200 Jahre Westfalen: Gegensätze und Toleranz

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Dortmund – Die Ausstellung „200 Jahre Westfalen. Jetzt!“ zeigt seit dem 7. Januar 2016  ihren dritten  Themenschwerpunkt „Was uns bewegt  – Gegensätze und Toleranz“. Die Ausstellung zum 200. Geburtstag des modernen Westfalens ist eine weitere  Stärkung der Kulturstadt Dortmund und ihrer Museumslandschaft. Nicht zuletzt durch die Eröffnung des Kulturzentrums Dortmunder U bekommt die größte Stadt Westfalens zusätzliche kulturelle Impulse.

200 Jahre Westfalen

3. Territorium: Gegensätze und Toleranz. Bilder von ankommenden Flüchtlingen am Dortmunder Bahnhof von Dirk Planert. Foto: Cathleen Tasler

In der Ausstellung des Dortmunder Museum für Kunst und Kulturgeschichte ist das Territorium, der 400 Quadratmeter große Hauptraum, eine wandelbare „Spielfläche“. Hier erzählen jetzt Exponate und deren Inszenierung von Heimat und Fremde. Es geht um Immigration und Emigration, um Flüchtlinge und Zwangsarbeit, um lebendigen Katholizismus, mildtätigen Pietismus und religiöse Vielfalt.

Mit den ökonomischen, politischen und sozialen Umwälzungen des 19. Jahrhunderts und der wachsenden Zuwanderung in der Zeit der Industrialisierung verschob sich das konfessionelle Gefüge.

200 Jahre Westfalen

3. Territorium: Thema „Gegensätze und Toleranz. Figurengruppe von einem der acht Marienbogen, die zu Mariä Himmelfahrt in Warendorf aufgestellt werden, Bogengemeinschaft Oststraße Warendorf; Foto: Waltraud Murauer-Ziebach

Mit der Gründung der preußischen Provinz Westfalen bestimmten ab 1815 preußische Beamte die Geschicke in Westfalen. Neben der sprichwörtlichen preußischen Gründlichkeit brachten sie ihre „Staatsreligion“ mit, den Protestantismus. Man baute in Arnsberg einen Straßenzug mit repräsentativen Wohnungen samt Kirche für die preußische Administration.

Doch die Etablierung neuer Strukturen war nicht konfliktfrei. Es gab Religionsstreitigkeiten, machtpolitisch motivierte Auseinandersetzungen und Maßregelungen, die zu Gegenreaktionen bis hin zu Auswanderungswellen führten. Sogenannte Mischehen zwischen Partnern verschiedenen Konfessionen erregten die Gemüter. Ab 1871 sollte der Einfluss der Kirche auf den Staat mit Gesetzen zurück gedrängt werden. Doch noch in den 1960er Jahren gab es in Westfalen Schulen mit getrennten Toiletten und mit separaten Bereichen für Protestanten und Katholiken auf den Schulhöfen.

3. Territorium: Gegensätze und Toleranz. Blick in die Ausstellung. Li: Göttin Lakshmi auf einem Pferdewagen, Sri Kamadchi Ampal Tempel, Hamm-Uentrop; Mitte: Berghofer Monstranz, Dortmund; Re: Diestedder Palmhahn, Wadersloh Krankenfahrstuhl aus Bad Oeynhausen, Stadtmuseum Gütersloh; Foto: Cathleen Tasler

3. Territorium: Gegensätze und Toleranz. Blick in die Ausstellung. Li: Göttin Lakshmi auf einem Pferdewagen, Sri Kamadchi Ampal Tempel, Hamm-Uentrop; Mitte: Berghofer Monstranz, Dortmund; Re: Diestedder Palmhahn, Wadersloh Krankenfahrstuhl aus Bad Oeynhausen, Stadtmuseum Gütersloh; Foto: Cathleen Tasler

In katholischen Gebieten von Westfalen hat die Marienverehrung eine starke Tradition. Mehr als 100.000 Katholiken pilgern in jedem Jahr zur hölzernen Mutter Gottes nach Telgte. Tausende Pilger besuchen das „Heimatfest“ in Warendorf, eine einzigartige Kombination von Marienverehrung, Bürgerschützenfest und Mariä Himmelfahrts-Kirmes.

Nach dem Zweiten Weltkrieg haben sich Wallfahrtstraditionen von Vertriebenen, Aussiedlern und Russland deutschen etabliert. Westfalen war eine der größten Aufnahmeregionen für Flüchtlinge aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten.

Blick in die Ausstellung „200 Jahre Westfalen. Jetzt!“, Foto: Jürgen Spiler

Blick in die Ausstellung „200 Jahre Westfalen. Jetzt!“, Foto: Jürgen Spiler

Die 200 Jahre Westfalen-Ausstellung spiegelt religiöse Bräuche mit großen Exponaten, wie einer imposanten Figurengruppe aus Warendorf, kleinen Erinnerungsstücken, neuen und alten Fotografien.

1847 wurden die jüdischen Religionsgemeinschaften in Westfalen erstmals als öffentlich-rechtliche Körperschaften anerkannt. Nach dem Zweiten Weltkrieg brachten Arbeitsmigranten ihren jeweiligen Glauben mit in die Region. Das orthodoxe Christentum wurde heimisch. Moscheen entstanden, und heute steht in Hamm einer der größten Hindu-Tempel Europas.

Blick in die Ausstellung „200 Jahre Westfalen. Jetzt!“, Foto: Jürgen Spiler

Blick in die Ausstellung „200 Jahre Westfalen. Jetzt!“, Foto: Jürgen Spiler

Bilder der renommierten Fotografin Brigitte Krämer zeigen Impression der farbenfrohen Prozessionen rund um den Sri-Kamadchi-Ampal-Tempel und weitere Religionsgemeinschaften aus Westfalen. Der tamilische Priester des Tempels, ein Bürgerkriegsflüchtling aus Sri Lanka, lebte anfangs im Aufnahmelager Unna-Massen.

In Unna-Massen entstand nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs ein zentrales Aufnahmelager, ein Massenquartier für Flüchtlinge und Vertriebene. Es war eine „Stadt in der Stadt“ mit Kindergarten, Schule, Sportplatz, Kirche und Krankenstation. In sechs Jahrzehnten wurden mehr als 2,5 Millionen Menschen aufgenommen. 2009 sollte „Unna-Massen“ geschlossen werden, doch obwohl Teile des Areals unterdessen anders genutzt werden, hielten sich im Oktober 2015 wieder durchschnittlich 1.000 Flüchtlinge dort auf. Tendenz steigend.

Nach Kriegsende war überall der Wohnraum knapp. Im ostwestfälischen Örtchen Espelkamp lebten viele Vertrieben auf dem Gelände der ehemaligen Heeres-Munitionsanstalt Lübbecke (Muna). Auf dem Reißbrett entstand hier das neue Espelkamp und wurde zur Heimat für zahlreiche Vertriebene. Straßennamen erinnern noch an die ehemaligen Heimatorte der ersten Einwohner.

Zur Zeit des Wirtschaftswunders kamen Gastarbeiter vor wiegend aus Griechenland, Italien, dem ehemaligen Jugoslawien und der Türkei. Ab den 1970er-Jahren ließen sich deutschstämmige Spätaussiedler, zum großen Teil Mennoniten, aus Russland, Kasachstan und anderen Staaten des ehemaligen Ostblocks in Espelkamp
nieder. Die Ausstellung wirft ein Streiflicht auf die Entstehungs- und Entwicklungsgeschichte des Ortes.

Eine ganz andere Migrationsgeschichte ist die der Zwangsarbeiter in der NS-Zeit. Immer noch wenig bekannt ist der menschenunwürdige Umgang mit den Entlassenen bis hin zu ihrer Ermordung zum Ende des Zweiten Weltkrieges. Schauplatz eines Massakers war der Arnsberger Wald. Nach der Entdeckung eines Massengrabes bei Suttrop befahl das amerikanische Militär, die Bevölkerungan den exhumierten Leichen vorbei zu führen, um ihr die Gräueltaten bewusst zu machen. 1947 entdeckte man bei Eversberg weitere 80 Hingerichtete. An der Fundstelle wurde ein großes hölzernes Sühnekreuz errichtet, das kaum drei Wochen nach seiner Aufstellung abgesägt wurde. Man beerdigte es an derselben Stelle, um es vor weiterem Vandalismus zu schützen. 1964 bargen Gymnasiasten das Sühnekreuz, es steht heute in einer Kapelle in Meschede und ist jetzt an zentraler Stelle in der Ausstellung zu sehen.

Auch Westfalen verließen ihre Heimat und begannen ein neues Leben in der Ferne. Gründe dafür gab es viele: Als Soldat auf der Suche nach Ruhm und Ehre, als Armutsflüchtling mit der Hoffnung auf eine bessere Zukunft oder auf der Flucht vor Verfolgung und Tod. Heute zeugen wenigstens acht „Westphalias“ von westfälischen Stadtgründungen in den USA. Dazu kommen viele Siedlungen, die nach Orten in der Heimat benannt sind.

Im dritten Territorium von „200 Jahre Westfalen. Jetzt!“ sind die Ausstellungsvitrinen auf einem großen roten Teppich in der Mitte des Raumes konzentriert worden. Ein Tisch mit Bildern und Objekten ist entstanden , die die Vielfalt der Kulturen auf unterschiedlichste Art zeigt. Da finden sich in der Nachbarschaft der seliggesprochenen Maria vom göttlichen Herzen (1863 – 99, geb. Gräfin Droste zu Vischering) oder der Heiligen Barbara fernöstliche und jüdische Kultgegenständen oder Fotografien von praktizierenden Buddhisten wieder. Eben ein bisschen so, wie im richtigen Leben …

Museum für Kunst und Kulturgeschichte / Hansastr. 3 / 44137 Dortmund
Telefon 0231 – 5025522

www.200JahreWestfalen.Jetzt

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