Kunsthalle Osnabrück: Revolution & Architektur

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Osnabrück – Mit  „Revolution & Architektur“  konzipiert, baut, gestaltet und öffnet Christoph Faulhaber (*1972 in Osnabrück, lebt in Hamburg) in der Kunsthalle Osnabrück eine ganze Reihe von sehr unterschiedlichen Reflexionsräumen  und fragt: Wenn die Weltpolitik eine Rundrumsatire ist, welche Aufgabe bleibt dann noch für den Künstler? Oder: Wie soll die Kunst mit der diagnostischen Diskursschwäche von Kernbegriffen (wie Freiheit, Veränderung, Widerstand) umgehen?  Um das Revolutionäre an diesen „Architekturen“ zu entdecken, muss man den Blick auf gesellschaftliche Implikationen von Raumgestaltung im Allgemeinen richten, so das Konzept der Ausstellung (Dr. Julia Draganovic).

Christoph Faulhaber: Paradies. Installationsansicht aus der Ausstellung „Revolution & Architektur“, Kunsthalle Osnabrück 2018, 70 Kunststoffbälle, farbig, Durchmesser 300 cm
Foto: Angela von Brill/Courtesy Christoph Faulhaber & Kunsthalle Osnabrück

Christoph Faulhaber führt den Besucher durch bewusst gesetzte Reihungen seiner Raumsequenzen auf eine Vielzahl von Spuren: Unter dem Titel „Kurie“ erwartet den Besucher im Foyer der Kunsthalle eine Pflanzenlandschaft mit Leihgaben aus Osnabrücker Wohnzimmern. Im Kirchenschiff ist mit Hilfe von 80 Kunststoffballons mit einem Durchmesser von je drei Metern das Ambiente eines unheimlichen Vergnügungsparks entstanden. Die Flure des Kreuzgangs sind mit ausgewählten Zeitungscollagen, Objekten und  auch architektonischen Modellen aus dem Archiv des Aktions- und Performancekünstlers tapeziert. In die Rekonstruktion des Bernsteinzimmers darf man nur von außen hinein schauen und findet in einer mit Seide rotausstaffierten Vitrine eine Sammlung von veredelten Nasensekreten („Popeln“). Im Innenhof des ehemaligen Dominikaner Klosters eröffnet sich mit einem 12 Meter hohen, frei stehenden Gerüst und einer entsprechenden Fassadenverkleidung das Szenario der „Phantom of Punk“ genannten Initiative Christoph Faulhabers für die „Rote Flora“ in Hamburg 2016. Im Forum tritt der Besucher dann in Faulhabers filmische Autobiographie „Jedes Bild ist ein leeres Bild“,  wie in das Auge des Zyklons: Das Werk wird in 15 Einzelfilme gesplittet und umgibt den Besucher kreisförmig.

Faulhaber spielt mit den Bilderwartungen des Publikums und agiert mit sichtbarer Freude an Irreführung, Irritation und  Provokation. Das an der Konkreten Kunst geschulte Bildgedächtnis des Osnabrücker Publikums  bedient er  beispielsweise mit bekannten Formen und Farben, stößt es aber möglicherweise mit dem von ihm gewählten Material vor den Kopf: Seine überdimensionierten aufblasbaren Bälle wurden, wie fast ausschließlich alle Produkte des zeitgenössischen Eventbetriebs, in China hergestellt und sind, wie die Coca Cola Werbung 1990 so schön formulierte, „unkaputtbar“ – mit allen ökologischen Konsequenzen.

Dasselbe kann man von der in das gelbe Licht von Natriumdampflampen getauchten grünen Pflanzenlandschaft im Eingangsbereich nicht sagen. Die Kunsthalle Osnabrück geht hier im Auftrag des Künstlers auf ein sensibles Leihgeschäft ein. In Ermangelung eines ausgedehnten Kunstsammlerwesens in der Friedensstadt wurden die Bürger aufgerufen, ihre Zimmerpflanzen in den Kunststatus zu erheben. Den Kuratoren obliegt die sorgsame Pflege der empfindlichen Leihobjekte, deren Endlichkeit immer im Bewusstsein Leihnehmer präsent bleibt und den Leihgebern eine temporäre Erfahrung des „Mit-einer-Lehrstelle-leben“ ermöglicht.

Die Einzelausstellung von Faulhaber zeigt neben den zwei Eigenproduktionen für das Foyer und das ehemalige Kirchenschiff, das mit einer Ausstellungsfläche von rund tausend Quadratmetern und einer Höhe von 21 Metern sicher zu den anspruchsvollen Produktionsorten Deutschlands gehört, auch eine Art Retrospektive des Künstlers „in nuce“: 16 Projekte werden als Videos vorgestellt und in der eigens für die Ausstellung geschaffenen Archivpräsentation kann man den Kontext und die Arbeitsweise des Künstlers an 15 Beispielen studieren. Darüber hinaus wird die Rekonstruktion des Bernsteinzimmers rekonstruiert und es gibt zahlreiche Einzelarbeiten zu sehen.

Die beiden ortspezifischen Produktionen schließen nahtlos an die Osnabrücker Geschichte und Alltagskultur an. Friedrich Vordemberge-Gildewart (1988-1962) ist ein „gefeierter Sohn“ der Stadt. 2015 beschäftigte sich die Kunsthalle in der Ausstellung „Konkret mehr Raum“ auf seinen Spuren mit geometrischen Gestaltungsformaten in Kunst und Architektur. Die permanente Installation der „Gildewart Line“ von Pedro Cabrita Reis gehört seither zur Außenfassade der Kunsthalle Osnabrück und visualisiert die Auseinandersetzung mit dem Graphiker, Maler und Bildhauer Vordemberge-Gildewart.

„Kurie“, die Pflanzenlandschaft im Foyer, erschließt sich auch vor dem ökologischen Hintergrund Osnabrücks: Die Stadt ist Sitz der Deutschen Bundesstiftung Umwelt und deutschlandweit die größte Stadt, die von einem Naturschutzpark (mit Namen Terra Vita) umgeben ist. Faulhaber stellt nun beide Formen von Selbstverständnis, das Erbe der Konkreten Kunst ebenso wie  das Umweltbewusstsein seiner Geburtsstadt, auf die Probe und fragt nach dem gewandelten Selbstverständnis der Kunst: 2010 beendete der Künstler ein Interview mit dem Kunstkritiker Oliver Zybok mit folgenden Worten: „Wer es nicht aushält, dass die Kunst in der Lage ist, eine Welt zu zerstören, um eine neue aufzubauen, der hat sich die Conditio Humana und die ideengeschichtliche Entwicklung nicht genau angesehen.“ – (Kunstforum International, Bd. 205). Der Band trug den Titel „Vom Ende der Demokratie“.

Die Ausstellung wurde von Dr. Julia Draganovic mit kuratorischer Assistenz durch Anna Bittner kuratiert. Begleitend zur Ausstellung ist die Herausgabe einer Monographie, herausgegeben von Dr. Sabine Maria Schmidt in Zusammenarbeit mit Dr. Julia Draganovic und Christoph Faulhaber, geplant. Der Erscheinungstermin wird gesondert bekannt gegeben.

Die Ausstellung wird ermöglicht durch die Kooperation mit den Freunde der Kunsthalle Osnabrück e.V., die Unterstützung des Landschaftsverbands Osnabrücker Land e.V., des Niedersächsischen Ministerium für Wissenschaft und Kunst, der Stiftung Kunstfonds und der Stiftung Sparkasse Osnabrück.

Öffnungszeiten
Dienstag:13 bis 18 Uhr
Mittwoch bis Freitag: 11 bis 18 Uhr
am zweiten Donnerstag im Monat: 11 bis 20 Uhr
Samstag/Sonntag: 10 bis 18 Uhr

Kunsthalle Osnabrück / Hasemauer 1 / 49074 Osnabrück
www.kunsthalle.osnabrueck.de


 

 


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