Ruhrtriennale: In Zeiten des Umbruchs

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Bochum – „Nicht schlafen“ ist der Name der Tanztheaterproduktion von Alain Platel (Regie) und Steven Prengels (Komposition und musikalische Leitung) mit der Compagnie les ballets C de la B. Sie wurde gerade während der diesjährigen Ruhrtriennale in der Jahrhunderthalle in Bochum uraufgeführt. Das Stück wurde unter anderem von der Ruhrtriennale ko-produziert.

Probenfoto "Nicht schlafen" Tanztheater von Alain Latel - Foto: Chirs van der Burght

Probenfoto „Nicht schlafen“ Tanztheater von Alain Latel – Foto: Chirs van der Burght

Wer nach diesem ebenso emotionalen wie irritierenden Tanzabend tatsächlich  „nicht schlafen“ kann, der mag die eindringlichen Bilder und den  suggestiven Soundtrack aus Geräuschen, Klängen und Versatzstücken aus dem Musikwerk von Gustav Mahler nicht so einfach aus dem Kopf bekommen. Der auch als Mahler-Projekt angekündigte Abend, eine Art Pastorale, hat eine langanhaltende Wirkung, zumal Anspielungen auf die aktuellen Konflikte in der Welt nicht zufällig sind. Ein Ende der Kriege, Frieden und Erlösung sind nicht in Sicht.

Jeder gegen jeden beim Tanztheater "Nicht schlafen" - Foto: Chirs van der Burght

Jeder gegen jeden beim Tanztheater „Nicht schlafen“ – Foto: Chris van der Burght

Angefangen hat alles bei Alain Platel und Steven Prengels mit der Musik von Gustav Mahler, von der es heißt, dass sie die gesellschaftlichen Umbrüche und den ersten Weltkrieg zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts antizipiert hat. Für seine neue Kreation hat sich Alain Platel aber nicht nur von Mahlers Musik inspirieren lassen, sondern auch von dessen Biografie, von dem Ort und von der Zeit, in der der Komponist lebte. „Der Historiker Philipp Blom beschreibt diese Zeit eindringlich in seinem Buch ‚Der taumelnde Kontinent‘; das Buch wird für Alain Platel der Ausgangspunkt der Probenarbeit mit seinen Tänzerinnen und Tänzern. Blom entdeckt nicht nur Parallelen zwischen den damaligen Ereignissen und unserer Gegenwart, er zeigt auch, inwiefern Mahlers Musik und die Kunst im Allgemeinen ein Ausdruck der Wirrungen und Emotionen jener Zeit war.“ (Programmheft)

Alain Platel, Steven Prengels, Berlinde De Bruyckere, les ballets C de la B: nicht schlafen/ Ruhrtriennale 2016

Alain Platel, Steven Prengels, Berlinde De Bruyckere, les ballets C de la B: „Nicht schlafen“ – Foto: Chris van der Burght / Ruhrtriennale 2016

Zu Mahlers Musik kreierte Steven Prengels irritierende Soundscapes mit Kuhglocken und den Atemgeräuschen von schlafenden Tieren. Mitunter weiß man nicht, ob die Geräusche von den Tänzern oder vom Band kommen. Der Sound ist laut und eindringlich, teilweise ist man an die elektrisierende Wucht und den stampfenden Rhythmus von Igor Strawinskys „Le sacre du printemps“ erinnert. Von Johann Sebastian Bach wird „Den Tod niemand zwingen kunnt“ angespielt und von Mahler tauchen einige der emotionalsten Motive und Sätze aus Sinfonien auf und werden in die Soundscapes gemischt. Dazu singen zwei kongolesische Sänger, die gleichzeitig auch tanzen. Zu den eindringlichen Rhythmen afrikanischer Musik formiert sich die Compagnie zu einer Art rituellem Tanz.

Alain Platel, Steven Prengels, Berlinde De Bruyckere, les ballets C de la B: nicht schlafen/ Ruhrtriennale 2016

Alain Platel, Steven Prengels, Berlinde De Bruyckere, les ballets C de la B: „Nicht schlafen“ – Foto: Chris van der Burght / Ruhrtriennale 2016

„Fragt man den Komponisten Steven Prengels, der für ‚nicht schlafen‘ die Soundscapes kreiert, nach der Bedeutung von Mahlers Musik, muss er nach einer Antwort suchen: ‚Was diese Musik aussagt, weiß ich nicht – auf jeden Fall tut sich beim Hören eine ganze Welt auf. In der Vorstellung reflektieren wir Mahlers Welt mit ihren heftigen Brüchen, Kontrasten und plötzlichen Wendungen und erschaffen – es fällt mir schwer, die passenden Worte zu finden – eine Art paralleles Universum, in dem Ursache und Wirkung, Gut und Böse keine Rolle spielen und unsere Zivilisation nur eine dünne Farbschicht ist, die man leicht abkratzen kann.“

Die Zuschauer werden empfangen von einem Bühnenbild, das durchaus Widerwillen und Ekel, Schrecken und Grausen auslöst. Die Provokation ist gewollt, wiewohl sie sich inhaltlich nicht wirklich auflöst. Aber der Zuschauer ist vom ersten Moment wach, hellwach und emotionalisiert. Es ist die Einstimmung auf eine Auseinandersetzung mit dem Tod, mit Gewalt, Leiden und Hoffnungslosigkeit. Fast scheint es, als läge der Geruch von Verwesung in der Luft.

Auf einem Podest sind drei Kadaver von Pferden zu einer bizarren Skulptur gestapelt, so als wollten sie die Erinnerung an ein gewaltsames Geschehen wach halten. Sie liegen auf einigen Holzpaletten, die zu einer Bahre geformt sind. Auf ihr könnten sie gleich zu einem Abdecker gebracht werden. Die toten Pferde können als Metapher auf die beiden Weltkriege gesehen werden, in deren mörderischen Schlachten auch Millionen von Pferde verreckt, verhungert und getötet worden sind. Pferde waren schon immer ein günstiges militärisches Transportmittel. Sie wurden für den Nachschub von Munition und den Transport von Kanonen in unwegsamem Gelände genutzt.

Die Bühne ist nach zwei Seiten hin von einer maroden, fleckigen, teilweise verschlissenen Decke aus Sackleinen begrenzt. Sie wirkt wie eine Art archaischer Behausung oder wie ein großes Zelt, das irgendwo da draußen in einem unwirtlichen Niemandsland ein bisschen Schutz bieten soll.

Die Geschichte von „nicht schlafen“ wird nicht stringent erzählt, sondern besteht aus einer Collage von Versatzstücken und Splittern, die sich wie in einem Kaleidoskop um ein Zentrum drehen. Im Mittelpunkt stehen Gewalt und Tod.

Erarbeitet wurde die Choreographie mit den Tänzern, die wie das Völkergemisch zusammengesetzt erscheint, das derzeit wie die rund 60 Millionen Flüchtlingen auf der Welt unterwegs ist, um Schutz, Nahrung und Frieden zu suchen. Acht Männer und eine Frau: Bérengère Bodin, Boule Mpanya, Dario Rigaglia, David Le Borgne, Elie Tass, Ido Batash, Romain Guion, Russell Tshiebua, Samir M’Kirech. Sie treffen und begegnen sich, kämpfen und rivalisieren miteinander, verbinden und trennen sich wieder. Brutalität und Gewalt, Mord und Totschlag sind allgegenwärtig. „Homo homini lupus“ – der Mensch ist dem Menschen ein Wolf…

Die erste Auseinandersetzung geht buchstäblich bis auf die Knochen. Jeder gegen jeden und das mit einer Brutalität, die selbst für die Zuschauer schmerzhaft ist. Mitfühlen und Mitleiden werden bis auf äußerste strapaziert. Gleich im ersten Kampf überwältigen sich die Protagonisten gegenseitig in einer Weise, dass buchstäblich die Fetzen fliegen. Nach und nach werden ihre Kleidungsstücke zerfetzt und fliegen über die Bühne, bis alle schutzlos, fast nackt sind. Die Schläge auf die nackte Haut knallen und klatschen wie brutale Peitschenhiebe.

Die „Tänzer krümmen und winden sich, versuchen zueinander durchzudringen, überlassen sich einer Folge von nervösen, autistisch anmutenden, kleinen Bewegungen oder werden von kompulsiven Spasmen und Kontraktionen übermannt – und reißen die Zuschauer in diesen ‚rollercoaster‘ mit hinein.“ (Programmheft)

Die Bewegungen münden in ohnmächtige Wut und totale Verzweiflung. Höhepunkt ist die martialische Behandlung eines jungen Mannes, der nach einer Auseinandersetzung als Leiche auf der Bühne liegen bleibt.

Alle anderen Darsteller vergreifen sich an dem leblosen Körper, schlagen und schmeißen ihn zu Boden, kneifen und verdrehen ihn als sei er nur eine gefühllose Puppe. Mal scheint es die Fortsetzung der Gewalt, ein Übertöten, mal der verzweifelte Versuch den toten Körper wieder zum Leben zu erwecken Aber es ist ein Mensch: Als Zuschauer kann man diese Behandlung kaum mehr aushalten, wiewohl sie von dem Darsteller mit einer unglaublichen Körperbeherrschung und Gelassenheit ertragen wird. (Jörg Bockow)

Ruhrtriennale 2016

Kultur Ruhr GmbH / Leithestraße 35 / 45886 Gelsenkirchen
Telefon 0209 – 60507100

www.ruhrtriennale.de

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