Vulventempel stößt Diskussionen an

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Vulventempel stößt Diskussionen an. Dass ihr Kunstwerk zu einem Aufreger werden könnte, zumindest zu unterschiedlichen Reaktionen führen würde, damit hatten die Schöpferinnen des „Vulventempel“ in Münster wohl gerechnet. Vielleicht haben sie sogar darauf spekuliert. Dass er aber zur Angriffsfläche von Vandalen werden könnte, stößt nicht nur bei den Macherinnen, sondern auch in der Stadt auf großes Unverständnis. Es ist ein aggressiver und krimineller Akt von Sachbeschädigung und nicht zuletzt ein Ausdruck einer sexistischen und antifeministischen Gesinnung.

Projekt der Kunstakademie "Vulventempel"

Der „Vulventempel“ im Wewerka-Pavillon in Münster – Foto Illsuk Lee

Kurz vor Ende der Ausstellung Mitte Juni wurden die von den Künstlerinnen mit den Abbildungen von Vulven bemalten Bahnen zerschnitten, mit Parolen beschmiert und dadurch schwer beschädigt. Keineswegs zufällig, sondern über die Zerstörung hinaus, ist dies ganz offensichtlich ein bewusstes Bekenntnis für eine sexistische, antifeministische Gesinnung. Ein unglaublicher Vorgang.

Vulventempel soll Diskussionen anstoßen

Gruppenausstellung: Der „Vulventempel“ im Wewerka-Pavillon in Münster – Foto Illsuk Lee

Den Wewerka-Pavillon der Kunstakademie Münster in unmittelbarer Nähe zum Aasee (Kardinal-von-Galen-Ring / Annette-Allee / Aasee-Uferweg) haben Künstlerinnen für einen Monat, vom 19. Mai bis zum 13. Juni 2021 zu einem „Vulventempel“ erklärt. Das Kunstwerk soll in einer durchaus feministischen Position die Vulva, das äußere weibliche Geschlechtsorgan, feiern und in ihrem je individuellen, persönlichen Ausdruck zelebrieren. Der Wewerka-Pavillon ist damit zu einem Tempel der Weiblichkeit erklärt.

Vulventempel stößt Diskussionen an

Gruppenausstellung: Der „Vulventempel“ im Wewerka-Pavillon in Münster – Foto Illsuk Lee

An der spektakulären Gemeinschaftsarbeit waren Nadja Rich und Lisa Tschorn mit Kip Fiene, Aleka Medina Fuentes, Frederike de Graft, Theresa Hahner, Annemarie Lange, Birthe Langner, Maria Renee Morales Garcia und Yoana Tuzharova beteiligt. Sie haben für ihre persönliche Perspektive auf die Vulva außergewöhnliche Ausdrücke gefunden.

Vulventempel von Vandalen zerstört

Gruppenausstellung: Der „Vulventempel“ im Wewerka-Pavillon in Münster – Foto Illsuk Lee

In die stählernen Außenverstrebungen des Wewerka Pavillons, der Ausstellungshalle der Kunstakademie Münster, sind zehn dreieckige Leinwände eingespannt. Die gleichschenkligen Malgründe, stehen selbst bereits symbolisch für das weibliche Geschlechtsorgan, zeigen differente Darstellungsweisen von Vulven, die sich in ihrem Spektrum zwischen abstrahiert-zeichnerischer Geste und expressionistischer Malerei bewegen. Die künstlerische Umsetzung ist mal nüchtern-sachlich, anatomisch korrekt, mal stilisiert und mal poetisch überformt.

Gruppenarbeit stößt Diskussionen an

Gruppenausstellung: Der „Vulventempel“ im Wewerka-Pavillon in Münster – Foto Illsuk Lee

In einem Gespräch hat die Macherin Nadja Rich erklärt: „Wir haben gern die Dreiecksform des Wewerka-Pavillions aufgenommen. Sie symbolisieren fast unser Thema. Zudem ist für Künstlerinnen der Pavillon als Bauwerk für Kunst etwas Allerheiliges.“

Jede Arbeit für sich ist das Bekenntnis zur eigenen Intimität und zum weiblichen Geschlecht. In der Summe bezieht die Gemeinschaftsarbeit voller Selbstbewußtsein eine klare feministische Position. So vertritt die Gruppenarbeit nach Lisa Tschorn, eine der Initiatorinnen in der Gruppenausstellung, eine klare feministische Perspektive. Auseinandersetzungen und Diskussionen sind also durchaus gewollt und intendiert. Die Künstlerinnen sind davon überzeugt, dass Kunst nicht einfach nur schön sein sollte, sondern etwas sagen und eine Position beziehen sollte.

Vulventempel stößt Diskussionen an

Gruppenausstellung: Der „Vulventempel“ im Wewerka-Pavillon in Münster – Foto Illsuk Lee

In Kooperation mit acht Studierenden und unter professioneller Anleitung der Sexological Bodyworkerin Robin Franke haben die Künstlerinnen Nadja Rich und Lisa Tschorn in einer eigens für die Ausstellung entwickelten Workshopreihe die Vulva in kunsthistorischer und wissenschaftlicher Darstellung untersucht.

Am Wewerka-Pavillon werden Diskussionen angestoßen

Gruppenausstellung: Der „Vulventempel“ im Wewerka-Pavillon in Münster – Foto Illsuk Lee

In theoretischen und praktischen Sequenzen haben die zehn Künstlerinnen nach ihrer ganz subjektiven Darstellungsform der Vulva gesucht. Die intimen Darstellungen flankieren von außen die beiden Längsseiten des Pavillons und bringen in aller Deutlichkeit das Thema Vulva in die Öffentlichkeit.

Der Pavillon als öffentlicher Ausstellungsort ist im Inneren leer und wird zum „Vulventempel“, einem Raum zum Nachdenken über Scham, Körperbewusstsein und stereotype Vorstellungsbilder.

Vulventempel stößt Diskussionen an

Gruppenausstellung: Der „Vulventempel“ im Wewerka-Pavillon in Münster – Foto Illsuk Lee

Die großformatigen Malereien zeigen konkret das, was zumeist in der und für die Öffentlichkeit verborgen bleibt. Irritierend und unverblümt gibt der „Vulventempel“ den vorbeiziehenden Spaziergängern einen ganz deutlichen Fingerzeig auf einen höchst aktuellen gesellschaftskritischen Diskurs und stellt klar: Vulven sind divers, bunt und mitunter von der beindruckenden Schönheit aufblühender Blumen und sollten in all ihren Formen und Farben gezeigt werden.

Kunstwerk stößt Diskussionen an

Gruppenausstellung: Der „Vulventempel“ im Wewerka-Pavillon in Münster – Foto Illsuk Lee

Die Initiatorin Nadja Rich wurde 1991 in Karlsruhe geboren. Sie studiert an der Kunstakademie Münster Kunstpädagogik und Freie Kunst. In ihren Arbeiten befasst sie sich in Malerei, Keramik und Multimedialen Installationen mit Körper und seinen Erscheinungsformen sowie Identitäten und queerfeministischen Fragestellungen.

Die Initiatorin Lisa Tschorn wurde 1984 in Unna geboren. Sie studierte in Münster, Bochum und Clermont-Ferrand Jura, Geografie, Politikwissenschaften, Kunstpädagogik und Freie Kunst. Ihre künstlerischen Arbeiten entwickelt sie ausgehend von einer performativen Praxis in unterschiedlichen Medien.  (Jörg Bockow)

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