Die Judenbuche und „das Dorf B“

Print Friendly, PDF & Email

Mord, Selbstmord, Scheitern und Schuld – in der Novelle „Die Judenbuche“ schöpft Annette von Droste-Hülshoff aus dem vollen. Ort der Handlung ist im Buch das „Dorf B“ – wahrscheinlich war Bellersen bei Brakel das reale Vorbild dieses fiktiven Dorfes. Aber Brakel und Umgebung haben in Sachen Literatur noch mehr zu bieten als die Geschichte vom Mord an dem Oberförster Brandis und dem Juden Aaron. Bei der Familie von Haxthausen auf Schloss Bökerhof war nicht nur die Droste oft zu Gast, sondern auch das Brüderpaar Grimm. Auf Schloss Rheder lebte der „Dichtergraf“ Josef Bruno von Mengersen. Gute Gründe für die Westfälische Hanse, der Stadt Brakel eine Station ihrer literarischen Online-Reise „Mit Pegasus von Ahlen nach Wipperfürth“ zu widmen. Texte, Bilder, Illustrationen und Links zu weiteren Informationen präsentieren auf der Website des Städteverbunds informativ und unterhaltsam literarische Schauplätze, Autoren und Geschichten aus den westfälischen Hansestädten.

Die Judenbuche

Auf Schloss Bökerhof bei Brakel waren Annette von Droste-Hülshoff und die Gebrüder Grimm zu gast – Foto Stadt Brakel

Annette von Droste-Hülshoff wurde im Januar 1797 auf Burg Hülshoff in Münster geboren. Der Wohnsitz ihrer Großeltern und Stammsitz der Familie von Haxthausen war das „Schloss Bökerhof“ bei Brakel; hier entstand ihre bekannte Novelle „Die Judenbuche“. 1813 kam Annette während eines Besuches in Bökendorf erstmalig in Kontakt mit Wilhelm Grimm, der sich zu dieser Zeit schon im Rahmen des „Romantikerkreises“ mit der Sammlung von Märchen, Sagen und literarischem Volksgut befasste. Ab 1838 hielt sich Annette von Droste-Hülshoff wieder vermehrt in Bökendorf auf, wobei sie den Bökerhof nur noch besuchte und im nahegelegenen Haus Abbenburg wohnte. Der Drostestein in einem Wald in der Nähe von Bökendorf wurde zum Gedenken an Annette von Droste-Hülshoff im Jahre 1964 errichtet.

Auch zu Bellersen (Nachbarort von Bökendorf – 2,5 km entfernt) zeigte Annette von Droste-Hülshoff eine Verbindung. In ihrer Novelle „Die Judenbuche“, die 1842 erstmalig veröffentlicht wurde, wird Bellersen als das „Dorf B“ dargestellt und erlangte dadruch internationale Bekanntheit. Im Vordergrund steht dabei ein Mordfall, der sich tatsächlich in der Gegend um Bellersen ereignet hat und über den Annettes Onkel August von Haxthausen bereits ausführlich geschrieben hatte.

Westfälische Hanse Werbebanner

Auf der Website der Westfälischen Hanse sich eine Vielzahl von Links und Artikeln zur literarischen Themen aus der Region

Werner von Haxthausen – sprachbegabter Philologe

Werner Moritz Maria Graf von Haxthausen war Staatsbeamter, Gutsbesitzer und Philologe, Bruder von August von Haxthausen und der Onkel der Droste. Geboren wurde er am 18. Juli 1780 in Bökendorf und verstarb am 30. April 1842 in Würzburg, er schrieb selbst Gedichte und bearbeitete eine Sammlung Neugriechischer Volkslieder, über die sich auch Goethe lobend äußerte.

Er studierte Rechtswissenschaften und Medizin in verschiedenen Städten und wandte sich einige Jahre später dem Studium der Orientalistik zu. Als besonders sprachgewandter Philologe schrieb von Haxthausen auch selbst Gedichte und bearbeitete eine Sammlung Neugriechischer Volkslieder, über die sich Goethe lobend äußerte. Ebenso wie sein Bruder ,August von Haxthausen und seine Nichte Annette von Droste-Hülshoff, war Werner von Haxthausen an der Märchensammlung der Brüder Grimm beteiligt, er stand in enger Freundschaft zu ihen. Überlieferungen zufolge legte von Haxthausen eine bedeutende Gemäldesammlung an, deren Spuren sich allerdings leider verloren haben. Während er in Köln lebte, soll er sich für die Fertigstellung des Kölner Doms eingesetzt haben.

Die Brüder Grimm – Teil des Bökendorfer Romantikerkreises

Die Brüder Grimm gingen Überlieferungen zufolge der Einladung des Barons von Haxthausen nach und verbrachten um 1813 eine längere Zeit auf dem Bökerhof in Bökendorf. Dort arbeiteten sie unter anderem mit Annette von Droste-Hülshoff an einer Sammlung von Märchen und Sagen. So entstand auch die Sage „Dat Mäken von Brakel“, diese Symbolfigur Brakels ist bis heute allgegenwärtig.

Die Judenbuche

Das „Mäken von Brakel“ – Foto C. Matthias Groppe

Ihre Märchen und Sagen entstanden nicht aus der eigenen Phantasie, sondern wurden nach alten, vorwiegend mündlich überlieferten Geschichten gesammelt, zusammengetragen und durch die Brüder überarbeitet. Insbesondere Wilhelm Grimm sicherte mit der Bearbeitung der Überlieferungen die weitere Verbreitung und konnte dadurch die Märchenkunde als Wissenschaft begründen. Auf die Einladung des Barons von Haxthausen hin, kamen die Brüder zum Bökerhof nach Bökendorf und verbrachten dort um 1813 eine längere Zeit. Das Herrenhaus Bökerhof war im 19. Jahrhundert mit den Schwestern Jenny und Annette von Droste-Hülshoff, den Brüdern Jacob und Wilhelm Grimm, Clemens Brentano und Josef Görres der Mittelpunkt des „Bökendorfer Romantikerkreises“ (1810–1834). Für den Märchenforscher Heinz Rölleke sind die Beiträge der Familien von Haxthausen und von Droste-Hülshoff zu den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm eine „unvergängliche Ruhmestat, die das Schloss Bökerhof zu einem der bedeutendsten Punkte der Literaturgeschichte überhaupt machten”.In der Sammlung von Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm enthalten ist die Sage „Dat Mäken von Brakel“. Die kleine Geschichte in Brakeler Platt haben die Brüder Grimm in ihre zweibändige Sammlung “Kinder- und Hausmärchen” aufgenommen. Die beiden Bücher erschienen in der Biedermeierzeit, der sogenannten “Romantik”, in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Das Mädchen von Brakel, das Anneken, ist bis heute eine wichtige Repräsentantin der Stadt und darf bei keinem Anlass fehlen. Als Brakeler Anneken ist bereits seit dem Jahr 2013 Anna-Lena Volmer aus Bökendorf unterwegs.

Brüder Grimm: „Dat Mäken von Brakel“

Es ging mal ein Mädchen von Brakel zur St. Annenkapelle unter der Hinnenburg; weil es gerne einen Mann haben wollte und auch meinte, es sei niemand in der Kapelle, so sang es:

“O heilige Sankt Anne,

so helf’ mir doch bald zum Manne.

Du kennst ihn ja wohl:

Er wohnt vor dem Sudheimer Tore,

hat blonde Haare (Hoore),

du kennst ihn ja wohl.”

Der Küster stand aber hinter dem Altar und hörte das, da rief er mit kieksiger Stimme (=Kinderstimme):“Du kriegst ihn nicht, du kriegst ihn nicht!”.Das Mädchen aber meinte, dass Marienkind, das bei der Mutter Anna steht, hätte ihm das zugerufen, da wurde es böse und rief: “Papperlapap, dummes Blag, halt das Maul und lass die Mutter reden!”

Während des Aufenthalts in Bökendorf soll den Grimm-Brüdern auch das Märchen der Bremer Stadtmusikanten übergeben worden sein. Zum Gedenken an das im Märchen benannte Räuberhaus wurde zwischen Brakel und Bosseborn ein Steindenkmal der Bremer Stadtmusikanten errichtet, ein weiterer Stein mit einer entsprechenden Gedenktafel befindet sich in Brakel. Zudem wurde die Brüder-Grimm-Schule mit dem Förderschwerpunkt Sprache in Brakel nach ihnen benannt.

Mehr über literarische Orte in Westfalen, Geschichten und Geschichtenerzähler: Mit Pegasus von Ahlen nach Wipperfürth

Speak Your Mind

*