Kiepenkerl-Blog: Latein in allen Lebenslagen

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Foto: Pixabay

Wenn Juristen „medias in res“ gehen, führen sie den Zuhörer oder Leser „in die Mitte der Dinge“. Sind sie dort mit ihrem Latein am Ende, flüchten sie erneut ins Lateinische. Etwa wenn sie „culpa in contrahendo“ (Verschulden bei Vertragsabschluss) oder einen „falsus procurator“ (falschen Vertreter) vermuten.

Seit dem 7. Jahrhundert war die „Vulgata“, die Bibel der katholischen Kirche, in Latein geschrieben. Deshalb konnte sie ausschließlich von Pfarrern, der gebildeten Oberschicht und in Klöstern gelesen werden. Das gemeine Volk war auf die Auslegung des Klerus und die bildlichen Darstellungen der biblischen Geschichten angewiesen.

Das änderte sich grundlegend durch Martin Luther. Seine Übersetzung des „Neuen Testaments“ in die von ihm wesentlich geprägte deutsche Schriftsprache machte das „Wort Gottes“ für alle lesbar. Die geniale Übersetzung basiert auf der griechischen Textausgabe des Erasmus von Rotterdam. Die katholische Kirche war natürlich nicht begeistert, denn sie verlor die Deutungshoheit über die „Heilige Schrift“. In Zugzwang legte sie zwei Übersetzungen vor, die eine plagiatorische Nähe zur Luther-Bibel aufwiesen, sodass man die Herausgeber posthum zum „Dr. schummel cum laude“ promovieren müsste.

Im 19. Jahrhundert, der Entstehungsperiode vieler Studentenlieder, wurde das Feiern, Trinken und Wandern gern in Latein besungen.

Drum Gaudeamus igitur

gehört zur alten Singkultur.

Auch sonst wird meist ganz ungezwungen

höchst elitär Latein gesungen.

Bei Licht besehen singt der Haufen

den ganzen Abend nur vom Saufen.

Doch niemand juckt’s, was er da singt,

wenn es nur schön erhaben klingt.

Gelegentlich wurden aber auch ernste Verse in Noten gesetzt. Doch welcher Zecher kennt noch die historischen Wurzeln des Liedes „O alte Burschenherrlichkeit“?

„Wo sind sie, die vom breiten Stein

nicht wankten und nicht wichen,

die ohne Spieß bei Scherz und Wein,

den Herrn der Erde glichen?“

Der breite Stein war die Pflasterung in der Straßenmitte. Links und rechts davon gab es keine Befestigungen. Bei Regenwetter waren die Seitenstreifen von Fuhrwerken zerfahren und schlammig. Derjenige, der vom breiten Stein nicht wich, zwang den Entgegenkommenden, in den Morast zu treten. Das Vorrecht des trockenen Fußes wurde in vielen Universitätsstädten von Studenten beansprucht. Wer nicht unaufgefordert auswich, handelte sich schnell eine Kontrahage ein.

Schlimmeres ist aus der griechischen Mythologie überliefert: König Ödipus, nicht zu verwechseln mit Ödipussi von Loriot, wurde wegen der Vorfahrtsregel auf dem breiten Stein zum Vatermörder. In einer hohlen Gasse akzeptierte König Laios von Theben die korinthische Vorfahrt seines Sohnes nicht und wurde im Duell von ihm getötet. Nach Sigmund Freud war die Sache aber komplexer. Deshalb spricht man vom Ödipus-Komplex.

Das „Jägerlatein“ ist vermutlich so alt wie die Jagd, denn die Jäger der Urzeit nutzten ihre sieben Sinne zur Jagd und ihre Phantasie für Berichte über ihre Erfolge bei der Jagd auf Großwild. Als Klassiker des Jägerlateins gilt Carl Friedrich von Münchhausen mit seinen unglaublichen Jagdgeschichten. Die Übertreibungen hinsichtlich von Zahl und Größe der erbeuteten Tiere werden umgangssprachlich als fabulieren bezeichnet. Bismarck stellte dazu fest:„Es wird nie so viel gelogen wie vor der Wahl, während des Krieges und nach der Jagd.“

Analoge Übertreibungen aus dem Umfeld der Sportfischerei werden „Anglerlatein“ genannt.

Arztbriefe oder Röntgenbilder sind für Patienten ein Buch mit sieben Siegeln. In Arztbriefen wimmelt es von lateinischen Begriffen. Das fördert die Hochachtung vor den „Göttern in Weiß“ und verleiht ihnen die Deutungshoheit über die Krankheiten ihrer Patienten. Aus der „mäßig lumbosacral betonten Spondylarthrose” wird dann ein „mäßiger Gelenkverschleiß der Wirbelkörper im Bereich des Kreuzbeins und der Lendenwirbelsäule.”

Vom „Porzellan-Syndrom“ sprechen Ärzte untereinander, wenn die Patientin oder der Patient nicht alle Tassen im Schrank hat. Und in der Diagnosemedizin grassiert der Begriff „Amortisations-Syndrom“. Das bedeutet, die teuren Geräte müssen eingesetzt werden, damit sich das investierte Kapital amortisiert.

Bei „idiopathisch“ ist Vorsicht geboten, denn es bedeutet, dass der Doktor keine Ahnung hat, woher die Beschwerden kommen.


 

 


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