Telenotarzt OWL

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Kreis Paderborn. Bei einem Verkehrsunfall, Schlaganfall oder Herzinfarkt entscheiden manchmal Minuten über Leben und Tod. Eine notärztliche Behandlung vor Ort oder bereits im Rettungswagen sichert Leben und bestmögliche Versorgung des Patienten. Doch nicht jeder Fall ist so dramatisch. Nicht in jedem Fall wird ein Notarzt zwingend gebraucht. Und: Gerade im ländlichen Raum sind Notärzte knapp, die Wege länger. Krankenhäuser klagen über vollgestopfte Notfallambulanzen mit zuweilen nicht lebensbedrohlich Erkrankten und überlasteten Ärzten, die in den Grenzbereich kommen. Gleichzeitig wächst die Zahl der Rettungsdiensteinsätze weiter, weil die Menschen älter und anspruchsvoller werden. Die Digitalisierung ermöglicht völlig neue Wege in der Erst- und Notfallversorgung und kann diese wesentlich effizienter gestalten: So muss der Notarzt nicht zwangsläufig ins Auto springen und losfahren. Ein Telenotarzt kann in bestimmten Fällen via Bildschirm helfen. So wird es in Aachen bereits seit fünf Jahren mit Erfolg praktiziert. Der Telenotarzt ist eine zusätzliche Option. Mit Einverständnis des Betroffenen können direkt vom Einsatzort oder aus dem Rettungswagen Videos, Fotos und Vitaldaten wie EKG-Werte in Echtzeit an den Telenotarzt übertragen werden. Dieser stellt die Diagnose, überwacht alle lebenswichtigen Funktionen, unterstützt das Rettungsdienstpersonal vor Ort und versorgt die aufnehmenden Krankenhäuser mit Informationen, die dann nahtlos weiterbehandeln können. Umgekehrt kann ein Telenotarzt durch seine Diagnose auch unnötige Einsätze vermeiden. Die Kreise Höxter, Lippe und Paderborn wollen nun gemeinsam einen solchen Telenotarzt etablieren. Federführend ist der Kreis Paderborn, der zur Auftaktveranstaltung ins Paderborner Kreishaus eingeladen hatte. Ziel ist es, gemeinsam alle technischen, organisatorischen und finanziellen Voraussetzungen zu erörtern. Deshalb saßen neben Vertretern des NRW-Ministeriums, der Kreise, Ärztekammer und Rettungsdienste auch die Krankenkassen mit am Tisch. „Die Einführung in OWL könnte Blaupause sein für das ganze Land, bei gleicher Qualität“, betonte Ministerialrat Bernhard Schnäbelin vom Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales des Landes NRW (MAGS).

Foto: Amt für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, Kreis Paderborn, Meike Delang

Die Erwartungen sind also hoch. Doch Landrat Manfred Müller zeigte sich sehr zuversichtlich. „Hier kooperieren drei Kreise, die seit April 2014 gemeinsam über den kommunalen Tellerrad blicken und die Notfallversorgung für über 800.000 Menschen verbessern.“ Im Juli vergangenen Jahres wurden ambulante, klinische Versorgung und der Rettungsdienst miteinander verzahnt. Egal ob die Menschen den Notruf 112 oder den ärztlichen Bereitschaftsdienst unter der 116117 kontaktieren: Alle Anrufer landen in der Leitstelle. Die Disponenten entscheiden über eine strukturierte Abfrage, welche Rettungsmittel alarmiert werden müssen, ob ein Krankenhaus angesteuert, eine Notfallambulanz aufgesucht werden muss oder der Hausarzt weiterhelfen kann. Bereits im April 2014 hatten die drei Kreise begonnen, ihre Leitstellen für Feuerwehr, Rettungsdienst und Bevölkerungsschutz miteinander vernetzt. Dahinter steckt die Erkenntnis, dass Krisen wie z. B. Stürme oder Großbrände nicht an Kreisgrenzen halt machen. Durch ein erhöhtes Einsatzaufkommen könnten Notrufleitungen überlastet sein. Technische Störungen könnten eine Leitstelle auch mal ganz oder zum Teil ausfallen und damit das Herz der Einsatzsteuerung über längere Zeit aus dem Takt bringen. Um das zu verhindern, springen die Leitstellen bei solchen Szenarien untereinander ein. Die drei Kreise bildeten zudem eine Einkaufsgemeinschaft, um bessere Rabatte zu bekommen und so Kosten, z. B. beim Erwerb von Rettungswagen und ihrer Ausstattung, einzusparen. Diese vorbildliche Art der kommunalen Kooperation ist auch in Düsseldorf aufgefallen.

Ministerialrat Schnäbelin vom MAGS NRW betonte, dass im ländlichen Raum Notarztressourcen knapp seien und deshalb bereits jetzt zukunftsorientierte Lösungen entwickelt werden müssten, „und nicht erst, wenn die Probleme sich verfestigt haben“, so Schnäbelin. Erste Erfahrungen auch außerhalb von NRW liegen vor: In Greifswald konnte durch Etablierung eines telemedizinisches Notfallsystems in 19 % der Fälle die Patienten zu Hause bleiben. Dr. Stefan Becker, Ärztlicher Leiter Rettungsdienst der Stadt Aachen, erläuterte, dass in Aachen die Notarztquote von 36 auf 19 % gesenkt werden konnte und seit der Einführung bereits mehr als 15.000 Patienten komplikationslos versorgt wurden. Beckers betonte auch, dass der Telenotarzt die Notfallsanitäter vor Ort via zugeschalteten Bildschirm unterstütze, also gleichzeitig eine Art „Training on the job“ erfolge. Zeit wird auch gewonnen, weil die Rettungskräfte vor Ort nicht auf das physische Eintreffen des Notarztes warten müssen. Auch bei Patiententransporten zwischen den Kliniken müsste seltener ein Notarzt mitfahren, da die begleitenden Rettungsdienstkräfte Kontakt zu ihm halten bzw. von ihm instruiert würden.

Dr. Theodor Windhorst, Präsident der Ärztekammer Westfalen-Lippe, stellte heraus, dass die Telemedizin kein Instrument sei, den Landarzt zu ersetzen und auch nicht die kompletten Probleme in der Notfallversorgung lösen könne. Deshalb sei es wichtig, alle Beteiligten mitzunehmen und die Bevölkerung frühzeitig zu informieren und aufzuklären. Die Vertreter der Krankenkassen bekräftigten, dass sie die Telemedizin grundsätzlich befürworteten, vor ihrer Einführung aber gut geprüft werden müsse, wo genau Telenotarztsysteme Sinn machten und ob tatsächlich Ressourcen eingespart werden könnten.

Landrat Manfred Müller zog ein erstes positives Fazit: „Ich nehme hier heute mit, dass alle Beteiligten grundsätzlich die Einführung des Telenotarztsystems positiv sehen. Die Vorbereitungen können beginnen“, so der Landrat. Auf dem Block der Paderborner Kreisverwaltung steht eine weitere Hausaufgabe:  Im Juni 2019 hatte der Kreistag den Landrat zusätzlich beauftragt, mit anderen Kreisen in OWL ein Ersthelfersystem einzuführen. Dieses lebt davon, dass zufällig in der Nähe eines Notfallortes befindliche, besonders ausgebildete Ersthelfer per Handy-App über die Leitstelle über den Notfall in ihrer Nähe informiert werden. So kann die Zeit bis zum Eintreffen des Rettungsdienstes genutzt werden und mit lebenserhaltenden Sofortmaßnahmen begonnen werden.

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