Vorhang auf für die Ruhrfestspiele

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Recklinghausen – So gehen Eröffnungen! Mit einem Paukenschlag und einem optischen Feuerwerk sind die Ruhrfestspiele in Recklinghausen vor wenigen Tagen eröffnet worden.  Das Publikum hat den fulminanten Start goutiert und mit frenetischem, langanhaltenden Applaus bedacht. Den Auftakt bildete die Eröfnungsproduktion „Der Sandmann“ von E.T.A. Hoffmann in einer spektakulären Inszenierung von Robert Wilson. Nach seinem Gastspiel während der Ruhrfestspiele ist die Koproduktion ab dem 20. Mai am Schauspielhaus in Düsseldorf zu sehen.

„Der Sandmann“ (vlnr) Christian Friedel, Rainer Philippi- Fotos: Lucie Jansch

Ein Junge wächst zum Mann heran und wird im Zuge dessen wahnsinnig – so ließe sich E. T. A. Hoffmanns 1816 erschienene Erzählung „Der Sandmann“ auf den Punkt bringen. Die Schauermär geht von einem Kindheitstrauma aus: Der Vater des kleinen Nathanael, ein heimlicher Alchemist, verunglückt bei einer Explosion tödlich. Der Junge glaubt, das tragische Ereignis müsse mit dem Sandmann in Verbindung stehen, von dem die Mutter oft erzählt: Er streut Kindern, die nicht schlafen wollen, Sand in die Augen, bis diese ihnen blutig aus dem Kopf springen.

Rosa Enskat in der Rolle der Mutter von Nathanael

Nathanael, inzwischen zum Studenten herangewachsen, verliebt sich in Olimpia, eine Automaten-Frau aus Holz und Wachs. Erst als der Holzpuppe die Augen ausgerissen werden, erkennt Nathanael, dass er einen Automaten liebt. Er verfällt dem Wahn und stürzt in den Tod.

Im Sinne der „Schwarzen Pädagogik“ dient die grausige Gutenachtgeschichte dazu, das Kind mittels Angst zu kontrollieren – mit unabsehbaren Folgen. Für Nathanael verschwimmen die Grenzen zwischen Realität und Wahn. Verzauberte Augengläser, lebendige Puppen und sich drehende Feuerkreise – die Geister der Vergangenheit holen ihn ein. Hoffmann thematisiert damit als einer der ersten die Angst des Menschen in der Moderne.

Christian Friedel in der Rolle des Nathanael

Robert Wilsons Gesamtkunstwerke entfalten ihre Wirkung mit feinsinnigen Lichtkompositionen, präzisen Bewegungsabläufen und einem buchstäblich coolen  Designs. Dafür greift Wilson tief in die Trickkiste des Theaters und nutzt alles, was Theater heute zu bieten hat. An seiner Seite: die britische Singer-Songwriterin Anna Calvi, die für dramatisch-morbiden Rock und poetische Texte steht. Ihre dunkle Stimme und das virtuos-gefühlvolle Gitarrenspiel sind unverwechselbar.

Der amerikanische Regiestar Robert Wilson setzt jedem Stück durch seine perfektionistische Inszenierung seinen eigenen Stempel auf. So auch beim „Sandmann“. Wilson ist ein Theatermaniak, der die Zuschauer in eine Art Rausch versetzen will. Kein Wunder: Dem Publikum gehen buchstäblich Ohren und Augen über.

Gleich zu Beginn lassen die Musik und Songtexte von Anna Calvi die Trommelfelle erzittern. Mit einem ohrenbetäubenden Auftakt wird das Publikum bei der „Rockspektakel“ fast aus den Sitzen gerissen, um dann durch die feingesponnen Lichtspiele zum Staunen gebracht zu werden.

Yi-An Chen in der Rolle der Puppe „Olipia“

Wilson gelingt es wie kaum einem Zweiten eine Bühne zu bespielen und durch eine präzise Lichtführung eigene Räume entstehen zu lassen. Licht und Farben sind seine bevorzugten Mittel. Mal läst er seine Darsteller wie in einem Schattenspiel nur als Silhouetten auftreten, dann wieder erscheinen nur ihre Gesichter in farbigem Scheinwerferfokus mal vorne, mal in der Tiefe des Raumes, mal oben und mal unten. Der Regisseur avanciert zum Magier, der eine Sensationsmaschinerie bedient, um seine Zuschauer mit der kühlen Eleganz seiner Bilder zu betören. Bei alledem bleibt die Geschichte fast auf der Strecke, die Darsteller mutieren zu Marionetten. Bei aller Faszination streut Wilson damit seinem Publikum im übertragenen Sinne Sand in die Augen ganz so wie es der finstere Doktor Coppelius (Andreas Grothgar) tut.

Andreas Grothgar in der Rolle des

Der Westfälische Anzeiger kommt in seiner Rezension zu dem Schluß: „Wilson lässt die Rädchen des Theaterbetriebs offen schnurren. Der ‚Sandmann‘ ist metakluges Theater für Kenner; Zauber für längst Entzauberte. Wir wissen ja alle, wie es geht, wenn Nathanael Seiten umblättert, ohne das Buch zu berühren. Es ist so, als stünde man auf einem Nostalgie-Jahrmarkt und schaue in eine ‚Laterna Magica‘. Die Bilder sind umwerfend, aber man hat die Sicherheit, dass man hinterher ruhig wieder nach Hause geht.“

Nicht verhohlen werden darf, dass Wilsons Inszenierung des „Der Sandmann“ auch auf einem hervorragenden Ensemble gründet. Die Schauspieler überzeugen bei allen comicartigen Bewegungen und einer maschinenhaften Choreographie durch ihr präzises Spiel, ihre Sprache und nicht zuletzt durch ihren Gesang. Hervorragend besetzt: Nathanael (Christian Friedel) und Nathanaels Mutter (Rosa Enskat). Jörg Bockow

www.ruhrfestspiele.de


 

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