nasen-OPs, keine Facelifts, keine Trendbehandlungen. Das klingt nach Nische, ist aber Kalkül. Denn wer sich fokussiert, wird routiniert. Und Routine bedeutet Sicherheit. Nicht die Routine des Fließbands, sondern die des Spezialisten, der seinen Handgriff tausendmal geübt hat.
Was Studien über Kontinuität sagen
Dass das funktioniert, bestätigen auch unabhängige Erhebungen. Studien zeigen: Komplikationsraten sinken, wenn Operateur und Nachsorge aus einer Hand kommen. Wundheilungsstörungen werden früher erkannt, Revisionseingriffe seltener nötig. Der Grund ist einfach: Kontinuität schafft Wissen. Wer seinen Patienten über Wochen begleitet, sieht nicht nur das Ergebnis, sondern auch den Weg dorthin. Und lernt daraus.
Die richtige Auswahl statt Masse
Trotzdem bleibt die Frage: Lässt sich das skalieren? Kann ein Konzept, das auf persönlicher Betreuung basiert, überhaupt wirtschaftlich sein? Dr. Joneidi Jafari nickt. „Es geht nicht darum, möglichst viele Patienten zu operieren. Es geht darum, die richtigen zu operieren.” Das heißt: sorgfältige Aufklärung, realistische Erwartungen, keine Schnellschüsse. Wer das beherzigt, spart sich Komplikationen und damit Zeit, Geld, Nerven.
Die Privatklinik nach § 30 GewO mit ISO-Zertifizierung setzt bewusst auf dieses Modell. Stationäre Aufnahme, 24-Stunden-Betreuung, kein Heimschicken nach der Operation. Das kostet. Aber es gibt eben auch Sicherheit. Und Sicherheit ist ein Verkaufsargument, das zieht. Nicht bei Schnäppchenjägern, die OP-Tourismus in der Türkei buchen. Aber bei Menschen, die verstanden haben, dass billiger nicht immer besser ist.
Was Patienten erwarten können
Was bedeutet das für Patienten? Zunächst einmal: mehr Gespräche. Wer hier operiert werden will, muss mehrere Termine einplanen. Erstgespräch, Voruntersuchung, OP-Aufklärung, postoperative Kontrollen, alles mit demselben Arzt. Das mag umständlich wirken. Aber es schafft Vertrauen. Man kennt sich. Man redet nicht aneinander vorbei. Und wenn etwas schiefgeht, gibt es keinen Schwarzen Peter, den man weiterschieben kann.
Zwei Welten der Medizin
Bleibt die Frage, ob das 1-zu-1-Prinzip Zukunft hat. Oder ob der Trend zur Industrialisierung der Medizin unaufhaltsam ist. Dr. Joneidi Jafari ist da pragmatisch: „Es wird beides geben. Große Ketten für Standardeingriffe, spezialisierte Häuser für komplexe Fälle.” Die Herausforderung sei, dass Patienten den Unterschied erkennen. „Ein Facharzt ist nicht gleich ein Facharzt. Und eine Klinik ist nicht gleich eine Klinik.”
Wer sich operieren lässt, sollte also genau hinschauen. Wer führt den Eingriff durch? Wer macht die Nachsorge? Gibt es Rotation oder Kontinuität? Das sind keine rhetorischen Fragen. Es sind Fragen, von denen im Zweifelsfall das Ergebnis abhängt. Und manchmal auch mehr.














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